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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-01-23 · 4 (23.1.1903) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
4 (23.1.1903)
Date
1903-01-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette II Vr. Vloch'K WvchrnfchrM. Nr 4 im Talmud examinirt wird/ Für dar 1889 in der Allgemeinen Kunstausstellung ausgestellte Bild .Sabbathanfang" hatte Asknazy die bronzene Medaille erhalten. Wilna. (Jüdische Antisemiten undChristen als Rabbiner.) Wenn es noch irgendwie möglich wäre, die von der Regierung den russischen Juden aufgehalste Institution der Kronrabbiner noch mehr herabzusetzen, so ist dieses durch die Ernennung des Theater-Recensenten Jakrin zum stellvertretenden Rabbiner in Mohilew geschehen. Dieser moralisch und intellektuell durchaus minderwerthige Mensch versieht seit einigen Jahren die gesummte antisemitische Provinzialpresse mit judenfeindlichen, im Geiste des weiland getauften Justus gehaltenen Arttkeln. Zum Danke dafür wurde er zum jüdischen Religionslehrer am Gymnasium zu Mohilew ernannt. Kurz darauf reichte Jakrin gegen den bisherigen Kronrabbiner Kagan eine Denunciation ein, in Folge deren dieser in Anklagezustand versetzt und einstweilen seines Postens enthoben wurde. Die Denunciation erwies sich in der Folge als durchaus erlogen und Kagan mußte vom Gericht freigesprochen und in sein Amt wieder eingesetzt werden. Allein die untergeordneten Provinzialbehörden benutzten diese Gelegenheit zu einem richttgen Dummenjungenstreich, indem sie den Bock züm Gärtner, resp. Monsieur Jakrin zum stellvertretenden Rabbiner ernannten. In dieser Eigenschaft stellte er während einer Zeit von zwei Jahren die Geduld der 15.000 Juden der Stadt Mohilew auf eine harte Probe, indem er die Kanzel mißbrauchte um seine jüdischen Zuhörer auf's Gröblichste zu beschimpfen. Freilich herrschte in der Synagoge. in der er sich als Prediger zu produciren Pflegte, stets eine gähnende Leere, indeß hatte er vor Kurzem einmal dennoch eine zahlreiche Zuhörerschaft. Es war dieses gelegentlich der Recrutenvereidigung und die große .Schul" war von nach vielen Hunderten zählenden aus dem ganzen Gouvernement Mohilew versammelten jüdischen Recruten und deren Angehörigen dicht gefüllt. Der stellvertretende .Rabbiner" und jüdische Antisemtt Jakrin konnte die Anwandlung nicht unterdrücken, die Jude« von der Kanzel herab ungestraft zu beleidigen und rief laut: .Soviel st_Juden." Der Mann konnte darauf ruhig die Amtshandlung beginnen, ohne daß einer der beleidigten Juden es gewagt hätte, ihn daxan zu hindern. Eine zweite nicht minder wichtige Schändung der Institution der Kronrabbiner haben sich die Behörden der Stadt Nowgorod erlaubt. In dieser von zahlreichen Juden bewohnten, außerhalb des Anfiedelungsrayons gelegenen Stadt ftmgirt, wie dem hebräischen „Hamelitz" mitgetheilt wird, seit mehreren Jahren ein richtiger christlich orthodoxer rechtgläubiger und nicht getaufter Russe als Kronrabbiner! Der Mann führt das Matrikelbuch, schließt und trennt jüdische Ehen und versieht sämmlliche Functtonen eines Kronrabbiners auf das Pünktlichste. Die Juden von Nowgorod lassen sich den christlichen Rabbiner ruhig gefallen. Sie haben privatim ihren orthodoxen Raw, der eine Autorität auf talmudischem Gebiete ist, und scheeren sich um den ihnen aufgehalsten Regierungsbeamten nicht im mindesten. Gegen den ihnen durch die Einsetzung eines Christen zum „Rabbiner" zugefügten Schimpf sind sie abgehärtet. Sind sie es doch gewöhnt, von den , Behörden auf Schritt und Tritt getankt zu werden und auf eine Kränkung mehr oder weniger kommt es wirklich nicht an. Vielleicht sind die Juden von Nowgorod noch besser daran als die von Mohilew, die zwar keinen Christen, dafür aber einen jüdischen Antisemiten und Denuncianten zum Rabbiner haben. London. (Ableben des Lord Pirbright.) Das englische Judenthum hat den Tod eines der beiden in England lebenden jüdischen Lords zu beklagen. Lord Henry Pirbright. nÄst Lord Rothschlld der zweite jüdische Lord in England, ist am 9. Jänner im Alter von 62 Jahren einem schweren Lungenleiden erlegen. Der Verstorbene wurde 1840 in London als drttter Sohn des aus Frankfurt eingewanderten Solomon Worms geboren. Der Vater Solomon Worms, Benedict Worms, hat eine Tochter des alten Meyer Amschel Rothschild geheiratet und dadurch den Grund zu der Größe des Hauses Worms gelegt. Ihre Capttalien legten die Worms frühzeitig in Ceylon an, wo sie eine umfangreiche Plantage .Rothschild" errichteten und dadurch wesentlich zur Entwicklung Ceylons beitrugen. 