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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-10-05 · 40 (5.10.1902) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
40 (5.10.1902)
Date
1902-10-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 644 Dr. Vloch's Wochsnschrifl. Nr. 40 Ende des 18. Jahrhunderts zählte die Dresdner Judenschast 9OO Köpfe oder zwei Percent der Einwohnerschaft, die sich damals nicht ganz auf 50.000 Köpfe belief. Heute beherbergt Dresden zweieinhalbtausend Juden; das sind 0°72 Percent der Bevölkerung. Im Laufe von 120 Jahren ist also die Zahl der Dresdner Juden im Verhältniß zur gesammten Einwohnerzahl stark zurückgeblieben. Zettfragerr. Bor einigen Monaten hat in Frankfurt a. M. eine liberale Rabbinerversammlung stattgefunden, deren Berathungen zu keinem Ergebniß geführt haben. Es handelte sich um die Lösung der alten Frage bezüglich der Wiederverheiratung von kinderlosen Witwen, die keine „Chaliza" erhalten können, und der nur standesamtlich geschiedenen Frauen, für die die jüdisch-rituelle Scheidung nicht zu erlangen ist. Man äußerte auf jener Versammlung Bedenken gegen Reformen auf diesem Gebiete, die zu einer Spaltung in der Judenheit führen könnten.*) Bezeichnend für die Mattigkeit und den Jndifferentismus unserer Zeit ist es wohl, daß Niemand von dieser Versammlung und deren Berathungen Notiz nahm. Nur jetzt erinnert sich ein jüdisches Blatt in Berlin der Angelegenheit, indem es den liberalen Rabbinern zuruft, nicht den Muth zu verlieren und keine Rücksicht auf die Folgen der zu treffenden Neuerungen zu nehmen. Ick hatte an der Sache eine unbändige Freude, in dem betreffenden Blatt das Wort .Muth" zu finden. Man sage, was man wolle, in der Judenheit bricht eine neue Zeit an. In der Angelegenheit selbst möchte ich entschieden von jeder Neuerung abrathen. Denn erstens läßt sich wenigstens bezüglich der „Chaliza" ein Modus treffen, der talmudisch unanfechtbar ist, und dann ist doch das Ganze gar nicht so dringend. Solche Fälle, wie die in Rede stehenden, kommen ziemlich selten vor, und außerdem ist die Sache gar nicht so schlimm, da ja die standesamtliche Eheschließung möglich ist. Man thut am besten, dabei ein Auge zuzudrücken, und will man auf die Nachkommenschaft solcher Ehen bedacht sein, so muß man sich sagen, daß die frommen Glaubensgenossen eine solche Ehescheidung, wie man sie von liberaler Seite plant, doch nicht anerkennen würden. Es könnte nur dazu führen, daß die Orthodoxen gegen alle Trauungen von liberalen Rabbinen Mißtrauen hegen würden, was ja in Holland bereits vorgekommen ist. Es handelt sich also um eine Frage, die als em noli me tangere zu behandeln ist. Aber sehr bedauerlich ist es, daß die Rabbiner, und zwar nicht nur die liberalen, sich nicht mit anderen viel wichtigeren Fragen beschäftigt haben, die geradezu brennend sind. Ich meine die Erhaltung des Judenthums in so schwierigen Zeiten. In der Regel heißt es: Was können wir denn dazu thun? O ja, man könnte schon sehr viel thun, wenn man nur den guten Willen hätte. Erfreulicherweise ist der Nachwuchs der Rabbiner vielfach sehr gut; wir haben bereits eine Zahl jüngerer Rabbiner, die vom besten Eifer für die Erhaltung des Judenthums beseelt sind. Auch einige von den älteren Rabbinern kann man als gute Juden bezeichnen. Kurz, ich meine, die Zeit für positive Reformen ist gar nicht so ungünstig. Da haben wir beispielsweise eine Thatsache, die Bände spricht. Was war das Chanukafest in der westeuropäischen Judenheit vor etwa fünfundzwanzig Jahren? Eine Feier, die doch keine Feier war, und jedenfalls wurde sie in unzähligen jüdischen Familien begangen ohne rechte Wärme und auch ohne religiöse Weihe. Mit einemmale aber ging aus dem Volke selbst eine Bewegung hervor, dieses Fest immer intensiver und erhebender zu begehen, und bereits bildet sich die Chanukafeier zu einer Grundsäule des Judenthums aus. Man hat seine Freude daran. Nun wurde oft geklagt, daß der dabei in Aufschwung kommende Cultus, der mit den Makkabäern getrieben wird, nicht jüdisch sei. Ich gebe dies zu; außerdem stört mich das Unhistorische und Aristokratische dieses Cultus. Nicht die Makkabäer waren die eigentlichen Helden, sondern daS jüdische Volk, das so standhaft gegen einen übermächtigen Feind nnd gegen seinen verlotterten Adel gekämpft hat. Die hasmonäische Familie ist später an einem *) Es mag dabei bemertt werden, daß ich vor Jahren, als ich noch ein rabbinisches Amt bekleidete, einen Modus fand, durch den die „Chaliza" umgangen werden konnte. Um aber keine Spaltung hervorzurufen, wandte ich mich an den Oberrabbiner von Saloniki und an Dr. I. Hildesheimer, die Beide ihre Zustiminung ertheilten. geschüttelt vollen