Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-06-27 · 26 (27.6.1902) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021466--11874-3036436
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ar. 26 Dr. Bwch's Wochenjchrifl. Seite 427 Das also wäre das erste, interessante und erhebende Capitel des Wahlsieges des Dr. Dulemba in Brzezany. Wir gelangen nunmehr zum zweiten und letzten, und denken dabei unwillkürlrch an die Verlegenheiten, die wir einem persönlichen Freu ndedesDr. Dulemba, dem k. k. Staatsanwalte in Brzezany, bereiten, wenn wir den wohlthuenden Schleier lüften, hinter dem die Vorgänge, die dieses Cipitel umfaßt, in bescheidener Verborgenheit schlummern. Von 778 in Brzezany abgegebenen Stimmen entfielen 733 auf Dr. Dulemba und 44 blos auf den Gegencandidaten Dr. Landau. Dies war das amtlich festgestellte Ergebniß des Wahlsccutiniums zu Brzezany. dies war der lakonische Bericht, den der Telegraphendraht in die Wllt brachte. Die Sache sieht dem äußeren Anscheine nach ganz harmlos und nichtssagend aus und wenn man die eingangs geschilderten Verhältnisse, unter denen sich der Wahlkampf in Brzezany abspielie, in Betracht ziebt, so könnte man beinahe glauben, daß ein anderes Ergebniß gar nicht zu erwarten war. Nun wollen wir aber den Dingen ein bischen näher auf den Grund schauen und unwillkürlich müssen da gewisse Bedenken gegen die Richtigkeit und Verläßlichkeit des kundgemachten Resultates in uns rege werden. Daß von 778 abgegebenen Stimmen kaum 44 auf den Gegencandidaten entfallen, das kann sich wohl ereignen, aber höchstens dort, wo es sich um so einen sogenannten Zählcandidaten oder einen solchen handelt, der vollständig auf eigene Faust, ohne jede Unterstützung und ohne jeden Anhaltspunkt, gleichsam als blinder Passagier, daneben läuft. Unmöglich aber kann ein derartiges Stimmenverhältniß dort platzgreifen, wo ein ernstlicher und organisirter Wahlkampf zu Tage tritt, wo ziemlich ebenbürtige Gegner einander aegenüberstehen und wo politische Parteien, grundsätzliche Überzeugungen, und was das Wichtigste ist, confessionelle Unterschiede aufeinander stoßen. Daß Dr. Landau kein Zählcandidat, am allerwenigsten aber ein wilder, von Gott und Menschen verlassener Selbstcanditat gewesen ist. das ist bereits zur Genüge dargelegt worden und daß sein Auftreten in Brzezany kein planloses und jeglicher Organisation entbehrendes gewesen ist, das erhellt schon aus diesen Thatsachen, daß am 6. Mai l. I. eine massenhaft besuchte jüdische Wählerversammlung die Candidatur des Dr. Landau enthusiastisch proclamirte und daß von diesem Tage an ein Counts, bestehend aus 15 angesehenen jüdischen Bürgern, an dessen Spitze sich der dortige Advocat Dr. Rawics gestellt hatte, eine unablässige, energische Agitation zu Gunsten dieser Candidatur entwickelte, welcher in Brzezany. im Gegensatz; zu Tarnopol, die Bedeutung einer prägnant confeffionellen Angelegenheit beigelegt worden ist. Wenn man nun in Erwägung zieht, mit welchem Eifer und welcher Hingebung die Juden überall und zu jeder Zeit sich für Fragen, die das Judenthum betreffen, einzusetzen pflegen, so muß es unbedingt als ausgeschlossen erscheinen, daß in einer galizischen Stadt von circa 300 jüdischen Wählern sich nicht mehr als 44 für den jüdischen Candidaten entscheiden sollen. Von einer solchen Eventualität könnte selbst in diesem Falle keme Rede sein, wenn es sich um einen ausgesprochen oppositionellen, regierungsfeindlichen Candidaten handeln würde. Dort aber, wo der jüdische Eandidat sich bedingungslos zum Eintritte und Verbleiben in den Polenclub verpflichtet, wo sich sein politisches Programm, bis auf die prägnantere demokratische und fortschrittliche Färbung, nahezu vollständig mit dem Programm des christlichen Candidaten deckt, dort wird höchstens ein von den Todten erweckter, ein abwesender, oder ein bodenlos corrumpirter Jude auf den christlichen Candidaten stimmen. Nun muß aber außerdem, bei der Prüfung des Brzezauyer Wahlresultates, noch ein zweiter Umstand in Erwägung gezogen werden. In Brzezany gibt es auch oppositionelle ruthenische Wähler, und zwar überzeugungstreue Ruthenen, welche sich lieber beide Hände abhacken lassen werden, ehe sie für einen römischkatholischen Polen, der sich noch dazu der herrschenden Partei anschließt, ihre Stimme abgeben würden. Wohl sind sie den Juden nicht freundschaftlich zugethan, aber in dem Polen sehen sie den Feind, den Bedrücker, den sie, wenn auch mit Hilfe des Juden, grundsätzlich bekämpfen wollen und müssen. Die