Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 Dr. Bloch's Wochrnschrist. Seite 793 ihr zu leben. Ein Himmel breitet sich über Beide aus, in Einem Thale schlafen und träumen sie, und Ein Gott behütet ihren Schlaf. Ich steige auf den Berg. Dort, aus dem Thal, blicken die Dächer auf mich; sie flüstern leise. Bald scheint mir, daß sie mich bemitleiden, bedauern, dann wieder, daß sie mich beneiden: „er kann gehen, indeß wir uns nicht vom Fleck rühren können". An der zweiten Seite des Hügels steige ich hinab an den Fluß. Hier, zu Füßen der Anhöhe, hat Gott der Herr emen zweiten Himmel ausgebreitet, einen schöneren, freigiebigeren, einen Himmel, in dessen Nähe man sich heimischer fühlt als auf den Bergesspitzen. Das ist die Weichsel, unser Himmel auf Erden. Den Himmel in der Höhe hat Gott für seine Engel geschaffen, stolz blickt er von oben auf uns hernieder. Er fühlt seine Größe, seine Majestät, seine Erhabenheit über Erde und Menschen, er kennt seine goldenen Sterne, seinen wunderbaren Mond, alle Augenblicke überzählt er seine Schätze, wie ein Reicher, der seinen Reichthum liebt, und schaut auf dich hinab wie auf einen Bettler. Ganz anders der hier auf der Erde sich ausbreitende Himmel. Die Weichsel ist unser Himmel, der Eins mit unserer Seele, mit unserem Sein. Er leuchtet nicht, er strahlt nicht, aber sein mütterliches Aeußere ist uns näher, du fürchtest ihn nicht, im Gegentheil, du hast Vertrauen zu ihm, möchtest ihm dein Herz erschließen, es vor ihm ausschütten, wie vor deiner Mutter. Deine Tbränen möchtest du mit seinen Fluthen vereinen. Eine nach der anderen fließen seine Wellen, sie überstürzen sich, jagen einander, es scheint, als ob sie nur ihr eigenes Lied sängen, und doch erzählen sie gleichzeitig Alles, was in deinem Herzen vorgeht und was auf dem Grunde deiner Seele sich birgt; es wird dir so leicht zu Muth, so wohl, daß du weinen möchtest wie ein Kind an seiner Mutter Brust. Gott, scheint es, ist von der Höhe seines Thrones niedergestiegen, hat seinen Himmel verlassen, und seine Allgüte, seine Heiligkeit im Raume ergossen. Es ist, als habe er sich aufgelöst und sei in Eins verschmolzen mit der Ihn umgebenden Natur. Und die Wellen fließen, jagen einander, vereinigen sich, schließen Frieden die folgenden mit den vorangegangenen, und alle küssen sie liebevoll das Ufer des Flußes. Sie kommen aus der Unendlichkeit und strömen in die Unendlichkeit hinab. Hoch über dem dichten Rasen sich erhebend, bilden sie einen wunderbaren Baldachin aus Silberfäden, die von göttlichen Küssen durchwirkt sind, und gleichen erstarrten, verdichteten Thränen, deren Ursprung in Herzen, die in Strömen von Liebe und Trost sich baden. Und dieser Baldachin breitet sich über jedes Geschöpf Gottes aus. Und Alles versinkt in den Fluthen von Liebe und Trost. Man hört den Sang der nächtlichen Stille. Dieser Sang kommt aus der Ferne; wie ein Traum erhebt er sich in der Luft; man vernimmt in demselben das Echo der Klänge der Fluthen. Bald jedoch strömt er von dannen, die Wellen tragen ihn fort, um der Welt einen Willkommsgruß zu bringen. Eine Nachtigall läßt ihr sensuchtsvolles Lied erklingen; ihre Triller verschmelzen mit dem Widerhall, der von den Baumwipfeln zurückgeworfen wird, das Beben der Klänge wird immer schwächer, bis sie zuletzt ganz verstummen. Jetzt herrscht vollkommene Stille. Ich sitze am Ufer des Flußes, in die Betrachtung seiner Wellen versunken. Ueber mir ist der Himmel ausgebreitet und an seiner Wölbung glänzen Tausende von Sternen. Ich drücke mein Antlitz an die Erde, wie ein Kind an seiner Mutter Busen sich schmiegt, und der Tiefe meines Herzens entringt sich ein heißes Gebet: „Gott!" flüstere ich, „warum hast du den Himmel zu deiner Wohnstätte erwählt, warum jenseits der Wolken dich verborgen? Blicke in deiner großen Güte hernieder auf die Erde und schlage deinen Wohnsitz in unserer Mitte auf. Mögen auch die Menschen zu Engeln werden! Gott!" bete ich weiter, mein Gesicht den Grashalmen nähernd, „warum hast Du mich von deiner Welt losgelöst? Gabst mir Füße, damit ich gehen, Ohren, damit ich hören, Augen, damit ich sehen, ein Herz, damit ich fühlen soll. So will ich denn Eines bilden mit deiner ganzen Welt, meine Seele ausschüiten