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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-11-14 · 46 (14.11.1902) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
46 (14.11.1902)
Date
1902-11-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 46 Dr. Bloch's Wochenschrift. Leite 747 schäftigen und welche Bestimmung aller Derjenigen harrt, die allein oder mit unbekannten, zweifelhaften Individuen nach Amerika reisen. Genug der Schande! Will man das Nebel ausrotten, muß man es bei der Wurzel fassen, muß man es vorerst genau kennen. Man muß den Muth haben, die Wahrheit zu hören — und sich dann eine Stunde Zeit nehmen, um über die Misere nachzudenken. Die Angelegenheit interessirt das Judenthum als Solches, es ist Sache der jüdischen Verbände und Corporationen, der allgemeinen jüdischen Vereinigungen, die Sache in die Hand zu nehmen. Brasilien, ein Land, wo Milch und Honig producirt wird, hat mehr Territorium als ganz Europa zusammengenommen. Hier könnten alle Verfolgten untergebracht werden, aber — da liegt der Hund begraben — vorerst müßte man die hiesigen unhaltbaren Verhältnisse saniren. Ich meine, man müßte dem jüdischen Caftenthum ein Ende machen. Die Sache ist sehr heikel, ich weiß es, aber so kann es nicht fortgehen. Unsere jüdischen Politiker können es unmöglich ignoriren, daß Brasilien ein Land ist, welches verdient, beachtet zu werden. Brasilien ist ein zukünftiges Nord-Amerika und da müssen wir auch dabei sein, Wir müssen aber unseren Menschenfleischlieferanten das Handwerk legen und die Vermittler dieser Geschäfte unschädlich machen. Seit 1500 vom portugiesischen Seefahrer Pedro Aves Cabral entdeckt, war Brasilien eine portugiesische Colonie. Seit 7. September 1822 von Peter den 1. regiert, als ersten Kaiser von Brasilien, folgte ihm Don Pedro II, sein Sohn, welcher am 15. November 1889 abdiciren mußte. Ihm folgte die Republik, welche den Juden unbeschränkte Freiheiten gewährt, die größtentheils schon unter der liberalen kaiserlichen Regierung bestanden haben. Während sich nun alle anderen Religionen und Secten mächtig entwickelt und verbreitet haben, blieben die Juden ganz zurück. Schon die ersten portugiesischen Caravellen brachten Juden und Marannen mit. Es gab aber keine Seelsorger, keine Lehrer, keine Führer, keinen Zusammenhang, und so verloren sich die Israeliten. Sie folgten ihren Nachbarn zur Kirche, ließen ihre Kinder taufen und förderten die Bestrebungen aller Orden und Riten. Nach der Unabhängigkeits-Erklärung von Brasilien wurden die Häfen dem internationalen Verkehr geöffnet und da kamen auch Juden anderer Welttheile. Aber auch diese gingen ihren Geschäften und Vergnügungen nach und kümmerten sich wenig um jüdische Tempel und Schulen. Die Menschen brauchen einen Führer, und nachdem wir weder Missionäre noch sonst Jemanden haben, der sich um dergleichen Dinge kümmert, so ergriff Niemand die Initiative — und — nachdem auch die erwachsenen Männer, wie kleine Schulbuben sind — und nur dann in den Tempel oder in die Schule gehen, wenn es sein muß, wenn es Brauch ist, so gingen unsere Juden eben nicht in den Tempel, umsoweniger, als keiner vorhanden war. — Und heute? Brasilien zählt 21 Bundesstaaten und hat zusammen gegen 15 Millionen Einwohner. Die Bundeshauptstadt Rio de Janeiro zählt über 800.000 Einwohner, darunter kaum 3000 Juden. Jorge Guerciero vertheilt dieselben, wie folgt: 350 Oesterreich-Ungarn, 270 Franzosen, 250 Russen- Romänen, 200 Marokkaner, 3 50 Brasilianer, 250 Polen, 200 Deutsche, 150 Portugiesen. Diese Zahlen sind meiner Ansicht nach zu hoch gegriffen, auch müssen darin gegen 100 englische, 75 