Ruthenen in Tarnopol haben denn auch richtig die Gelegenheit des letzten Wahlkampfes zur Bethätigunz ihrer grundsätzlichen, nationalpolitischen Tendenzen sich nicht entgehen lasten. Sie haben die Situation erfaßt und ihr lebhaftestes Interesse darin erblickt, nicht nur gegen den Candidaten der drei Excellenzen Front zu machen, sondern auch offen und mit allem Nachdrucke für den Gegencandidaten Dr. Landau sich einzusetzen. Im Vereine „Besida“ in Tarnopol traten die hervorragendsten Führer der Ruthenen zusammen, und von hier aus erging auch die stricte Ordre nach Brzezany, wonach alle Ruthenen, ohne Unterschied der Parteischattirung, unter Androhung der Diffamirung verpflichtet wurden, für Dr. Landau ihre Stimme abzugeben. Daß zumindest die ruthenische Intelligenz, namentlich Beamte und Lehrer, dieser Parole Folge leisten mußte, das kann wohl kaum in Frage gestellt werden, wo aber diese Stimmen hingekommen fein mögen, das wissen die guten oder bösen Geister, welche zur kritischen Stunde die Wahlurne in Brzezany behütet haben. Auffallend ist es jedenfalls, daß die Wahlcommission daselbst peinlich darauf bedacht gewesen ist, daß keinem Unberufenen die Gelegenheit geboten werde, sein Augenmerk auf den Wahlact oder gar auf das Scrutinium zu richlen, und keinem Parteigänger des Dr. Landau konnte es trotz aller Bemühungen gelingen, in die Nähe der allgewaltigen Commiffon zu gelangen. Wir haben es jedoch, Gott sei Dank, nicht nöthig, zu weitläufigen Combinationen, Deutungen und Muthmaßungen unsere Zuflucht zu nehmen, um mit Hilfe derselben erst zu den folgerichtigen Schaffen zu gelangen. Die Sache liegt für uns viel einfacher, sie hat sich, sogleich nach der Verlautbarung des Wahlresultates in Brzezany, so merkwürdig klar und unzweideutig gestaltet, daß jeglicher Zweifel über den eigentlichen Verlauf der Dinge geradezu ausgeschlossen erscheint. Was die mysteriöse Zahl 44 zu bedeuten hat, wird wohl auch in diesem Falle unaufgeklärt bleiben, daß dieselbe aber zu dem eigentlichen Verlaufe der Abstimmung in keinem Causalnexus sich befindet, das ist, in Anbetracht der weiter unten zur Sprache gelangenden Kundgebung, vollständig einleuchtend. Der Bezirkshauptmann in Tarnopol wollte seinen Ohren nicht trauen, als ihm um 5 Uhr Nachmittags am Wahltage die telegraphische Botschaft von dem Ausgange der Wahl in Brzezany gebracht worden ist. Das war ja ein Record, wie er selbst bei galizischen Wahlen noch niemals vorgekommen ist, und die ganze mühselige, schweißtriefende Arbeit des Statthaltereirathes Zawadzki mit dem Aufgebot der dreißig Gendarmen, der Bereitschaft, der ganzen Bezirkshauptmannfchaft sammt Steuer- und Schulinsprctorat, war ja die reinste Stümperei im Vergleiche zu dem, was der Bezirkshauptmann Orobkiewicz in Brzezany zuwege gebracht hat. Und was für Gesichter mußten da erst diejenigen Wähler in Brzezany machen, die doch am besten gewußt haben, daß sie für Dr. Lindau und nicht für Dr. Dulemba ihre Stimme abgeg ben haben. Der erste Eindruck war ein verblüffender. Das Hilfscvmite des Dr. Landau konnte sich keine Rechenschaft darüber geben, wo denn eigentlich die Stimmen, auf die es mit aller Positivität gerechnet hat, hingekommen sind — waren sie ja doch buchstäblich zugezählt und zugewogen! Nun begann das Suchen, Sammeln und Confrontiren. Und siehe da — es meldeten sich die Getreuen zwar nicht alle, aber in Bälde war doch ein ansehnliches Häuflein beisammen, und zwar 75 an der Zahl, welche die hier beigeschloffene Erklärung mit eigener Hand gefertigt haben und sich erbötig machen, vor Gericht mit ihrem Eide zu bekräftigen, daß sie ihre Stimmen auf den Dr. Landau abgegeben haben. Und schließlich hat es sich herausgestellt, daß nicht 44, aber schier 4 Mal 44 Wähler in Brezezany da sind, die mit aller Entschiedenheit und Entrüstung sich gegen das kundgemachte Ergebniß des Wahlscrutiniums verwahren, und die. wenn sie gerufen werden, mit ihrem Eide ebenfalls bekräftigen, daß sie mit eigener Hand ihre Wahlzettel abgegeben haben und daß in diesen Wahlzetteln der Name des Dr. Michael Landau und nicht der des Dr. Ladislaus Dulemba eingeschrieben gewesen ist. Ja, was ist denn mit allen diesen Stimmen geschehen? Wo sind sie denn hingebracht worden, daß sie beim Scrutinium nicht mehr zum Vorschein gekommen find? Für diese Fragen, disich aus der sub 1) beigeschloffenen, mit den eigenhändigen Unterschriften der Betheiligten versehenen Erklärung von selbst ergeben, gibt es nur eine Antwort:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.