Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-01-30 · 5 (30.1.1903) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
5 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021499--12428-3037021
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

*tr. S «eite 7» Or. Blvch's Wochrnfttzrrtz. Feuilleton. Drei R. Novelle von Babette Fried» Prag. (Fortsetzung.) Wäre erst Paula Zeugin des Auftrittes gewesen, welcher sich im Familienzimmer avspielte, ihre Klagen wären noch bitterer gewesen. Dort saß nämlich Frau Trebitsch in einem bequemen Lehnstuhl an einem runden Tische, zu beiden Seiten Tochter und Schwiegersohn. Frau Trebitsch hatte eben den Lebenslauf Paulas erzählt und sich an den Hausherrn mit der Frage gewendet, ob er unter diesen Umständen gewillt sei, die Unglückliche, unschuldig Verfolgte im Hause zu behalten, und ihr, wenn auch nur für eine Zeit, die Erziehung der Kinder anzuvertrauen. Bevor dieser antworten konnte, fuhr ihn seine Frau zornig an: „Auf Dich zu sagen, Du wirst es jedenfalls wollen, ein schönes Gesichtchen hat Dir immer imponirt, dem zu Liebe thust Du Alles/ Verlegen und nach einer Antwort ringend, zupfte Engelmann an dem Ende seines Schnurrbartes. „Aber, Irma, mäßige Dich doch!" rief ihr die Mutter strafend zu, und sich an den Schwiegersohn wendend, sagte sie: „Aber laß' Dir doch nicht so was bieten, sei doch ein Mann und gib ihr die gebührende Abfertigung." „Warum denn Mama? Sie meint es doch nicht bös, nicht wahr, mein Kind? Irma, kirschroth vor Zorn, rief aus: „Keine Stunde darf mir so eine ehrvergessene Person im Hause bleiben. Ihr die Erziehung der Kinder anvertrauen? Um. keinen Preis! Die würde mir die Mädel schön heranbilden, daß sie solche Creaturen werden, wie sie selber ist. Was würden auch unsere Gutsnachbarn sagen? Weit ist es mit den Engelmanns gekommen, wenn sie sich eine solche Person aufgegabelt haben." Frau Trebitsch war von ihrem Sitze aufgestanden und sprach: „Selbst wenn Du Dich jetzt, in dieser Stunde noch, eines Bessern besinnest und die junge Dame, welche ich werthschätze, dazubleiben bätest, selbst dann ließe ich, ich selbst dies nicht zu. Denn diese Frau ist zu gut dazu, um das Opfer Deiner Laune, um keinen strengeren Ausdruck zu gebrauchen, zu werden. Sie wird morgen dieses Haus verlassen, in meiner Begleitung." Irma brach in Thränen aus. „Da siehst Du den Einfluß dieser elenden Person. Kaum weilt sie einige Tage in unserem gastfreien Hause, so stiftet sie Unfrieden zwischen den einzelnen Familiengliedern. Hatte ich nicht Recht, Bernard?" „Du hast ja immer Recht, Schatz, nur darfst Du Dich nicht aufregen, das schadet Deiner Gesundheit." Frau Trebitsch, empört über die Bosheit ihrer Tochter, nicht minder aber über das würdelose Benehmen ihres Gatten, verließ, ohne weiter eine Bemerkung zu machen, das Zimmer und begab sich in den Garten, woselbst Paula mit den Kindern spielte. Die Großmutter schickte letztere unter einem Vorwände in's Haus und forderte Paula auf. mit ihr in die Laube zu gehen, woselbst sie sich auf einer dort befindlichen Rasenbank niederließen. Dort theilte die alte Frau ihrer Zuhörerin in schonender Weise das negative Ergebniß der eben gepflogenen Unterredung mit. Paula hatte wohl nichts anderes erwartet, war aber dennoch todtenbleich geworden. Frau Trebitsch fuhr fort: „Liebe Frau Eisner! Bitte, betrachten Sie es als keine Zudringlichkeit von mir, sondern als Beweis der aufrichtigsten Theilnahme, welche mir Ihr trauriges Schicksal einflößt, wenn ich Ihnen jetzt einen Vorschlag mache. Liebe, gute Frau! So wehe es Ihnen auch thun mag, so müssen Sie sich es selber gestehen, daß Sie als Lehrerin oder Erzieherin wohl schwerlich einen Wirkungskreis finden. Es ist wohl nur ein Borurtheil. welches Sie verfolgt, nichtsdestoweniger ist dieses Borurtheil mächtig genug, um auf die Dauer selbst eine so starke, muthige Seele, wie die Ihrige, zu entmuthigen. Sie sind in den Händen der Frauen, und glauben Sie mir, kein Geschöpf auf Gottes weiter Welt ist so grausam wie eine Frau, wo es ihr anheimgegeben ist, eine unglückliche Mitschwester richten zu dürfen. Beugen Sie allein vor. Wählen Sie einen anderen, Ihrer Individualität angemessenen Beruf." „Was wäre das für einer?" „Ms ich vor Kurzem auf dem Friedhofe aus meiner Ohnmacht erwachte, sagte ich mir, es müsse so gut sein, in Krankheit von so zarten liebevollen Händen gepflegt zu