Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 3 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021497--12382-3036973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 3 Vr. Bl och's Wochsnschrifk. Sette 35 ihm von da ab 20 und mehr Percent als „Entschädigung für Verluste" berechnet wurden, so daß im Gesammten der Zinsfuß sich auf 50—60 Percent für ein Darlehen stellte, zu dessen Eintreibung im Executionswege dem Gläubiger auch die kirchliche Excommunication zur Verfügung gestellt werden konnte.*) Gegenüber der römischen Curie gewährte Vorschüsse rechnete man statt des Geldzinses diverse Spesen für Reisen, Einhebung des verpfändeten Zehentes, der Annaten- und Palliengelder, für gewährte Prolongationen rc., so daß auch diese äc facto und trotz aller Sicherheit des gewährten Vorschusses ungeheure Wucherzinsen trugen. Der noch von Karl dem Großen in seinen Capitularien vorausgesetzte 100—2OOpercentige Kaufmannsgewinn erhielt sich bis ins 16. Jahrhundert hinein, während der Geldzinsfuß im Durchschnitt sich auf einer Höhe von 30—40 Percent erhielt. Diesem Wucherzinsfuße gemäß war auch die Vermehrung des Capitales einzelner großer Kaufhäuser. So z. B. vermehrte sich das Vermögen des gewiß der christlichen Kirche in Frömmigkeit ergebenen Hauses der Fugger einmal in nur sieben Jahren um — 13 Millionen (oder, nach dem heutigen 8—lOfach höheren Geldwerthe auf circa 200 Millionen Kronen!) Allerdings wurde dieses cromm-chcistliche Haus einmal auch vom Erzherzog Ferdinand it einer Geldstrafe von 60.000 Gulden belegt, weil es Geld von zu geringem Gehalte und theils „beschnitten" in Umlauf setzte; ein andermal wieder wollte es dem König Heinrich VIII. von England nur unter der Bedingung ein Darlehen gewähren, wenn derselbe zugleich auch einen Schmuck im Werthe von 10O.O00 Gulden ankaufe u. j. w. Was man heute den Juden, und mit Unrecht, vorwerfeu will, wie z. B. die Trustbildungen in Amerika und in England, die Speculationen auf Erhöhung der Marktpreise unentbehrlicher Lebensmittel rc., das prakticirten die christlichen Rothschilde des Mittelalters: die Fugger, die Wels e r, die Hochstätter in Augsburg und Nürnberg; die ihre Töchter an französische Könige verheiratenden Medici er in Florenz; die G r i m a l d i in Genua; die C h i g i in Rom und die P e p o l i in Bologna. Ein Ahne des Hauses der Fürsten Liechtenstein, der Fürst Karl Liechtenstein, erbeutete sich wieder innerhalb weniger Jahre zu Anfang des 17. Jahrhunderts ein Vermögen von 3 l Millionen durch — Betrug und Münzverfälschung. Die Ahnen anderer katholischer Fürstenhäuser wieder vermehrten ihr Vermögen dadurch, daß sie die abgelegten — Maitressen ihrer Landesherren oder deren Töchter heirateten; wieder andere durch Verrath an ihrem Vaterlande (Fürst Wenzel Lobkowitz, die Karolyi in Ungarn u. s. w.). Der Nichtjude, in den Fürstenstand erhobene Fürst Potemkin verstand es, trotz eines Prasserlebens innerhalb 16 Jahren sich ein Vermögen von 360 Millionen Rubel zu erraffen; der Cardinal Mazarin sich ein solches von über 200 Millionen Livres (ä 5 Kronen nach dem heutigen Geldwerthe). Nun wird man vielleicht einwenden; das w a r, heute aber besitzt der Jude die größten Reichthümer. Nun prüfen wir diese Behauptung auf ihre Richtigkeit, was finden wir? Als reichster Mann gilt, vielmehr galt, der verstorbene Nockfeller, dessen jährliches Einkommen allein auf über 20 Millionen Dollars (ä 5 Kronen) geschätzt wurde. Ihm folgte dann ein chinesischer Theehändler in Kanton, dann die amerikanischen Milliardäre Gould, Mackay, Vanderbilt, Astor; die englischen Herzöge von Westminster und Bedfort, worauf erst das in fünf Linien gespaltene Haus Rothschild mit einem Bank vermögen von circa 3 Milliarden, welchem dann der jüngst verstorbene Baron Hirsch sich anschloß. Es folgen daun wieder einige russische, amerikanische