Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 3 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021497--12387-3036978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 40 Dr. Bloch's WochrnfchrM. Nr S gang der Mädchen gar nicht möglich, daß eine jetzige Lehrerin genügend Kenntnisse in der Hebräischen Sprache hat, um die Bibel im Urtext zu lesen. Daher sei es gerechtfertigt, wenn man hier wenigstens in der ersten Zeit eine Ausnahme macht. CultuSvorsteher Prof. Dr. Eh r m an n erblickt in der Heranziehung weiblicher Lehrkräfte ein Novum nicht nur fürs Judenthum, sondern für alle Confeffionen. Dies wäre aber kein Hinderniß. denn das Judenthum soll ja nicht das petrificirte, sondern das fortschreitende Element bedeuten. Beim Religionsunterrichte kommt es nicht so sehr auf das Wissen, als auf die Persönlichkeit des Lehrers an, und da sei die Lehrerin viel geeigneter, auf die Psyche des Mädchens einzuwirken, als der Lehrer. Die Anstellung solle jedoch vorläufig nur als Versuch gelten und mittlerweile könnten ja die Lehrerinnen in der Weise herangebildet werden, daß sie auch den gerechten Anforderungen bezüglich der Kenntniß der Bibel entsprechen würden. . Nach weiteren Ausführungen der Herren Salo Cohn, Dr. Stern und Ritter von Tauffig und dem Schlußworte des Referenten wird der RückverweisungSantrag Dr. Stern's abgelehnt und der Antrag der Schulcommisfion in allen drei Punkten angenommen. Dr. Steiner referirt namens des Vertreter-Collegiums betreffs der „Verlaffenen Kinder". Darunter sind jene Kinder verstanden, welche als eltern- oder heimatlos seitens der Großeommune bei Pflegeparteien untergebracht sind. Wie dieselben gehalten werden, haben verschiedene Gerichtsverhandlungen in der letzten Zeit gekennzeichnet. Dem seither verstorbenen Leiter des Armenamtes der Cultusgemeinde, Max Groß, ist es zu danken, daß der Magistrat gestattet, solche Kinder jüdischer Confession verläßlichen jüdischen Pflegeparteien anzuvertrauen. Da das Magistratische Pflegegeld nicht hinreicht, wird dasselbe seitens des Cultusvorstandes bis zum Betrage von 25 Kronen monatlich per Kind ergänzt. Die Zahl dieser bei jüdischen Pflegeparteien untergebrachten Kinder beläuft sich derzeit auf 73. Im Jahre 1.892 wurde ein Normale über die Bedingungen aufgestellt, unter denen jüdische Kinder bei jüdischen Parteien unterzubringen wären. Damals betrug die Zahl dieser Pflegekinder blos 13. Zur Beaufsichtigung wurde der Bürgerfchuldirector Herr Mauthner gegen das mäßige Entgelt von 400 Kronen bestellt, welcher dieses Amt treulich versah, jährlich mehrmals schriftlichen Bericht erstattete, außerdem den Pfleglingen Religionsunterricht ertheilte, für sie Kleider sammelte, kränkliche in Feriencolonien unterbrachte u. s. w. Gegenwärtig beträgt aber die Zahl der Pfleglinge schon über 100, von denen 25 bei christlichen Pflegern untergebracht sind, und es ist nicht mehr möglich, daß Herr Director Mauthner allein diese Obliegenheit erfülle. Es wird daher beantragt, demselben drei Bolksschullehrer als Gehilfen beizugeben, welche unter Zutheilung von Bezirken die Pfleglinge in pädagogischer und hygienischer Beziehung überwachen sollen, gegen ein Honorar von 400 Kronen jährlich, während das des Directors Mauthner, der diesen Lehrern vorgesetzt sein soll, auf 500 Kronen zu erhöhen wäre. Diese Einrichtung soll vorläufig probeweise für ein Jahr getroffen werden. Eultusvorsteher Kaisers. Rath Wilhelm P o l l a k spricht sich gegen den Antrag des Vertreter-Collegiums aus. Nachdem Redner beim vorhergehenden Anträge für die Anstellung weiblicher Lehrkräfte beim Religionsunterrichte, die er bei größeren Mädchen für sehr wichtig erachte, eingetreten sei, halte er es für nothwendig. bei dieser Gelegenheit auszusprechen: Es liege keineswegs in seinen Intentionen, dem langjährig verdienten Schuldirektor Mautner etwas von der geplanten Erhöhung der bisher bezogenen Remuneration abzuzwacken. Es sei auch nicht Lehrerfeindlichkeit, wenn er die Anstellung dreier Lehrer zur Beaufsichtigung der verlaffenen Kinder, die vom Referenten beantragt wurde, nicht gutheiße. Er sei vielmehr der Anschauung, daß zur Obsorge für die verlaffenen Kinder die Mitglieder der Bezirkscommiffionen herangezogen werden sollen, und verspreche sich davon einen ausgezeichneten Erfolg. Wenn angesehene Männer des Bezirkes sich für die Pflege dieser Kinder intereffiren, würden hiedurch, bei aller Anerkennung der pädagogischen Fähigkeiten der Lehrer, viel beffere Effecte erzielt werden. Manche Vortheile, die