Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Iahrga»- XIX Dr. Bloch’s Centrslorgan für die gefsmmien Interessen des Iudenthums. A. kr. Postsparraffen-Amt Clearing - Verkehr Nr. 610.876. Lrdacston und Administrativ» Wien IX/1, Verggasse Nr. 39. Ttlephon Nr. 14.847. Wien, 19. December 1903. I1 Ersch eint jeden Freitag. ->- •» -4——fr- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggafse 39. Teleqramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Bezugspreis für Sesterrrich Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Mr'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen Die 4mal gespaltene Teiitzeile 24 Heller. ■ Inhalts Leitartikel: Carmen Sylva und das Kaiser Franz Josef-Ferienheim. — Das talmigoldene Wiener Herz. — VomJahrmarktdesLebens: Glossen zur Tagesgeschichte. —Correspondenzen: Oeffentliche Plenarsitzung des Cultusvorftandes. Die Generalversammlung des „Hilfsvereines für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien". Wien, Baden, Brody, Waag- Neustadtl, Frankfurt a. M. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Freiwaldau, Dobrisch, Mähr.-Schönberg, Lemberg, Reichenberg, Antwerpen. —Feuilleton: Drei R. — Briefkasten. — Inserate. Carmen Kylva «nd das Kaiser Franz Josef-Ferienheim. Seine zehnjährige Wirksamkeit hat das Kaiser Franz Josef-Ferienheim bekanntlich durch Herausgabe einer Festschrift gefeiert, in welcher nebst künstlerischer und musikalischer Widmungen literarische Gedanken gesammelt erscheinen. Die Einladung, Beiträge für dieses Werk zu liefern, war an Persönlichkeiten gerichtet worden, von denen es notorisch ist, daß sie ein lebhaftes Interesse für Volkswohl empfinden, ein warmes Gefühl für Kinder besitzen und humanitäre Gesinnungen jederzeit bekundet haben. Dian prüfe das Buch an der Hand dieses Maßstabes und man wird finden, daß alle, wir betonen nachdrücklichst alle, diesen Voraussetzungen entsprechen, viele dieselben weit überragen. Wir haben uns veranlaßt gesehen, diesen Standpunkt zu kennzeichnen, weil wir erfahren haben, daß dem Vorstande des Kaiser Franz Josef-Ferienheims von einzelnen Personen der Vorwurf gemacht wurde, er habe nicht alle mit gleichem Maße gemessen und sich durch Rang und Stellung blenden lassen, die Widmung einer hohen Persönlichkeit aufzunehmen, von der man voraussetzt, daß sie vielleicht weniger geneigt gewesen wäre, einen Beitrag zu liefern, wenn sie gewußt hätte, daß es sich um ein Ferienheim für jüdische Kinder handelt. Wir treten dieser Auffassung, die von ganz irrigen Voraussetzungen ausgeht, mit aller Entschiedenheit entgegen und unser Wort fällt gerade in dieser Frage umso schwerer ins Gewicht, als wir einerseits niemals geschwankt haben, in der allerschärfsten Weise das Volk und die Politik des Landes zu verurtheilen, dessen Königin eben jene Persönlichkeit ist, und als wir anderseits durch genaue Kenntniß der Gesinnungen der Fürstin in der Lage sind, mit aller Bestimmtheit es auszusprechen, daß sie von so erhabenem Gedanken erfüllt, von so rein menschlichen Empfindungen beseelt, von so vorurtheilsfreier Kinderliebe und Humanität begeistert ist. daß auch nicht einen Augenblick lang der Gedanke bestehen darf, als ob sie mit der Politik des Landes, dessen Königin sie ist, zu identificiren wäre. Wer anders urtheilt, kennt nicht blos die Königin nicht — nicht die in ihren Werken niedergelegten Ueberzeugungen, nicht ihren Charakter, nicht ihr Wirken, er kennt aber noch viel weniger die Stellung der Königin in diesem demokratischconstitutionellen Lande Ist schon die Macht des Königs eine begrenzte, so steht es der Königin noch viel weniger zu, auch nur im allergeringsten Maße auf die Politik Einfluß zu üben. Mag sich das Weiberregiment in diesem Staate — wie in manchen anderen — fühlbar machen, von der Königin Carmen Sylva könnte selbst ihr eingefleischtester Gegner nicht sagen, daß sie eine Einmischung je versucht hätte, und wer die Rumänen kennt, wird nicht einen Moment zweifeln, daß sie rücksichtslos genug sind, gerade das Entgegengesetzte zu thun, wenn ihnen zugemuthet würde, ihren Leidenschaften Zügel anzulegen, um den idealen Anschauungen von Menschenrecht, die ihr Königspaar hegt, Folge zu leisten. So weit durch edle Werke, durch Betätigung reinster Menschenliebe, durch Aneiferung zu Wohlthun, durch Förderung guter Sitte und hoher Gedanken auf ein Volk erziehlich gewirkt werden kann, hat Carmen Sylva in den fünfundzwanzig Jahren ihres Waltens in Rumänien sich hingebungsvoll bemüht, dem Volke ein Muster zu sein. Wenn sich das Volk nicht nach ihrem Muster gebildet hat — ihr darf man die Schuld ebensowenig beimessen, als man es wagen würde, für den Antisemitismus in Oesterreich jene hehre Gestalt verantwortlich zu machen, die ein Muster aller Tugenden, ein Abbild der hehrsten Eigenschaften, der Engel der Armen und Leidenden, selbst die Dulderin auf dem Throne war l Von der verdammenswerthen Politik der Rumänen den Juden gegenüber muß man die Gesinnung der Königin durchaus trennen. Sie muß man nach ihren eigenen Kundgebungen beurtheilen, für die sie verantwortlich ist, nicht für die Thaten eines Volkes, für die sie nicht verantwortlich gemacht werden kann. Diejenigen aber, die es der Königin verübeln, daß ihr Einfluß das Volk nicht umgestalten konnte, verfallen in denselben Fehler, den Diejenigen begehen, welche in umgekehrter Ordnung ein Volk für Fehler Einzelner büßen lassen.