Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 40 (5.10.1902)
- Date
- 1902-10-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 640 »r. Swm's WoÄMMLrirL Nr. 40 Die Welt ist eine Einheit, und wenn eine barbarische Gesetzgebung Tausende aus ihrer Heimat treibt, die in Amerika eine Zuflucht suchen, dann sind die Bereinigten Staaten wohl befugt, auf diese Erscheinung hinzuweisen, die auch dem Lande nicht gleichgiltig sein kann, das Auswanderer jeglicher Art, Juden wie Christen, auszunehmen bereit ist, wenn sie durch den natürlichen Gang der Entwicklung, wenn sie in freier E»l' schließung den Wunsch hegen, die Vereinigten Staaten oufzusuchen; aber eine Zwangsexpatriirung muß natürlich ganz andere Wirkungen haben. Das Vorgehen der Vereinigten Staaten ist also politisch wohl begründet, und wenn man die Politik beiseite schiebt und nur an die Humanität denkt, so bedarf diese Note gewiß keiner Rechtfertigung. Man weiß bisher nur. daß England das Vorgehen der Bereinigten Staaten zu unterstützen bereit ist. Das ist die Haltung jenes England, das man zu vergeffen begann. Was werden d,e anderen Mächte thun? Erwägungen der Humanität fallen für Deutschland nicht allein in das Gewicht. Allein Deutschland ist an der Gcsundung der rumänischen Zustände in hohem Grade aus fei r materiellen Gründen interesfirt. Man kann annehmen, daß über eine Milliarde Franken rumänischer Staatsschulden in Deutschland unter - gebracht sind. Nun sind die rumänischen wirthschaftlichen Verhältnisse schon an und für sich recht bedenkliche, und sie sind es trotz einer guten Weizenernte, der freilich eine schlechte Maisernte gegenübersteht, auch in diesem Jahre geblieben. Drr rumänische Staat ist anit Schulden überlastet, und er muß noch immer weiter Geld leihen. Schädigt Rumänien durch eine engherzige, wirthschaftliche Gesetzgebung seine finanzielle Entwicklung und bleibt dre rumänische Politik eine derartige, daß durch Interventionen und Reclamationen fremder Staaten das Vertrauen zu dem Reiche an der unteren Donau mehr und mehr schwindet, — es ist schon arg genug erschüttert — dann erleidet der rumänische Credit unabwendbar einen schweren Schlag, und die Rückwirkung wird sich für die deutschen Besitzer rumäurscher Papiere immer stärker fühlbar machen." Welche Folgen die rumänische Judenpolitrk für das eigene Land zeitigt, zeigt sich in einigen Daten, welche der ^Rumänische Lloyd" vom 24. Scptemver zusammengestellt hat. Da heißt es: „Wie wir aus zuverläßlicher Quelle erfahren haben, sind seit Beginn der Auswanderungsbewegung allein aus Bukarest etwa 1O.OOO Israeliten ausgewandert, abgesehen von der bedeutenden Anzahl Auswanderer aus den übrigen Städten des Landes und hauptsächlich aus denen der Moldau. Bleiben wir bei der Zahl 10.000 der aus Bukarest Ausgewanderten und versuchen wir es, den Schaden zu berechnen, welcher der Stadt und dem Lande nur durch den Verlust dieser Zehntausend erwächst, so werden wir nicht weiter nachzuweisen brauchen, welch' große ökonomische Bedeutung die Auswanderungen für das Land haben. Wir wollen annehmen, daß jeder Erwachsene — und die Ausgewanderten sind doch Erwachsene — für seinen vollständigen Unterhalt, d. h. für seine Kost, für Kleider, Wäsche und Schuhe, täglich einen Franken benöthige, so sind dies 10.000 Franken per Tag. Die aus Bukarest Ausgewanderten haben diesen Betrag selbstverständlich in Bukarest ausgegeben, es verliert demnach die Stadt Bukarest täglich 10.000 Lei, d. i. in einem Monat 