werden. Werden Sie Krankenpflegerin. Frau Eisner!" Verständnißlos starrte diese die Sprecherin an. „Ich habe ja gar keine diesbezügliche Erfahrung, habe niemals einen Kranken gepflegt, außer meine arme Mutter, doch diese war so anspruchslos, daß sie fast gar keine Pflege beanspruchte." „Das macht nichts, antwortete die alte Frau. Sie werden es lernen. Dafür gibt es Anstalten. Morgen fahre ich von hier fort und nehme den Weg über Prag. Kommen Sie mit mir. Ich werde daselbst alle Schritte zu Ihrer Aufnahme in einer derselben unternehmen. Ein Kranker fragt nicht, was die Welt von seiner Pflegerin spricht, der wird ihr dankbar sein für jede ihm gewährte Dienstleistung. Und Ihr reiches Wissen, das wird Ihnen behilflich sein, sich eine ehrenvolle Stellung in Ihrer neuen Laufbahn zu erringen." Paula antwortete im Tone der tiefsten Dankbarkeit: „Gott lohne Ihnen Ihre Milde und Fürsorge für mich unglückliche Verlassene. Ich sehe, Sie haben Recht. Nur ein Unglücklicher kann Unglücklichen helfen, sie pflegen und trösten. Auf diese Weise hoffe ich der Welt nützen zu können und vielleicht das Glück zu erreichen, in den Besitz meiner drei R. zu gelangen." „Jedenfalls werden Sie innere Befriedigung erlangen und vor den Enttäuschungen geschützt sein, welche Ihrer bei Ihrer jetzigen Laufbahn harren." — — — — — — — Paula hatte sich ihre neue Lebensweise nicht leicht vorgesti-llt. aber diese stellte sich noch weit schwieriger dar. als sie es sich gedacht hatte. Denn die von einer allzuzärtlichen Mutter Erzogene hatte Alles eher aufzuweisen, als Geduld, und gerade diese Eigenschaft war nothwendig. wenn sie ihren neuen Beruf erlernen und später ganz und voll erfüllen sollte. Oft schien es der unglücklichen Frau, als müsse sie verzweifeln. Da war es immer wieder ein Traum, welcher sie mit ihrem jetzigen Schicksale aussöhnte, welcher ihr Kraft und Muth und jene Freudigkeit einflößte, um ihren gegenwärtigen Beruf mit ganzem Herzen zu erfüllen. Und zwar war dies nicht ein Traum, welcher ihr glänzende Zufluchtsgebilde vorgaukelte und die Hoffnung aus ein schönes kunftigs Leben erweckte. Nein, dieser Traum setzte sie in die Vergangenheit zurück. Gar oft. wenn sie entmuthigt sich zu einer Nachtwache im Krankenzimmer anschickte, und in den langen, bangen Stunden, wo sie so allein an dem Bette eines Schwerkranken saß und Zeit fand, über ihr Schicksal nachzudenken und die Frage: „Warum mir dies Alles", aufzuwerfen, da schien ihr das Leben ein so trauriges, hoffnungsloses zu sein, daß sie oft mit der Versuchung kämpfte, ihm ein Ende zu bereiten. Dann kam die Ablösung. Kaum war sie in ihr Zimmerchen zurückgekebrt und hatte das unbequeme schwarze Kleid mit ihrem leichten Nachtgewande vertauscht, da überfiel sie der Schlaf und sie sah sich im Traume in ihrer kleinen elegant eingerichteten Wohnung dort in der Judenstadt. Sie durchlebt im Traume noch einmal all die qualvollen Stunden, die sie an seiner Seite verlebt hatte. Sie sah sich an jenem verhängnißvollen Lol märe-Abende an dem offenen Fenster stehen und in die Dunkelheit Hinausstarren, ihren Mann erwartend, um mit ihm in die Synagoge zu gehen und gemeinsam zu beten — indeß er bequem in seinem Sperrsitze im Theater saß. Wenn sie dann, von Angstschweiß bedeckt, am ganzen Körper bebend, aus diesem schweren Traume erwachte und sich der Wirklichkeit bewußt war, dann faltete sie die Hand zum Gebete und Dankesworte entstiegen ihrer erleichterten Seele. Und wieder war sie für eine Zeit lang mit ihrem Schicksale ausgesöhnt. Nach einem solchen Traume stand sie freudig bewegt von ihrem Lager auf, ergriff beruhigten Gemüthes ihr schwarzes Gewand, das sie nie und nimmer mit den bunten feinen Kleidern, die sie als Frau Hugo Werner's trug, vertauscht hätte. Und immer, wenn sie der Nnmuth übermannte, so war es einzig und allein dieser Traum, welches ihr das jetzige Leben in freundlicherem Lichte erscheinen ließ. Bald wurde die stille blasse Frau der Liebling aller Aerzte der Anstalt und auch ihre Colleginnen blickten neidlos auf die bevorzugte Stellung, welche sie durch ihren Bildungsgrad und ihre Intelligenz daselbst einnahm. Denn niemals hatte sich Paula ihnen gegenüber einer Ueberhebung oder auch nur Unfreundlichkeit schuldig gemacht. Bald auch war es in der Krankenanstalt, an der sie wirkte, bekannt, daß Schwester Paula immer zur Be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.