1870 wurde Solomon Worms österreichischer Baron und 3 Jahre später gestattete die Königin Victoria dem Manne, der sich um Ceylon so verdient gemacht hatte, diesen Titel in England führen zu dürfen. Dem jetzt verstorbenen Lord Pirbright war es aber bestimmt, den Glanz des Hauses Worms noch weiter zu steigern. Ursprünglich Rechtsanwalt, that er sich zunächst im jüdischen Gemeindeleben Londons und später im Leben der Londoner Commune hervor. Nach einigen mißglückten Versuchen, ins Unterhaus zu gelangen, wurde er endlich 1880 in Greenwich und 1885 in Liverpool als Mitglied der conservativen Partei gewählt. Seine glänzenden Fähigkeiten brachten ihn rasch vorwärts, so daß er 1886 Minister für die Colonien wurde. Gleichzeitig wurde er Mitglied des geheimen Cabinets und Bertteter Englands an der internationalen Zuckerconferenz, die im folgenden Jahre in London angehalten wurde. 1895 wurde er unter dem Titel eines Lord Pirbright zum Mitglied des Oberhauses erhoben, nachdem er durch eine ihm zugefallene große Erbschaft in den Stand gesetzt worden ist, als Peer von England zu leben. Als Jude hat sich Henry Worms in der ersten Zeit seiner polittschen und öffentlichen Wirksamkeit hervorragende Verdienste erworben. Er war jüdischer Schulvorsteher, Synagogenvorstand und viele Jahre hindurch Präsident der Anglo Jewish Association. Als solcher hatte er öfter Gelegenheit, an der Spitze von Deputationen die jüdischen Interessen beim englischen auswärtigen Amt wirksam zu vertreten. Noch wirksamer und glänzender vertrat Henry de Worms die jüdischen Interessen im englischen Unterhause, wo er durch seine glänzende Beredsamkeit als wahrer Vorkämpfer des Judenthums sich bewährt hat. Unvergeßlich ist seine machtvolle Rede, welche er 1882 gelegentlich der großen Judenverfolgungen in Rußland im Unterhause gehalten hat. Am 5. März d. I. brachte er im Unterhause die Resolution ein, wonach das englische Unterhaus, .indem es die Verfolgung und die Niedermetzelung von Juden in manchen Gegenden Rußlands tief beklagt, die Hoffnung aus spricht, daß die Regierun g Ihrer Majestät Mittel und. Wege finden wird, allein oder in Verbindung mit andern Mächten, unter Benützung der freundschaftlichen Beziehungen zur Regierung des Czaren, die Wiederholung solcher Vorkommnisse in Rußland zu verhindern". Baron Henry de Worms wurde allerdings dazu bewogen, diese Resolution zurückzuziehen, er that es aber nicht eher, als bis der damalige Premierminister Mr. Gladstone seine lebhaftesten Sympathien mit den verfolgten Juden officiell kundgegeben hat. Für diesen durch ihn bewirkten Kiddusch-haschem mag es dem Baron Henry de Worms verziehen werden, daß er später als Lord Pirbright seine Beziehungen zum Judenthume allmählich gänzlich abgebrochen und in seiner letztwilligen Verfügung seine Beerdigung auf einem christlichen Kirchhof angeordnet hat. Der Beerdigung wohnte kein Jude bei und selbst sein eigener Bruder und Chef des Hauses de Worms blieb der Beerdigung fern. Lord Pirbright hat drei Töchter, aber keine Söhne hinterlaffen, so daß die Peerschaft, welche nach dem Salischen Gesetz nicht auf die weibliche Linie übergeht, mit ihm erlischt. New-Zork. Die .New-Iork Times" weist in einem Leitartikel darauf hin, daß der Protest des StaatSfecretärs Hay gegen die Verfolgung der rumänischen Juden in vollem Einklänge mit der traditionellen Politik der Bereinigten Staaten steht. So hat im Jahre 1872 der damalige StaatSsecretär Fish an den amerikanischen Gesandten in Petersburg geschrieben, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß eine Unterstützung Rußlands als einer Schutzmacht, an welche Klagen über die Verfolgung der Juden in der Moldau und Walachei gelangt waren, sehr angebracht wäre, und im Jahre 1879 bemerkte der Staatssecretär Evarts in einer Note an dcn amerikanischen Gesandten in Wien, daß der rumänischen Regierung Vorstellungen wegen der Verfolgung der Juden gemacht werden sollten, ehe die Bereinigten Staaten officielle Beziehungen zu Rumänien Herstellen. Der Staatssecretär Frelinghuysen beauftragte im Jahre 1882 den amerikanischen Gesandten in Petersburg, bei paffender Gelegenheit der ruffischen Regierung Vorstellungen wegen der Verfolgung der Juden in Rußland zu machen, und einen ähnlichen Schritt unternahm 1891 der Staatssecretär Blaine. Hierauf wies auch Präsident Harrison im December des genannten Jahres in seiner Botschaft hin, indem er besonderbetonte, daß durch die Verfolgungen in Rußland so viele mittellose Juden nach Amerika getrieben werden, daß es schwer fallen dürfte, für sie Beschäftigung zu finden. Herr Hay kann also auch in dieser Beziehung — die wirthschaftlichen Folgen — auf einen Präcedenzfall Hinweisen, und sein Protest gegen die Verfolgung der rumänischen Juden erscheint umsomehr gerechtfertigt, als der Berliner Vertrag den Signatarmächten die Pflicht auferlegt, für die Durchführung des Artikels 44 des Vertrages zu sorgen.

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