Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 43 (24.10.1902)
- Date
- 1902-10-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 692 Dr. Bloch's Wochvnfchrrfk. Nr. 43 Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Der Ministerpräsident über die Preßfreiheit. — Der Wiener Verwaltungsscandal im Parlament. — Dr. Lueger als Humanitätsapostel. — Defraudirt oder veruntreut.) „Das freie Wort, wenn es nur aus patriotischem. Herzen kommt, scheint mir keine Gefahr. Im Gegentheil erachte ich eine freie Presse als die richtige Ableitung der durch mancherlei Verhältnisse hoch gesteigerten Leidenschaften. Was der Kritik unterliegt, hat kaum Lebensfähigkeit besessen. Einer die rohesten Jnstincte nährenden Journalistik ist allerdings das Gesetz in seiner ganzen Schärfe entgegenzuhalten". Diese Sätze sind in dem Rundschreiben enthalten, das der Herr Ministerpräsident anläßlich der Uebernahme des Justizrefforts erlassen hat. Wir hätten erwartet, daß die antisemitische Presse wegen dieser vom nunmehrigen Leiter des Justizministeriums an die Staatsanwaltschaften gerichteten Weisung über Herrn Dr. v. K ö r b e r herfallen wird, denn wenn er von einer, die rohesten Jnstincte nährenden Journalistik spricht — auf wen trifft dieses Merkmal der Speculation auf die rohesten Jnstincte so zu, wie auf die nichtswürdigen Veranstalter der publicistischen Judenhetze? Mit den verächtlichsten Mitteln der Fälschung, der Lüge und der Verleumdung schüren die „Schriftleiter" vom „Deutschen Volksblatt" und ähnlichen Sudelblättern den Judenhaß. Von der Schärfe des Gesetzes sind sie bisher allerdings verschont geblieben. Ungestraft dürfen diese Verleumder die Ehre jüdischer Bürger besudeln, ihre Religion verhöhnen, ihr Privatleben verdächtigen, sie als ein Volk von Wucherern und Betrügern schildern, zum wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Boycott gegen sie auffordern, in der Bevölkerung den Glauben verbreiten, daß sie zu rituellen Zwecken Christen ermorden, daß sie den Meineid als eine erlaubte Handlung betrachten. Die Niedertracht, mit welcher die österreichische Antisemitenpreffe, vor Allem das „Deutsche Volksblatt", ihr ehrloses Handwerk betreibt, ist eine fortgesetzte Verhöhnung des Gesetzes, das die Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen einzelne Claffen der Bevölkerung und die Beleidigung einer vom Staate anerkannten Confeffion verbietet. Herr Dr. v. Körber ist ein Freund der Presse und sein ausdrücklicher Wunsch, daß der Kritik der weiteste Spielraum gegönnt sein möge, ist ein neuerlicher Beweis für die weitsichtige Auffassung, welche unserem leitenden Staatsmanne mit Recht nachgerühmt wird. Allein was unsere Antisemitenpresse übt, das ist nicht eine von ehrlichem Willen geleitete Kritik vorhandener öffentlicher Uebelstände, sondern ein schmutziges Handwerk, mit welchem die Bergani und Consorten durch Ausnützung der niedrigsten Leidenschaften, des Brodneides und des Racen- und Glaubenshasses Geld verdienen wollen. Nicht eine Spur ehrlichen Willens bietet auch nur den geringsten Milderungsgrund für die Verächtlichkeit und Strafbarkeit ihrer verhetzenden Agitation, für die das Zuchthaus die einzige angemessene Sühne darstellt. * * * Aus diesem Charakterhilde der antisemitischen Journalistik ergibt sich von selbst der Rückschluß auf den sittlichen und politischen Werth der „Idee", in deren Dienst sie steht und der Partei, die sich dieser Sorte von Publicistik bedient, um die Bevölkerung irrezuleiten und die Gesinnung der urtheilslosen Menge zu vergiften. Die Gemeinschädlichkeit des Antisemitismus ist nicht blos hinsichtlich seiner Einwirkung auf die sociale und politische Lage der Juden, sondern mehr noch wegen seines verderblichen Einflusses auf das Rechtsgefühl und den Charakter der christlichen Bevölkerung so groß, daß die antisemitische Parteiherrschaft allen anständigen Menschen in Wien und in Niederösterreich unerträglich geworden ist. Die öffentliche Entrüstung über das Gebühren dieser Partei ringt nach einem wirksamen Ausdruck und darin liegt die Bedeutung der bevorstehenden Landtagswahlen. Den „Verwaltungsscandal", mit welchem die Christlich-Socialen die Wahlbewegung eingeleitet, haben wir in den letzten Wochen wiederholt gekennzeichnet. Die „Oesterreichische Wochenschrift" hat zu allererst darauf hingewiesen, daß die Geheimhaltung der Wählerliste, das Verbot der Abschriftnahme, widergesetzlich ist, daß dieses Verbot eine Beeinträchtigung der Bürger in ihren verfassungsmäßigen Rechten darstellt. Und da ist es denn höchst merkwürdig, wie im Abgeordnetenhause eine Majorität dafür gefunden werden konnte, die Dringlichkeit der