300.000, eventuell 310.000 Lei und in einem Jahr 3,650.000 Lei. So bedeutend diese Summe ist, so dürfte sie in Wirklichkeit noch um Vieles übertroffen werden, da wir die niederste Summe angenommen haben, die ein Erwachsener täglich für sich verausgaben muß. Der Verlust für die Stadt stellt sich aber wesentlich anders, wenn wir die ganze Geldcirculation in Betracht ziehen, die durch 10.000 Personen bewirkt wird und deren Verlust ein ökonomisch bedeutender Schaden für die Stadt ist. Durch die so bedeutende Verminderung der Bevölkerungszahl von Bukarest sind, wie dies unsere Hausbesitzer nur zu sehr empfinden. Tausende von Wohnungen leer geblieben. Es entgeht demnach den Hausbesitzern die Hausmiethe, und obwohl dieselben, durch den Wohnungsüberfluß gezwungen, mit den Miethspreisen bedeutend herabgegangen sind, bleiben ihnen die Häuser doch leer, einfach, weil Niemand da ist, der sie bewohnen könnte. Die zehntausend Ausgewanderten benöthigen eben keine Wohnungen mehr. Aber diese Zehntausend haben auch dem Schneider, dem Schuster, dem Arzt und Apotheker, dem Kaufmann und Viktualienhändler zn verdienen gegeben, die heute alle einen Verlust ihrer Einnahmen zu beklagen haben. Von den Ausgewanderten hat der Staat die Steuer eingehoben, die Stadt ihre Gefälle! Eben Staat und Stadt müssen heute auf die Einnahmen verzichten. Wir brauchen unseren Lesern keine schwierige Rechenaufgabe zur Lösung zu bieten, wenn wir sie bitten, sich berechnen zu wollen, welchen Verlust allein die Stadt Bukarest durch die Auswanderung von 10.000 Israeliten erleidet. Die Summe ist groß und wird deren Abgang von der Stadt bitter empfunden. Wir bitten aber unsere Leser, diese Rechnung etwas weiter auszudehnen, auf das ganze Land, und es dürfte da eine ganz horrende Summe sich als Verlust ergeben, den Rumänien infolge der Judenauswanderungen zu tragen hat. Wenn wir als Grundlage auch hier nur einen Franken per Kopf annehmen, so gäbe dies, wenn wir berechnen, daß aus ganz Rumänien bis jetzt 40.000 Israeliten ausgewandert sind, einen monatlichen Verlust von 4,^OO.OOO Lei und einen jährlichen Verlust von 14.600.000 Lei. Rechnen wir noch dazu den Abgang von directen und indirecten Steuern und den Verlust, den das Land dadurch erleidet, daß durch den Abgang von 40.000 Seelen der Umlauf des rollenden Capitals sich bedeutend vermindert, so müssen wir zu demselben Resultate gelangen, daß die Judenauswanderungen dem Lande einen bedeutenden materiellen Verlust gebracht haben, der für den Moment schwer oder gar nicht wieder einzubringen ist." In' dem „Bukarester Tagblatt" vom 25. September heißt es : Zu keiner Zeit waren sich die Juden so sehr ihrer mißlichen Lage bewußt, als in dem Augenblicke, wo der Staat die unglückliche Idee hatte, jene verschiedenen Schulgesetze und Reglenients zu schaffen, welche den Eintritt fremder Kinder in die Staatsschulen durch Herabsetzung der zur Aufnahme bestimmten Schülerzahl auf ein äußerstes Minimum reducirte und durch Einführung von Schultaxen vollends erschwerte. Nichts hat die Juden so tief inS Herz getroffen, als die Aussichtslosigkeit, ihre Kinder, für die sie mit Liebe und Selbstaufopferung arbeiteten, der Wohlthaten des Unterrichtes und der Bildung theilhaftig werden zu sehen. Denn das Ideal, das der Jude stets vor Angen hat, ist, wenigstens seine Kinder durch die Aneignung einer gewissen Bildung zu einer besseren socialen Stellung emporsteigen zu sehen. Waren nun die vexatorischen Maßregeln, welche unter dem