Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr- 32 Bloch’s Jahrgang XIX Centrslorgan für die gefsmmten Interessen des Iudenthums. K. k. Pofifparrassen-Amt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Ledarlion und Rdministralior» Wien IX/1, Berggafse Nr. 39. Talephon Nr. 14.847. « ==* Wie«. 8. August 1902. -—!>- Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adresie: Wien, IX/I» Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien» Dezugsprei« für Äestrrrrich Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare SO Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kraue». Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Ein Congreß für die unglücklichen Inden Rumäniens. — Englisches Uriheil gegen Rumänien. — V o m I a h rmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Alland und Roznau. Geadelte Kaufleute. Die Rachegebete von Rheneia. — Eorrespondenzen: Sophie v. Gutmanu. Die israelitische Abtheilung des Wiener Centralfriedhofes. Basel, Berlin, Bad Ems, Paris, Holland, Petersburg, New-Z)ork. — Vermischtes: Wien, Innsbruck. Das Blutmärchen. Prag, Berlin, Karlsruhe, Gewitsch, Czaslau, Nachod, Utrecht, Göttingen, Antwerpen, Paris, London. — Feuilleton Der Chanukaleuchter- Eine interessante Soharstelle für die optimistische Weltanschauung. — Literarische Umschau. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Gin Eongreß für die ««glückliche« J«dr« R«miiinr«s. Der Brüsseler Congreß „pro Armenia“ hat den Erwägungen diplomatischer Klugheit mehr Raum gegeben, als den Regungen der Menschlichkeit. In der Befürchtung, daß der Sultan das böse Beispiel zu seinen Gunsten ausnützen könnte, hat der Congreß die Ausrollung der rumänischen Judenfrage abgelehnt und sich ausschließlich darauf beschränkt, die Türkei zur Einhaltung des Art. 61 des Berliner Vertrages zu ermahnen. Wir halten diese Taktik für keine glückliche. Wenn die Völker sich vereinigen, um die Sünden der Minister und der Diplomaten zu kritisiren, so können sie nicht durch kühl abwägende Vernunstgründe, sondern nur durch die Macht der Empfindungen wirken. Glauben denn die trefflichen Männer, die in Brüssel versammelt waren, daß dem Sultan die Nichtbefolgung des Art. 44 des Berliner Vertrages durch Rumänien unbekannt geblieben ist? Wenn der Brüsseler Congreß von der Ansicht ausging, daß er das Schicksal der Armenier durch Verhandlungen mit den europäischen Cabineten bessern werde, so hat er sich einer bedauerlichen Täuschung hingegeben. Eine Wandlung in Armenien ist lediglich von einer Aufrüttlung des öffentlichen Gewissens, von einer mächtigen, die ganze Culturmenschheit erfassenden Volksbewegung zu erhoffen. Der Congreß hat das übrigens geahnt, indem er auf die Unterstützung durch die europäische Presse den größten Werth legte und die alljährliche Wiederholung seiner Berathungen zum Beschlüsse erhob. Die kleinlichen Bedenken stehen zu diesen beiden Beschlüssen in diametralem Gegensätze. Wir glauben vielmehr, daß die öffentliche Erörterung der Thatsache, daß der Berliner Vertrag von zwei Mächten in flagrantester Weise verletzt werde, ohne daß die europäische Diplomatie es der Mühe werth fände, gegen diesen Bruch des Völkerrechtes einzuschreiten, nur die Ohnmacht des sogenannten europäischen Concertes und dem gegenüber die Macht der öffentlichen Meinung dargethan hätte. Allein da der Congreß „pro Armenia“ von falschen diplomatischen Erwägungen sich beherrschen ließ, so müssen wir auf dieses Instrument Verzicht leisten und unser eigenes Instrument construiren. Wir wollen dabei aus den Beschlüssen des Brüsseler Conqresses die entsprechenden Lehren ziehen. Die platonischen Sympathien, welche die Theilnehmer des Congreffes inofficiell für unsere rumänischen Glaubensgenossen zum Ausdrucke brachten, sind ziemlich werthlos. Wir kennen diese Menschenfreundlichkeit in camera caritatis. Es soll und muß Gelegenheit geboten werden zur öffentlichen Kundgebung dieser Gesinnung. Daß Männer, wie Trarieux, Jaurss, Zola, Pressensä, ihre Stimme auch hier zu Gunsten der Menschlichkeit erheben werden, ist, nach einer Meldung des »Pester Lloyd", zweifellos; ob aber auch die deutschen Wortführer auf dem Brüsseler Congreß die Ausführung des Berliner Vertrages von Rumänien mit demselben Nachdruck fordern, wie von der Türkei, soll sich erweisen. Außerdem, wenigstens in zweiter Linie, muß das Princip der Selbsthilfe hier zum Durchbruche gelangen, hier muß der Grundsatz aufgestellt werden, daß nur Muth und Selbstvertrauen auf die eigene Kraft im Stande seien, Nichtjuden für die jüdische Sache zu erwärmen. Der Congreß hat beschlossen, alle Jahre zusammenzutreten und für die bedrängten Armenier seine Stimme zu erheben, das heißt mit anderen Worten, der europäischen Diplomatie wird unausgesetzt ins Ohr geschrieen werden, daß sie ihre Pflichten verletzt, daß sie den Rechtsbruch stillschweigend duldet, daß sie die Humanität mit Füßen treten lasse. Ja, können wir Juden nicht für Juden thun, was Christen für Christen thun wollen? Wer in aller Welt kann uns verhindern, daß auch wir mit dem Aufgebote unserer ganzen Stimmkraft schreien, daß die europäische Diplomatie pflichtvergessen ist. Wer kann uns hindern, öffentlich zu erörtern, welchen Leiden und Drangsalen unsere rumänischen Glaubensbrüder ausgesetzt sind, mit welcher Heuchelei die rumänische Regierung ihre vertragsmäßigen Verpflichtungen interpretirt, mit welch' hündischer Demuth sie an die finanzielle Unterstützung Europas appellirt, zu Hause aber mit unmenschlicher Grausamkeit Schutz- und Wehrlose dem Hungertode überantwortet. Nichts ist schlimmer und verächtlicher — als schweigend zu dulden und duldend zu schweigen. Man spricht so viel von der Solidarität des gesammten Judenthums. Diese angebliche Solidarität ist zu einer furchtbaren Angriffswaffe in der Hand unserer Gegner geworden, sie ist aber keine Schutzwehr für die Angegriffenen. Wir haben uns bisher darauf beschränkt, die traurigen Wirkungen der rumänischen Judenpolitik nach Möglichkeit zu lindern, indem wir die Ausgetriebenen ausgenommen, ihnen Nahrung und Obdach gewährt und sie weiterbefördert haben in ein Land, von welchem Niemand von uns weiß, ob es ihnen eine gastlichere Stätte bieten wird, als ihre bisherige Heimat sie ihnen geboten hat. So unbequem uns diese Pflichten gewesen sein mögen, es war noch immer die bequemste Taktik, die wir uns gegenüber dem Elende unserer rumänischen Glaubensgenossen zurechtlegen konnten. Die rumänische Judensrage aber wird nicht mit Halbheiten und Bequemlichkeiten gelöst werden. Machen wir die jüdische Solidarität zur Wahrheit und lassen wir eine Gemeinschaft von 8 Millionen