Maße von Sünden und Schwächen zu Grunde gegangen. Aber trotzdem bleibt die Chanukafeier herrlich, und hätten die Rabbiner die Sache rechtzeitig in die Hände genommen, so wären dabei nicht die Phrase und die nationale Prahlerei, die mir, dem überzeugten Zionisten, geradezu ein Greuel ist, zur Herrschaft gelangt. Noch jetzt ließe sich Manches gutmachen, wenn nur die Rabbiner nicht so abseits vom Volke ständen. Dies war ja die Sünde und der größte Fehler der Sadduzäer, daß sie für das Volk nichts übrig hatten, weshalb sie trotz ihrer Bildung und ihrer staatsmännischen Begabung jeden Zusammenhang mit dem Volke verloren und daran gänzlich untergingen. Das erneuerte Chanukafest mag als belehrendes Beispiel dafür dienen, daß das Judenthum noch verjüngungsfähig ist. Man muß nur mit aller Wortklauberei brechen und Liebe zum Judenthum haben. Ich sehe, daß auch das Paffahfest, insbesondere der „Sederabend", der Jahrhunderte hindurch so weihevoll gehalten wurde, immer mehr im Schwinden begriffen ist. Das eigenthümlich, romantisch-bizarre Ceremoniell dieses Abends hört auf, bei der Jugend Verständniß zu finden. Das Schlimme ist nämlich, daß Alle den hebräischen Text der „Hagada" nicht verstehen; man greift somit zu einer UebersetzuNg, wobei alles Nriv-Poetische verloren geht. Die einleitende Erzählung der Leiden Israels in Egypten, die Paraphrase zur biblischen Darstellung, ist im Original köstlich, in der Uebersttzung aber banal. Dann kommen die späteren Stücke, die Aufzählung der göttlichen Gnadenbezeugungen und die Arithmetik der Plagen Egyptens, die Zahlenräthsel und die Geschichte des Zickleins u. dergl. — Die Jugend bleibt ungerührt und gelangweilt. Und nun besitzen wir gerade über dieses historische Ereigniß in der palästinensischen Agada eine Fülle von ergreifenden Erzählungen und von erhebenden Aussprüchen, deren Schönheit und deren sittlicher Werth unvergänglich bleiben. Daß es noch Niemandem eingefallen ist. den „Sederabend" echljüdisch und doch zeitgemäß auszustatten! Denn was war die „Hagada", wenn nicht eine Ausschmückung des Passahabends im Geiste und im Geschmacke jener Zeit? Nicht abschaff n soll man — sondern positiv Neues, Lebendiges u.'.b Lebensfähiges schaffen. Warum sind wir bescheiden, wo wir es nicht sein sollen? Jede Zeit hatte ihre liturgischen Dichter; auch wir können sie haben. Was die „Pajütanim" im Mittelalter thaten, daß sie den synagogalen Gottesdienst den Zeitansprüchen gemäß ausstatteten, können wir auch thun. Und nicht nur das Passahfest, sondern alle unsere Feste und auch der Sabbath verlangen eine neue Weihe, die wir ihnen geben dürfen, geben können und geben müssen. Ich stelle meine Beobachtungen alljährlich in den alten Synagogen an, wo nur die ganz Frommen ihre Andacht verrichten. Und nun muß ich sagen, daß man dort selbst am Neujahrsfest und am Jom-Kippur Andacht verrichtet, aber von einem andächtigen Beten kann gar nicht die Rede sein. Ich vermisse jede weihevolle Stimmung, jeden religiösen Enthusiasmus, jede wahre Frömmigkeit. Möge man dazu sagen, was man wolle. Das Judenthum kann dabei auf die Dauer nicht bestehen; für das Judenthum ist dieser Gottesdienst gar kein Gewinn. Hier soll wiederum nicht die Rede sein vom Abschaffen der hebräischen Gebete und deren Ersetzung durch „orthographische Gebete", wie es bei Heine heißt; aber jedenfalls müssen die Tage eine neue, noch nicht abgenützte Weihe erhalten, sonst geht Alles verloren. Man wird von mir positive Vorschläge verlangen. Nun habe ich ja durch das Beispiel der Chanukafeier gezeigt, wie man die jüdischen Feste im Volke wieder verjüngen kann; aber im Ganzen kann es nicht die Aufgabe eines Zeitungsartikels sein, ein vollständiges Programm aufzustrllen. Wir haben in Deutschland den Rabbinerverband, und ich bin überzeugt, daß die meisten Rabbiner nicht damit einverstanden sein können, daß dieser Verband sich lediglich mit der Wahrnehmung der materiellen Interessen der Rabbiner begnügt. Es nützt nichts, die Augen zu verschließen gegen den täglich sich drohender zeigenden Verfall des Judenthums; es nützt auch nichts, alljährlich sich mit Flickarbeit abzugeben, sich abzumühen, um durch allwöchentlich einen Eßlöffel Religionsunterricht das Judenthum zu erhalten, zumal man sich doch sagen muß, daß der Religionsunterricht mit dem Leben in der Familie im Widerspruch steht. Nein, eS ist eine neue Zeit, die neue Mittel braucht, vielleicht auch neue Männer. Bei meinem festen Glauben an die Unvergänglichkeit der jüdischen Völker und somit auch des Judenthums bin ich überzeugt, daß daS Neue kommen wird und kommen muß; aber es wäre besser, die berufenen Lehrer in Israel nähmen dieses

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