und sie vereinen mit den Feldern, dem Waffer. dem belebenden Thau, ein in deinem Garten gepflanztes Theilchen ihrer Theile werden, gleich einem Baum im Walde, einem Grashalm auf der Wiese, nicht aber gleich einem in die Ferne davonfliegenden Vögelein. Gott!" flehe ich, „mach' wenigstens mein Herz so weit, oder verkleinere den Weltenraum, damit ich Alles an meine Brust drücken und küssen kann!" Die Wellen brechen sich am Strand, vereinigen sich wieder in gegenseitigen Umarmungen. Aus der Ferne strömen die Accorde dieser wunderbaren Musik und küffen sich mit dem Echo der Fluthen. Von jenem Baume dort entsendet die Nachtigall ihr Lied in die Welt und Alles vereint sich zu einer sanften, wunderbaren, göttlichen Symphonie. Und Gott, der Allmächtige, verläßt seinen Thron in der Höhe, steigt zu uns hernieder und verschmilzt in diesem kleinen Raum in Eins mit Allem, was mich umgibt. Eine Wolke von Thau lagert über der ganzen Gegend. Ich. bete nicht mehr, denn mein Gebet hat Erhörung gefunden. Ich höre nichts mehr, noch sehe, noch fühle, noch verstehe ich irgend etwas. Mir ist, als wäre ich in den Garten Gottes gepflanzt, ich lebe und sprieße mit den anderen Pflanzen allen, bin Eins mit ihnen, unzertrennlich mit ihnen verbunden, ein Echo der allgemeinen Harmonie, eine Faser des Weltgewebes. Ich selber weiß nichts, empfinde nichts; wir alle jedoch leben, singen, ohne uns dessen bewußt zu sein. Ende. Sriefkasten. G. Wilh. S. in Györ. Der II. Band von Lazarus, „Ethik des Judenthums", ist noch nicht erschienen^ I. H., Wien. Kann nur mit voller Namensfertigung publicirt werden. K. Der Bruder des verstorbenen Münchener Generalmusikdirector-- H. Levl, Procurist in einem Mannheimer Bankhause, wollte früher Sänger werden und hatte den Namen Lindeck als Künstlername angeliommen. Als Hermann Levi die Festspiele in Bayreuth leitete, war auch, so erzählen die „Münchener Neuesten Nachrichten", fein Bruder „Lindeck" dort. Levl stellte ihn mit der üblichen Handbewegung und mit den Worten „mein Bruder" vor, und bald darauf rief Jemano mit erhobenem Glase: „Herr Levi, ich gestatte mir.. ." Der Angeredete erwiderte: „Ich heiße Lindeck!" Erstaunt und fragend schaute der Herr den Dirigenten an. der den Vorgang verfolgt hatte. „Ja Wissens," rief Hermann Levi über den Tisch herüber, ..i Hab' ja früher aa Lindeck g'heiß'n. I Hab' mi aber umtauf'n lasf'n." — Hermann Levi war ebenso wie sein Vater, ein wackerer Mann. F. in Bukarest. Die Mittheilung, daß König Carl mit den Judenverfolgungsgesetzen recht einverstanden ist. war in einem Buda» pester Blatte zu lesen. Gleichzeitig wandert folgende Notiz durch die europäische Presse: „Carmen Sylva, die Königin von Rumänien, wird demnächst im Verlage von Wunderlich zwei neue Werke veröffentlichen. Das erste ist „Unter der Blume" betitelt: nach unseren Informationen soll die Dichterin in ihm dem rumänischen Volke „unter der Blume" ein abschreckendes Bild der Verkommenheit der regierenden Classe Vorhalten, sie stellt die Bedrückung der Juden auf gleiche Stufe mit der Unterdrückung der Armenier, Finnen und Ruthenen. Es ist bezeichnenderweise dem Wiener Männergesangverein gewidmet. An dem zweiten Werke schreibt die königliche Dichterin zur Zeit noch. Es wird den Titel „Geflüsterte Worte" tragen. Die Königin nennt das Werk selbst „das ernsteste Buch", daß sie geschrieben. Der Titel ist ironisch gewählt. Die „Geflüsterten Worte" sind in Wirklichkeit ein Aufschrei der geknebelten und unterdrückten Menschheit; mit zürnender Stimme weift die Dichterin darauf hin, daß die Geschichte der rumänischen Nation das Brandmal aufdrücken wird, das sie die Freiheit geschändet hat. Die Rumänen seien selbst von den Türken bedrückt worden. Jetzt, nachdem Europa den Rumänen die Freiheit geschenkt hat, Hausen sie zehnmal ärger gegen die Juden, als der Türke jemals gegen sie. Wir sind neugierig, was Sturdza, dem das Werk angeblich gewidmet lst, dazu sagen wird." G. B. Adressen jüdischer Kochschulen in Wien sind uns leider nicht bekannt. _ N"ti? 40.000 Kronen beträgt der Haupttreffer der Wiener Kunstgewerbe-Vereins - Lotterie. Wir machen unsere geehrten Leser darauf aufmerksam, daß die Ziehung unwiderruflich am 15. Jänner 1903 stattfindet.