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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-10-10 · 41 (10.10.1902) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
41 (10.10.1902)
Date
1902-10-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ur. 41 Dr. Bloch’s Iahr-a«, XH Centralorgsn für die gelammten Interelfen des Iudenthums. A. kr. Postsparc«ffen-Arnt Clearing-Verkehr ■, Nr. 810.976. Ledaclion und AdministrLtior» > Wir«! IX/I, Berggaffr Nr. 39. jj Telephon Nr. 14.847. | Ss -=« -- --' —- Wien, 10. Oktober 1902. Erscheint jeden Freit ag. -- Brief-Adresie: Wien, IX/A» Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. X =---3* »rrugsprri» für Sestrrrrich Halbjährig 8 Krone». Einzelexemplare 56 Heller, Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 « Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. M - =:■■ =*8 Anhalt t Leitartikel: „Phantasien eines Realisten." — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Zum 70. Geburtstag des Präsidenten kais. Rathes Klinger. — Zur Entstehungsgeschichte des Gemeinde-Bundes in Böhmen. — Vor dem Versöhnungstag. — Romanicae res. — Die amerikanische Note. — Correspondenzen:K. k. Baurath W. Stiaßny. Wien Auspitz, Marienbad, Temesvar, Sarajewo, Berlin. Das Muster eines Seelsorgers. Manau über Zola und die Drehfus-Affaire« Die Juden in Korea. — Vermischtes: Wien, Lemberg, Breslau, Warschau, Jassy. — Feuilleton: Versöhnungstag. Solachti. Bilder aus Sibirien. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. „Phantasien eine» ftenltß««.“ (Prinz Alois Liechtenstein und Graf Julius A n d r a s s y.) Vor den Berliner Gerichten wird derzeit ein Proceß gegen zwei Redacteure der antisemitischen „Staatsbürger-Zeitung" abgehandelt, der in seinem Wesen einer Revision des Könitz er Mordprocesies gleichkommt. Die antisemitische Preßmeute hatte aus Anlatz des Konitzer Mordes eine terroristische Agitation entfaltet, um die preußischen Gerichtsbehörden zu zwingen, Juden als die eigentlichen Urheber und Thäter bei dem Morde an dem Gymnasiasten Winter anzuklagen. Es constituirte sich ein antisemitisches „Untersuchungscomite" zur Präparirung von Zeugen uuv zur Controls der Gerichtsfunctionäre. Als all diese frevelhaften Agitationen resultatlos blieben und die zahlreichen, unschuldig in Untersuchungshaft gebrachten Juden schließlich in Freiheit gesetzt werden mußten — einzelne dieser Unglücklichen starben vor Aufregung infolge der erlittenen Untersuchungshaft — erhob die „Staatsbürger-Zeitung" scandalöse Anklagen gegen die oberste Justizverwaltung in Preußen wegen angeblich parteiischen Vorgehens zu Gunsten der Juden. Die antisemitischen Redacteure behaupteten, das preußische Justizministerium habe directe Weisungen ergehen lassen, eine Untersuchung gegen die Juden nicht zu führen, und dem sei es zuzuschreiben, daß die Mörder des Gymnasiasten Winter in Könitz bis heute unentdeckt seien. Die Berliner Staatsanwaltschaft erhob wegen dieser excessiven Artikel gegen die „Staatsbürger-Zeitung" die Anklage, üoer welche jetzt erst — spät genug — verhandelt wird. In diesem Processe, welcher nun mehrere Tage währte, wurden mehrere Staatsanwälte und Criminalcommissäre zeugeneidlich einvernommen und ihre Aussagen brachten geradezu ein erschütterndes Bild der Leiden und Verfolgungen, welchen die unglücklichen Juden in Könitz ausgesetzt waren. Die Enthüllungen machten ungeheuere Sensation, so daß am Montag der Vertheidiger des Angeklagten Dr. Bötticher, folgende Abbitte zu Protokoll zu geben für gerathen