Vorwände des Raummangels gegen die fremden Schüler ergriffen wurden — als ob die Kinder von im Lande geborenen Juden als Fremde zu betrachten sind — waren diese Maßregeln von irgend ernem Standpunkte gerecht? Lassen wir diesbezüglich den Universitäts- Professor Nicolae Jorga sprechen, einen Mann, welcher sich durch seine heftigenAngriffe gegen die Juden zu wiederholtenmalen sehr bemerkbar gemacht hat: „Als unsere Schulen nach allen modernen Ansprüchen eingerichtet wurden" — sagt Herr Professor Jorga in einem vor einigen Tagen erschienenen Artikel in d>-r „Epoca" — „hat sich Niemand so sehr beeilt, seine Kinder in die Schule zu schicken, als der Jude. Die' ärmsten unter den Juden haben kein Opfer gescheut, um ihren Kindern eine bessere Zukunft vorzubereiten. Und diese jüdischen Schüler haben in den meisten Fällen die für sie von ihren Eltern ertragenen Entbehrungen besser zu belohnen gewußt, als ihre christlichen Mitschüler. Als Schüler und Professor bin ich noch keinem jüdischen Schüler begegnet, welcher aus bösem Willen, Faulheit oder Verdorbenheit seine Zert vergeudet hätte, wie so viele der Unserigen, besonders aus den „guten Classen", es zu thun belieben. Ich kenne viele jüdische Schüler, welche Grund gehabt hätten, zu verzweifeln, und die Bücher, welche sie nicht verstanden, wegzuwerfen. Aber sie thaten es nicht: sie waren im Gegentheil Hartnäckig, sie saßen nächtelang über die tobten Buchstaben gebückt, um ihren Sinn zu errathen, und sie haben es schließlich so weit gebracht, daß sie durch ihre Ausdauer die Prüfungen eroberten. Es gab immer jüdische Prä mianten, vielleicht auch von Zeit zu Zeit Corrigenden, von Repetenten aber ist mir nichts bekannt. Die am wenigsten Begabten unter meinen jüdischen Schulcollegen sind heute, nach einem heroischen Kampf gegen sich selbst, Aerzte, Ingenieure oder haben sich anderen freien Berufsarten zugewendet . . Es gibt unter diesen solche, welche uns hassen. Es gibt aber auch andere — und ihre Zahl ist groß — welche in Folge des Aufenthaltes in den rumänischen Schulen und den damals geknüpften Freundschaften, sowie deren täglichen Verkehr mit der rumänischen Gesellschaft, eine aufrichtige Sympathie für das Land und das rumänische Volk gefaßt haben. Ich scheue mich nicht, zu erklären, daß diesenLeuten, welche wir noch mehr assimiliren und für uns gewinnen könnten, ein großes Uurecht zugefügt wir d." Als noch dazu die Krisis ausbrach und es dem Juden nicht möglich war, das Nöthige für sich und seine Kinder zu gewinnen, da regle es sich mächtig in ihm, auszuwandern und Länder aufzusuchen, wo ihm nicht nur Gelegenheit geboten wird, zu arbeiten und zu exiviren, sondern auch seinen Kindern die großen Errungenschaften der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu Theil werden zu lassen. Die massenhafte Auswanderung der Juden hat die amerikanische Intervention provocirt; diesem Schritte soll sich jetzt auch England angeschloffen haben. Es wird wohl schwer gehen, daß die rumänische Regierung nicht auf die Jnformationsnote der Mächte antwortet. Sie wird die Auswanderung mit der großen wirthschaftlichen Krisis in Rumänien motiviren. Wie aber wird sie die Thatsache erklären, daß zahllose Kinder von im Lande geborenen Juden nicht in die Staatsschulen ausgenommen werden? Wie die systematische Umgehung des Art. 44 des Berliner Vertrages? Wahrlich, die Situation gibt viel zu denken, und nicht so sehr vom politischen als vom menschlichen Standpunkte wäre es zu wünschen,