Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 28 (11.7.1902)
- Date
- 1902-07-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kr> 28 Dr. Bloch’s Iahrga«- XIX Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. U - --- - ' « A. kr. Pofisparraffrn-Amk Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Led Action und Adminifirstior» Wir« IX/1, Berggaffr Ar. 39. Telephon Nr. 14.847. W- - -"=* —■■ --^-■-- Wir«. 11. I«1i 1902. -'H- - Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adresse: Wien» IX/1» Berggaffe 3S. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wien. U ■■■■■■= -- ■ — y Bepigsprsi* für Sestrrrrtch Halbjährig 8 Krone«. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland r Halbjährig IO Krone«. Ganzjährig 20 „ i Anzeige«: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. j m== — =m Inhalt: Leitartikel: Offener Brief an Frau Baronin Bertha v. Suttner. — Armenische Christen und rumänische Inden. — England und „tjie Roumanian atrocities“. — Gegen das „objektive Verfahren". — Ein Wahlbild aus Galizien. — Correspondenzen: Die Razzia gegen die jüdische Geschäftswelt. Wien, Vagnjhely, Rosenberg, Berlin, liegen Herrn Ballin. Bobruisk, London s)!ew- Jork, Melbourne. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien. Wien. Baden, Meran, Tabor, Gewitsch, Wolin, Pisek, Tachau, Baan, Krakau, Paris, Berlin,New-Pork. — Feuilleton: Ein Zeitbild. — Literatur. — Briefkasten. — Danksagung. — Inserate. Offener Krief an Frau Baronin Bertha von Suttner. Verehrte Frau! Mit dem schönen Enthusiasmus derer, die sich die Jugend des Herzens bewahrten, haben Sie wieder einmal einen Streitruf ertönen lassen, der wie: „Die Waffen nieder!" zum Kampf für den Frieden werben soll. Dieser Ruf lautet: „Pro Armenia!" Und sicherlich hat Ihr Appell seine Berechtigung; schrecklicher noch als der Krieg der gleichberechtigten und oft gleichgerüsteten Gegner im offenen Felde ist die Verfolgung einer wehrlosen Minderheit, und wenn je. so muß in solchem Falle die öffentliche Meinung aller Völker ihre anklagende und warnende Stimme erheben. So verdienstvoll und verehrungswürdig also Ihre Action zu Gunsten der Armenier ist, so verwunderlich scheint es mir, einer unbefangenen Beobachterin, daß die christliche Welt und daß besonders Sie an einem viel größeren Unrecht, an einer viel abscheulicheren Rechtsverletzung, an einer viel entsetzlicheren Grausamkeit achtlos Vorbeigehen, fast als ob da die Augen absichtlich nicht sehen, die Ohren mit Vorbedacht nicht hören wollten. Allerdings handelt es sich da um Juden, um rumänische Juden! In jenem Lande, welches noch vor einigen Jahrzehnten um die eigene Freiheit gekämpft hatte, von jenem Volke, bei dem schon die Erinnerung an Erduldetes und die Dankbarkeit für Gewonnenes alle guten und großmüthigen Jnstincte auslösen sollten, werden täglich verbrecherische Unthaten verübt, die sicherlich geeignet wären, jene „internationale Gemeinschaft der Geister und Herzen", von der Sie, Frau Baronin, in Ihrem Aufrufe sprechen, zur Abwehr herauszufordern. Aber da findet sich kein Rufer im Streite. Und doch ist selten ein grausamerer und feigerer Vernichtungskrieg geführt worden, wie in Rumänien gegen die Juden. Grausam, weil er zielbewußt und teuflisch auf die völlige Vernichtung, und Ausrottung der Wehrlosen hinarbeitet, feige, weil er heuchlerisch sich mit einem Schein von Gesetz und Liberalismus zu umhüllen sucht. Die Nachrichten, die von jenen Gequälten und Verfolgten an die Oeffentlichkeit dringen, sind herzzerreißend und ihr Flehen um Hilfe erschütternd. Ich sagte, daß ihre Leiden entsetzlicher seien und die Mißhandlungen, denen sie ausgesetzt sind, ärger als jene, die die Armenier von den Türken erleiden, und ich halte das aufrecht. Denn diese Juden stellen keine der Forderungen, die von den Armeniern proclamirt werden; ihr Traum ist nicht, einen eigenen Staat am Unterlauf der Donau zu gründen, sie bilden und sie wollen auch kein revolutionäres Element im Lande bilden, das sich gegen das Leben der Fürsten verschwört, Banken plündert und alle jene Vorwände und Anlässe zu Feindseligkeiten bietet, wie sie die Armenier nur allzu oft geben. Diese Juden wollen nichts als ein wenig Lebensmöglichkeit, etwas von der bürgerlichen Freiheit, die ihnen so oft versprochen und in Völkerverträgen verbürgt wurde und für die sie so unendlich viel erduldet und ertragen haben. Aber man mißachtet Alles, was in Verträgen zu ihrem Gunsten steht, und häuft immer neuen Jammer und neues Unrecht zu den alten Qualen. Da sollten doch Sie, Frau Baronin, als Christin, als Menschenfreundin, als Frau und als Vertreterin der großen Friedensidee Ihre Stimme zu Gunsten jener Unterdrückten erheben und alle Jene, die die Macht, das Recht und die Pflicht dazu haben, zu einem Einhaltgebieten veranlassen. Als Christin werden Sie das brennende Verlangen haben, die Schmach von dem christlichen Namen abzuwaschen, daß ein christlicher Staat, konstitutionell regiert, grausamer und unbarmherziger gegen Nichtchristen vorgeht, als es selbst Türken gegen Christen thun. Und auf demselben Congrefse, auf dem Sie die Barbarei der Türken tadeln, ja noch ehe Sie zur Hilfe für die armenischen Christen aufrufen, wollen Sie die Klagen der gequälten rumänischen Juden den hochherzigen Mitgliedern des Congresses zu Brüssel verdolmetschen und gegen die qualvollen Bedrückungen protestiren. die die rumänischen Juden von Christen erfahren. Und nicht nur gegen das Vorgehen Rumäniens müssen Sie, Frau Baronin, protestiren, sondern auch die europäischen Großmächte, die durch das schweigende Gewährenlassen, durch die stille Duldung der steten Verletzung des Artikel 44 jeins Berliner Vertrages, der doch von ihnen gewährleistet wurde, an der Blutschuld Rumäniens theilhaben, an die vor Allem wollen Sie sich wenden, sie auf ihre Verantwortlichkeit aufmerksam machen und von ihnen Abhilfe fordern. Diese Aufgabe haben Sie und sie ist Ihrer würdig. Und dann müßte es doch auch Ihrem menschlichen Empfinden ein reizvolles und lockendes Ziel dünken und Ihre bewundernswerthe Thatkraft und Arbeitsfreudigkeit steigern und erhöhen, jenem Volke, das die Ideen der Humanität und die Heiligkeit der