Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 3 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 42 Dr. Bloch's WochVNsthrrfl. Nr. 3 Josef Felber und Wilhelm Schreiber gewählt. Der Vorsitzende schloß die Versammlung mit dem Wunsche, daß der Allgütige die Chewra-Kadischa vor sernern, so empfindlichen Lücken bewahren möge. Wiener-Neustadt, (Das Ende der Mattersdorfer Jsraelitengemeinde.) Die benachbarte bekannte Jsraelitengemeinde Wattersdorf (Comitat Oedenburg), die seit dem achtzehnten Jahrhundert die politische Autonomie genießt, geht dieser mit 1. Jänner 1963 verlustig und wird mit der dortigen Christengemeinde vereinigt. Diese Maßregel des ungarischen Ministeriums des Innern erfolgte, weil die einst blühende Gemeinde ihren aus der politischen Selbstständigkeit entsprungenen Pflichten nicht mehr Nachkommen konnte. Minister Tisza hatte schon im Jahre 1876 allen autonomen Jsraelitengemeinden dieses Privilegium entzogen mit Ausnahme der beiden Gemeinden MatterSdorf und Eisenstadt, deren uralte Rechte er respectirte. Nunmehr wird Eisenstadt die einzige Jsraelitengemeinde Ungarns sein, die fich der politischen Selbstständigkeit erfreut. Brelitz. (JsraelitischerHandwerkerverein.) Unter zahlreicher Betheiligung fand unlängst im Saale der israelitischen Volksschule die Bekleidung armer jüdischer Lkhrlinge statt. Es waren Herr Cultusgemeinde-Präsident S. Pollak, Vorstandsmitglieder der israelitischen Cultusgemeinde, Herr Rabbiner Dr. Steiner u. A. erschienen. Herr Obmann-Stellvertreter Rudolf Kestel eröffnete die Versammlung und richtete sodann an die Lehrlinge ernste Worte der Mahnung, worauf denselben die ihnen zugedachten Geschenke, bestehend in neuen Winteranzügen, Stiefeln rc., ausgefolgt wurden. In einem Rückblicke auf die Geschichte des Vereines hob Herr Kestel sodann hervor, daß derselbe heuer das 20. Jahr seines Bestandes vollendet habe. Im Jahre 1881 wurde die erste Anregung zur Gründung des Vereines gegeben, der sich den Zweck gesetzt hatte, arme Kinder der Arbeit zuzuführen und denselben auch durch Beschaffung der nothwendigen Kleidung eine Unterstützung zu theil werden zu lassen. Um die Werbung von Mitgliedern machte sich insbesondere auch Herr L. Sachs verdient, so daß der Verein mit 145 Mitgliedern und 260 fl. Gründungscapital seine Thätigkeit eröffnen konnte. Die von Herrn Dr. Markusfeld entworfenen Satzungen fanden die behördliche Genehmigung. Der Vorstand war gebildet durch die Herren: Dr. Markusfeld (Obmann), Rudolf Kestel (Obmann- Stellvertreter), L. Sachs (Caffier), Schrenk, Gustav Löwy und Leopold Freund. Der Verein begann im December 1881 und verfolgte Anfangs auch noch das Ziel, kleinen Gewerbetreibenden Darlehen ohne Zinsen zu vermitteln, doch nöthigten traurige Erfahrungen, hievon abzusehen. Im Jahre 1889 traten die Herren Sachs und Tischler Freund aus dem Vereine aus; im Vorstande wirken seitdem die Herren Samuel Tugendhat und Langfelder. Durch Domicilwechsel, Austritte, Tod rc. büßte der Verein allmälig so viele Mitglieder ein, daß deren Zahl im Jahre 1898 auf 90 herabgesunken war; dreier durch den Tod abberufener Wohlthäter gedenkt der Redner ganz besonders: der Herren Salomon Tugendhat, Adolf Pollak und Frau Bertha Wiedmann, die den Verein mit einer Spende von je 200 K bedachten. Das Andenken aller verblichenen Mitglieder ehrt die Versammlung durch Erheben von den Sitzen. Interventionen seitens des Herrn Meyer Fröhlich sowie neuerlich seitens des Vorstandes haben den Verein wieder zu einer Mitgliederzahl von 130 emporgebracht, von denen 25 auf Biala entfallen. Doch bedarf auch dieser Stand, da die Zahl der Lehrlinge und die finanziellen sowie moralischen Anforderungen an den Verein im steten Wachsen begriffen sind, der weiteren Erhöhung. In moralischer Hinsicht wurde ein wesentlicher Schritt nach vorwärts durch die Ertheilung des Religionsunterrichtes an die Lehrlinge gethan; das beste Mittel, der inneren Verrohung derselben zu steuern. Herr Kestel wohnt diesem Unterrichte, den Herr Lehrer Stein ertheilt, auch stets persönlich bei. Die diesmal zur Bertheilung gebrachten Liebesgaben repräsentiren einen Werth von 440 K, doch bringt auch der Verlauf des Jahres manche Ausgabe für den Verein. Nichtsdestoweniger kann der Vorstand mit Freude auf das bisher Geschaffene blicken, im Bewußtsein, einem humanen Werke seine Kraft geliehen zu haben. Herr Rabbiner Dr. Steiner würdigt daS Wirken des Vereines und insbesondere des Vorstandes