Prüfling der Wählerliste abzulehnen. Wenn die christlichsociale Bereinigung im Abgeordnetenhause nur einen Funken von politischem Anstande besäße, so hätte sie selbst die energischeste und genaueste Prüfung der Wählerliste befürworten müssen! Denn wenn diese Liste wirklich so einwandfrei ist, wie der Herr Statthalter Graf Kielmansegg noch immer und trotz 'aller Namensverzeichnisse verschwundener Wähler zu glauben scheint, so kann es doch gewiß nicht schaden, daß die amtliche Ueberprüfung die Correctheit der Wählerliste außer allen Zweifel stellt und allem „Geschrei" den Boden entzieht. Herr Doctor Lueger besitzt aber die Unverfrorenheit, auch jetzt noch die Ausfolgung eines Exemplares der Wählerliste zu verweigern, und zwar deshalb, weil man ihn „angegriffen" hat. Als ob der Dr. Lueger, der seine eigene Immunität oft genug mißbraucht hat, auch Anspruch hätte auf die passive Immunität, die sein Gebühren jeder Kritik entrückt, und als ob feine persönliche Anmaßung so weit gehen dürfte, die gegen ihn gerichteten Angriffe durch die widergesetzliche Borenthaltung politischer Rechte zu bestrafen. * * * „Hier finden wir uns Alle zusammen", sagte der Herr Bürgermeister bei der Schlußsteinlegung des Heims für obdachlose Familien, einer Schöpfung, deren Begründer und Förderer zum großen Theile Juden sind. Auf dem Gebiete der Humanität, das wollte Herr Dr. Lueger wahrscheinlich sagen, gibt es keinen Unterschied der Partei. Wir wissen dem Herrn Dr. Lueger für diese Anwandlung bürgerlicher Eintracht keinen Dank, weil sie in seinem Munde eine inhaltlose, um nicht zu sagen heuchlerische Phrase darstellt. Zunächst ist ja die antisemitische Partei überhaupt keine politische Partei. Sie ist eine Zusammensetzung von Leuten, von denen einige wenige es vielleicht wirklich glauben, die allermeisten aber im vollen Bewußtsein der Unwahrheit dem Volke vorspiegeln, daß der wirthschaftlichen Noth durch Unterdrückung der Juden abgeholfen werden könne. Es war seinerzeit ein unverzeihlicher Fehler der Regierung, die Antisemiten als eine „politische Partei" anzuerkennen. Trotzdem bestreiten wir dem Herrn Dr. Lueger das Recht, sich auf denjenigen hinauszuspielen, der, wenn es sich um Werke der Nächstenliebe handelt, keinen Unterschied der Partei kennt. Das widerspricht seinem eigenen Betragen und noch mehr demjenigen der Partei, deren Führer er ist. Darf eine Gesellschaft überhaupt von Menschlichkeit und Nächstenliebe sprechen, wenn ihre Führer die Verfolgung Andersgläubiger predigen, wenn sie die Ausrottung der Juden als das erstrebenswerthe Ziel erklären? Schußgeld für Juden, Hängen oder Köpfen, das läßt sich mit Menschlichkeit und Nächstenliebe nie und nimmer zusammenreimen. Und ist es denn wahr, daß „wir uns da Alle zusammenfinden?" Das durfte Herr Dr. Lueger nicht vorzubringen wagen in einer Stadt, in welcher man gegen jüdische Dienstmänner, gegen arme jüdische Wöchnerinnen, gegen arme jüdische Studenten agitirt, die Erweiterung eines jüdischen Spitals durch boshafte Chicanen zu verhindern sucht und wohlthätigen Anstalten, soferne sie zu christlich-socialer Fructificirung unbrauchbar sind, direct feindselig gegenübersteht. Und wie um den Herrn Dr. Lueger in der Vorzeigung seines „goldenen Wiener Herzens" so rasch als möglich Lügen zu strafen, erscheint an demselben Tage, an welchem er in der Pose des Menschenfreundes auftritt, der „mit Allen zusammenkommt", eine Note der Freiwilligen Rettungsgesellschaft, die öffentlich darüber Klage führt, daß ihr von der Commune die Erlaubniß zur Aufstellung von Rettungsboten am Donauufer verweigert wurde. „Aus unerfindlichen Gründen", so drückt sich die Freiwillige Rettungsgesellschaft aus, verhindere die Gemeinde eine Einrichtung, die dem öffentlichen Wohle dient. Uns sind die Gründe dieses unerhörten Benehmens einer städtischen Verwaltung durchaus nicht unerfindlich; sie sind es auch wahrhaftig der Freiwilligen Rettungsgesellschaft nicht. Ja, wenn der Pummerer Schriftführer, der Bielohlawek, diese Blume aller schönen Geister, Präsident und der Vergani Cassaverwalter der Freiwilligen Rettungsgesellschaft wäre, dann wäre wahrscheinlich Platz gewesen für die Rettungskästen. Nein, Herr Dr. Lueger, wir verzichten auf Ihre Humanität und auf die Ihrer Partei. Wir kommen da nicht zusammen. * * * Das Berganiblatt entrüstet sich noch immer über die jüdischen Collegen Bergani's, nämlich die jüdischen Defraudanten, und vergießt Thränen des Mitleides über das Schicksal der arischen Caffendiebe, deren Serie soeben durch einen Beamten der städtischen Gaswerke, also einen echten Christlich-Socialen, bereichert wurde. Der Herr Krämer von der Anglobank ist ein