und englische sowie deutsche Millionäre; die Häuser Baring und Laffitte und der im Jahre 1889 in Paris mit Hinter¬ *) Ebenda. lassung von circa 100 Millionen verstorbene (arische) Zuckerfabrikant Lebaudy. Wo sind also die jüdischen Großcapitalisten, welche die Völker und Staaten in finanzieller und politischer Abhängigkeit erhalten? Sind die Eisenwerke von Carnegie und von Krupp, die Kohlenwerke des Grafen Larisch rc. in Händen jüdischer Eigenthümer? Oder ist der „Credit Lyonais" in Frankreich ein jüdisches Unternehmen? Sind die Großkanfhäuser „Bon marche“ und „Printemps4‘ in Paris im Besitze von Juden? Die großen Bergwerke von Anzin nicht im Besitze des Nichtjuden Casimir-Perier? Nun, vielleicht finden wir die Juden im Besitze der größten Landterritorien? Wenn wir uns nur auf Oesterreich-Ungarn beschränken, so finden wir als die größten Herrschaftsbesitzer verzeichnet: den Erzherzog Friedrich, als Erben nach Erzherzog Albrecht, die Fürsten Schwarzenberg, das fürstliche Haus Liechtenstein, die Domcapiteln: Olmütz, Prag, Gran, Kalocsa, Diakovar, die fürstlichen Häuser der Trauttmansdorff, Thurn-Taxis, Auersperg, Fürstenberg, Kinsky, Lobkowitz,Colloredo,der Eszterhazy, der Karolyi, der Coburg, der Waldstein und eine ganze Reihe von gräflichen Häusern und Klöstern in Böhmen, Ungarn und in Niederösterreich; aber keine einzige jüdische Familie, wenn man die Familien Rothschild und Königswarter etwa ausnimmt. Ja, wird mau nun sagen, die Juden haben aber desto mehr Besitz an Actieu und anderen Papieren. Vielleicht. Der Besitz dieser überdies den Betrag von 2—3 Millionen schwerlich übersteigenden Mobilarwerthe gewährt aber noch lange nicht jenen Einfluß, den die obigen Großcapitalisten urarischer Abkunft oder jenen der Kircheufürsten und Vorsteher der Klöster innehaben, und welche da sagen: „Die wir von Gott in dessen unendlicher Güte die Macht erhalten haben, Capital und Arbeit zu leiten". Auf tausend arische Millionäre kommt vielleicht einer, welcher der jüdischen Race angehörig ist. Man sieht also, in wie eitel Dunst und Rauch der angebliche Einfluß der Juden zerfließt, den man ihnen vindicwen will. Freilich das Trifolium: Schneider-Bielohlawek- Strobach und deren Anhang wird man durch diese Nachweisung nicht bekehren. Dies ist auch gar nicht unsere Absicht. Wir wollen damit nur zeigen, wie wenig die Vorwürfe berechtigt sind, mit welchen man gegen die Juden die Massen zu Hetzen sucht. Diesen Beweis geliefert zu haben schmeichelt sich I. M. B. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Prohaska und Lueger. — Ch ri stl i ch-s o ci al e Grundsätze. — Die Commune gegen den „Jugendhort". — Marokkanisches aus der „Deutschen Zeitung.) Die social-politische Thätigkeit der derzeitigen Machthaber von Wien steht auf der Höhe christlich-socialer Intelligenz und Gerechtigkeit. Bor den Pforten des städtischen Arbeitsvermittlungsamtes drängen sich in Schaaren die hungernden Arbeitslosen und bitten um Arbeit, um Brot für Weib und Kind. Die Leitung dieses Amtes bietet Alles auf — nämlich berittene Sicherheitswache. Sie gibt Beschäftigung — den Detectives, sie schafft Arbeit — für die Polizei, sie sorgt für die Unterbringung der Arbeitslosen — im Arrest. Das ist ja gewiß das bequemste Mittel, die Klagerufe der Arbeitsuchenden ungehört zu machen, indem man die Leute cinsperrt. Säbelhiebe machen sofort allen Hunger vergeffen, und wenn die Nothleidenden frieren, so finden sie gut geheizte Räume im Polizei-Gefangenhause. Herr Doctor Lueger hat es sich wahrlich leicht gemacht, die Tumulte vor dem städtischen Arbeitsvermittlungsamte zu erklären und in seinem Sinne auszubeuten. Er bezeichnete sie durchwegs als das Werk von Leuten, die im Solde oes Großkapitals stehen; das sagt derselbe Bürgermeister, der sämmtliche städtische Unternehmungen den deutschen Großcapitalisten in die Hand