in anerkennenden Worten und feiert insbesondere auch Herrn Obmannstellvertreter Herrn Rudolf Kestel, der wie ein Vater an seinen Zöglingen handelt. Herr Dr. Steiner würde dringend wünschen, daß auch der israelitische Handwerkerverein bei humanitären Spenden einigermaßen berücksichtigt werde; es müsse darnach gestrebt werden, auch diesen Verein ,itt Mode zu bringen", dessen humanitäres Wirken sich bis in ferne Zeiten erstrecke. Redner beantragt, anläßlich des 20-jährigen Bestandes des Vereines eine feierliche Generalversammlung oder ein Festessen abzuhalten und biebei propagandistisch für den Verein zu wirken. In seinem Schlußworte verweist Herr Rudolf Kestel darauf, daß bis heute 85 Zöglinge des Vereines als Lehrlinge freigesprochen worden seien, darunter 5 taubstumme, denen insbesondere das Vorstandsmitglied Herr A. Schrenk seine besondere Fürsorge widmete; an Freisprechgebühren hat der Verein 400 K entrichtet, 32 Knaben die berufliche Ausbildung in Wien ermöglicht (Reisebeitrag für jeden 8 L) und durch sein Eingreifen seinen Zöglingen die Erlangung einer anständigen Existenz ermöglicht. Mit nochmaligem Danke an alle Wohlthäter schloß Herr R. Kestel die Feier, worauf den Zöglingen durch Herrn und Frau Kestel noch eine Jause verabreicht wurde. Saybusch. Ein brutaler Gewaltact erregt hier und überall, wo derselbe bekannt wird, mit Recht die größte Erbitterung. In den hiesigen Tempel drangen nämlich anläßlich der jüngst abgehaltenen Morgenandacht 14 durch Vermummung unkenntlich gemachte Burschen ein und begannen die im Gotteshause anwesenden Andächtigen, die natürlich auf einen solchen Ueberfall nicht gefaßt waren, zu mißhandeln, worauf sie die Flucht ergriffen. Den eifrigen Bemühungen des Herrn Gendarmerie- Wachtmeisters gelang es, die brutalen Subjecte zu ermitteln und sehen die Uebelthäter nunmehr der wohlverdienten strengen gerichtlichen Abstrafung entgegen. Saybusch ist überhaupt eine Stadt, in der der Jude nicht wohnen darf, wollte er seine geraden gesunden Glieder, sein Vermögen und die diversen Fensterscheiben nicht zum Opfer bringen. Saybusch ist von Bielitz in nicht ganz einer Stunde mittelst Bahn zu erreichen und von letzterer Stadt zieht Pater Stojalowsky mit seinem Redacteur Stohandel die Fäden an seinen Marionetten. Stojalowski braucht sich nur in Saybusch blicken zu lassen und im Nu liegen seine Anhänger auf dem Bauch, denn nur in diesem Orte und in der Umgebung Galiziens hat er solche. Zur Orientirung diene, daß der jüdische Tempel selbstredend nicht in Saybusch selbst liegt, sondern in Zablocie, welch' letzterer Ort durch die Svlabrücke getrennt erscheint. In Zablocie wohnen alle Juden, dort ist Leben und Handel, hingegen Saybusch ganz brach darniederliegt. Das ist eine bekannte Thatsache. Wie werden sich die Herren Schneider, Bergani et tutti quanti in die Fäuste lachen ob dieses Gewaltactes. Als Märtyrer werden diese 14 vermummten, irregeführten Wegelagerer im „Deutschen Volksblatt" verherrlicht werden. Nun ja! Warum beten denn die Juden so laut in ihrem Tempel? Das ist Provocation, wird Bergani sagen. „Vor den Mauern der Klöster hört die Staatsgewalt auf", äußerte sich vor nicht langer Zeit ein Angehöriger des Saybuscher Landesgerichtes; die Andachtsstätten der angeblich gleichberechtigten Juden dürfen am helllichten Tage entweiht und die Juden in denselben geprügelt werden. So geschehen im Jahre des Heils im Anfänge 1903. S. B. Troppau. Ueber Einladung des hiesigen ^Jüdisch-literarischen Vereines" hielt Herr Dr. Mandl aus Neutitschein einen Vortrag im Festsaale dieses Vereines vor einem sehr zahlreichen Publicum über das Thema: „Der Vorläufer Heinrich Heine's". In sehr intereffanter und belehrender Weise wies der geschätzte Redner nach, daß Jehuda Halevy, den Heine selbst so hoch schätzte, dies gewesen sei. Herr Dr. Mandl erklärte, an der Hand einiger sehr treffender Vergleiche der Dichtungen Halevy's mit denen Heine's, wie dieser große jüdische Lyriker des 11. Jahrhunderts auf die Schöpfungen Heine's eingewirkt hat. Die Zuhörer folgten den interessanten Ausführungen des geschätzten Redners bis zum Schluffe mit großem Interesse und zeichneten Herrn Dr. Mandl durch anhaltenden Beifall für diesen sehr belehrenden Vorlrag aus. Der Obmann des Vereines Herr Victor Kulka dankte Herrn Dr. Mandl sür den schönen Vortrag mit herzlichen Worten und sprach den Wunsch aus, den geschätzten Redner recht bald in unserer Mitte wieder begrüßen zu können.