italienische und 25 amerikanische Juden inbegriffen verstanden sein. Der Beschäftigung nach sind die hier lebenden Juden zu classificiren: 2 Bankdirectoren, mehrere Directoren anderer Etablissements, 2 Aerzte, 2 Advocaten, 20 Bankbeamte, 10 Staatsbeamte, 100 Import- und Export-Firmen, 4 Ingenieure, Handwerker, Officiere, Soldaten, Musiker, Journalisten rc., 50 Bureaux für Handel und Gewerbe, 50 En-gr08 und detail - Geschäfte, die Mehrzahl der Wechselstuben und Pfandleihanftalteu, mehrere Börsenbesucher, Angestellte, Kellner, Arbeiter, einzige Bettler und gegen 40 Mädchenhändler resp. Vermittler. Die Mädchenhändler, in portugiesischer Sprache „eaUens" genannt, wohnen nicht stabil hier, sondern sind meistens auf Reisen. Von Rio nach San Paulo, nach Argentinien, nach Europa rc., deren Hauptarbeitsfeld ist: Rußland, Oesterreich und Rumänien. Dabei gebrauchen sie alle möglichen Kniffe; versprechen Heiraten und heiraten auch zum so und so vielten Mal. Sie versprechen Stellungen als Näherinnen, Köchinnen, Verkäuferinnen rc. und nehmen die Opfer so auf Umwegen von Europa nach Argentinien oder Brasilien mit. Hier angelangt, erfahren die Unglücklichen, wozu sie bestimmt sind. Der Sprache nicht mächtig, arm, verlassen fügen sich dann die armen Geschöpfe. Um die Schande zu verbergen, schreiben sie ihren Eltern, daß es ihnen gut gehe, daß sie verheiratet oder angestellt sind und schicken dabei stets Geld. Dieses schäbige Geld lockt dann deren Geschwister, Nachbarn, Verwandte, die sich nun freiwillig und unwissend dem Jammer in die Arme werfen. Einmal hier, machen sie auch mit. Daher kommt es, daß wir eine erschreckend große Anzahl von solch verlorenen Weibern haben, die sich alle ganz frech als Jüdinnen ausgeben, und nachdem auch die Mädchenhändler im Volksmunde eakten8 genannt werden, hat es für die Unwissenden den Anschein, daß alle Jüdinnen der Schande ergeben sind und Jude mit eattsn identisch ist. Ist das ein suportabler Zustand? Ist es nicht Pflicht der Gesammtjudenheit, dieser Schande ein Ende zu machen? Darum und deshalb schämen sich die anständigen Juden, sich als Juden auszugeben. Die Pest liegt also klar zu Tage, und ist es nur Sache der Muthigen und Besten, in dieses Wespennest zu stechen — und diese Beule auszubrennen. Die Fälle müssen allgemein bekannt gemacht werden, in jeder Hütte und in jeder Judengemeinde von Rußland, Oesterreich-Ungarn und Rumänien. Um für heute zu schließen, will ich noch eine kleine Statistik anführen. Im Bethause der „Oonununaute I8rae11te", also dem officiellen Beihause der franz.-deutschen Juden, waren am ersten Rosch-Haschono-Abend 6 Männer anwesend und mußten wir uns mit dem schmerzlichen Rufe: „il n’y a pas de Minjan“ unverrichteter Dinge trennen. Am Jom-Kippur waren wir 16 bis 20 Männer, 7 Damen und 3 Kinder. Im Bethause der Marokkaner-Juden waren gegen 35 Männer, 6 Frauen und 11 Kinder anwesend. Im Salon der me dö Espirito-Santo waren gegen 18 jüngere und ältere Männer und über 200 (sage zweihundert) verlorener, alleinstehender Weiber anwesend! Kommentare hiezu mag sich jeder denkende Mensch selbst machen. Der Anblick dieser von der Schande lebenden — nun — am Jom-Kippur über ihre Gebetbücher gebeugten schluchzendenden Weiber war erschütternd. Ich hatte genug und wollte die noch vorhandenen weiteren zwei Säle ähnlicher Zusammensetzung nicht mehr sehen. Ich fürchte, daß auch Sie, Herr Redacteur, sowie Ihre Leser für heute genug haben, darum wiederhole ich meinen Mahnruf und rufe über den weiten Ocean an alle fähigen und würdigen Juden des Continents: Hilfe! Ganganelli.

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