hielt: „In dem Artikel in Nr. 289 der „Staatsbürger-Zeitung" sei u. A. gesagt worden: Die in die Interna eingeweihten Personen behaupten, daß trotz der vielen gegen Lewy bestehenden belastenden Momente nichts gegen die Juden unternommen worden sei, weil man eventuell einen Aufstand befürchtete. Dem Verfasser des Artikels habe dabei der durch den Fürsten Liechten st ein bekannt gewordene Vorgang in Oesterreich-Ungarn vorgeschwebt, wo der Graf A n d r a s s Y bei dem Fall Tisza-Eszlar die Befürchtung ausgesprochen haben soll, daß ein Vorgehen gegen die Juden einen Ausstand zur Folge haben würde. Der Artikel habe nun an die Möglichkeit gedacht, daß das Staatsministerium, insbesondere das Mmisterium der Justiz und des Innern, ein besonders vorsichtiges Vorgehen gegen die Inden aus staatlichen Rücksichten angeordnet haben könnte. Durch die Beweis- , aufnahme ist erwiesen, daß der Justizminister den Ersten Staatsanwalt ausdrücklich angewiesen hat, alle Spuren, insbesondere auch gegen die Juden, energisch und ohne Rücksicht zu verfolgen, und ihm anheimgestellt hat, ein förmliches Verfahren gegen Adolf Lewy einzuleiten. Die in diesem Artikel ausgesprochene Vermuthung, daß das Staatsministerium, insbesondere das Justizministerium und das Ministerium des Innern, aus staatlichen Rücksichten ein besonders vorsichtiges Vorgehen gegen die Juden angeordnet hätte, ist sonach schlechthin falsch und eine Parallele zu den damaligen Verhältnissen in Ungarn absolut unbegründet. Der Angeklagte Dr. Bötticher spricht daher sein Bedauern aus, diesen Artikel ausgenommen zu haben." Das „Berliner Tageblatt" vom Dienstag den 7. October hat hierauf folgende Erklärung publicirt: „Die Behauptung, die ungarische Regierung habe das Verfahren von Tisza-Eszlar versumpfen lassen, weil bei der erregten Stimmung sonst Excesse gegen die Juden zu befürchten gewesen wären, beruht auf einer Mittheilung des Fürsten L i e ch t e n st e i n. Fürst Liechtenstein hat behauptet, Graf Andrassy habe ihm gegenüber eine dahingehende Mittheilung gemacht. Die Behauptung des Fürsten Liechtenstein trägt deutlich den Stempel der Unwahrheit. 1. Warum ist Fürst Liechtenstein mit seiner Mittheilung erst nach dem Tode des Grafen Andrassy an die Oeffentlichkeit getreten? 2. Es ist nicht denkbar, daß Graf Andrassy, der doch kein Kretin war, einem politischen Gegner erzählt haben soll, er habe eine Untersuchung in falsche Bahnen geleitet, und zwar im Gegensatz zu den Bestrebungen und Agitationen eben der Partei, der Fürst Liechtenstein angehört. Eine derartige Erzählung einer eigenen Schufterei ist einfach ausgeschlossen. Wenn ich nicht irre, hat die „Neue Freie Presse" darauf hingewiesen, daß Fürst Liechtenstein auch bei anderer Gelegenheit sich als .erwiesen, und haben die Söhne Andrassy's erklärt, daß die Liechtenstein'sche Behauptung unwahr sei; doch kann ich hierüber keine nähere Mittheilung machen. Ich werde Ihnen solche noch sogleich besorgen. Inzwischen kann ich Ihnen dafür einstehen, daß Liechtenstein mit seiner Behauptung erst nach dem Tode des Grafen Andrassy hervorgetreten ist. M e y e r C o h n, Justizrath." Das „Deutsche Volksblatt" vom 8. October bringt als Entgegnung folgende Mittheilung: „Obwohl wir uns sofort darüber klar waren, was von dieser Erklärung zu halten sei. die den Juden natürlich im höchsten Grad unbequem ist, schickten wir einen unserer Mitarbeiter Vormittags zu dem Prinzen, um ihn um Auskunft über jene Erklärung p bitten.

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