den Pflegeherren durch den Verkehr mit den Mitgliedern der Bezirkscommiffionen, durch das eventuell wachgerufene persönliche und geschäftliche Jnierefse zugewendet würden, kämen auch dann ihren Pflegebefohlenen zu Gute. Und gewiß werden sich.in dbtt Btt^köcvAmiffionen genügend Männer finden, die die ObsörgL für" die verlaffenen Kinder zu übernehmen bereit sind. Aüf die Mitwirkung des Herrn Schuldirektors Mautner, der die Mitglieder ded Bezirkscommiffiontzn Nach dieser Richtung gewiß aufs Beste informiren NNd unterstützen werde, solle dabei keineswegs Verzichtet werden. Aber endlich solle einmal mit der Heranziehung der Bezirkscommissionen der Anfang gemacht werden, und dü biete sich bei der Obsorge für diese armen Kinder dir ersitz Gelegenheit, ihnen ein reiches und ergiebiges Feld für gtzMtzM nützige Betätigung zu eröffnen Abgesehen davon, daß es durch Übertragung dieser Agenden än die Bezirkscommiffionen ermöglicht wäre, nicht zwanzig und mehr Kinder, sondern nur zwei bis drei unter die Aufsicht einer einzelnen Person zu stellen, würden sich die Mitglieder der Bezirkscommiffionen nicht nur für das gegenwärtige Wohl der ihnen zur Ueberwachung anvertrauten Pfleglinge lebhaft intereffiren, sondern ihnen auch in ihrem weiteren Lebenslaufe, namentlich in der Wahl und Bestimmung geeigneter Lebensberufe, ersprießliche Dienste leisten, die man Von den Lehrern weder erwarten, noch verlangen könne. Aus diesen Gründen müsse sich Redner gegen die Anstellung der drei Lehrkräfte zur Obsorge für die verlaffenen Kinder aus- . sprechen und mit voller Ueberzeugung für die Heranziehung der Bezirkscommiffionen zu derartigen Actionen eintreten. Eultusvorsteher Wilhelm K u ff n e r identificirt sich mit den Ausführungen des Vorredners und hält die Mitglieder der Bezirkscommiffionen schon darum geeigneter für die Obsorge für diese Kinder, weil sie mit ihren Lebensgewohnheiten vertrauter find. Redner glaubt, daß auch die Frauen der Bezirksräthe an dem Schicksale der der Obhut ihrer Gatten anvertrauten Kinder Amheil nehmen und dieselben nach jeder Richtung fördern werden. Er werde daher für den Antrag Pollak stimmen. Eultusvorsteher Salo Cohn begrüßt aufs Freudigste den Antrag Pollak und unterstützt denselben unter Hinweis auf ähnliche Einrichtungen in Deutschland, wo Großartiges geleistet wird, ohne daß der Gemeindesäckel in Anspruch genommen wird. Eultusvorsteher Ritter v. Goldschmidt plaidirtfür den Referentenantrag. Den Anregungen des kaiserl. Rath Pollak könne man dadurch gerecht werden, daß die Bezirkscommiffionen ersucht werden, sich mit den beaufsichtigenden Lehrern ins Einvernehmen zu setzen. An der weiteren Debatte betheiligte sich noch Dr. Berger, der Präsident, Oberfinanzrath Dr. Rappaport und Heinrich Teltscher. Letzterer tritt für den Antrag Pollak ein, weil er praktischer in der Ausführung und zweckentsprechender für das Wohl der verlaffenen Kinder ist. Die Bezirkscommiffionen schauen gierig nach einem Arbeitsfeld aus und hier bietet sich ihnen Gelegenheit für ersprießliche Thätigkeit. Die Männer des praktischen Lebens werden die Bedürfnisse der armen Kinder viel beffer erfassen als Lehrer, und namentlich ihnen auch bei der Wahl geeigneter Lebensberufe große Dienste leisten können. Mit diesem Anträge nähern wir uns um einen Schritt dem Elberfelder System, dessen Verwirklichung auf dem Gebiete der Armenpflege Redner anstrebt. Jedenfalls möge man den Versuch machen, die Obsorge für die verlaffenen Kinder den Bezirkscommissione» zu übertragen, und er hege die vollste Ueberzeugung, daß dieser Versuch gelingen werde. Referent Dr. Steiner hält die Bezirkscommissionen, deren Schaffung er selber wärmstens befürwortet habe, wohl für administrative Maßnahmen geeignet, aber für Wohlthätigkeitsactionen taugen sie nicht. Zunächst sei die Aufsicht über Schulkinder gerade durch bewährte Pädagogen und nicht durch Dilettanten zu üben. Sodann habe vielfache Erfahrung gezeigt, daß der Voluntarismus sich hierzulande schlecht bewähre. Neben pflichttreuen und eifrigen Armenräthen und Waisenvätern findet sich eine große Anzahl Solcher, welche das Amt bereitwillig übernehmen, den Pflichten desselben aber keineswegs Nachkommen. Dem Redner seien Waisenväter untergekommen, welche nicht einmal Namen und Wohnort ihrer Pflegebefohlenen kannten. Die »Verlaffenen Kinder^ seien kein geeignetes Object für dergleichen Experimente. Ein praktisch erfahrener Lehrer werde in einem Tage wirksamer beaufsichtigen, als ein Dilettant dies in einem Monate M. Staude brächte.