Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 23 (6.6.1902)
- Date
- 1902-06-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021463--11817-3036376- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mr. 23 Bloch’s Jahrgang XIX Centralorgan für die gesannnten Interessen des Iudenthums. j — -H— ■- Mir«, 6. Juni 1903. i^a»» «fr — — Erscheint jeden Freit ag. -i —«c- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wien. * - K. ft. Postsparragen-Amt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. DedarUon und Administrativ» Wien IX/1, Verggasse Nr. 39. °r«Iopkoi» Nr. 14.847. Vexugsprri» flir Srstrrrrich Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4nial gespaltene Petitzeile 24 Heller. . W Inhalt: Leitartikel: Das Regime des Grafen Pininski. —Die Inden ans Martinique. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Zionistische Vornehmheit. Zur Wolfsjagd. Arisch-christliche Menschenliebe. „lieber die Religion der Semiten". Die „Daily Mail" über die Juden im Londoner Osten. Das Alter Carl Goldmark's. — Correspondenzcn: Wien. Der Hauptzeuge im Hilsner-Proceß. Innsbruck, Prag, Budweis, Graz, Budapest. Ein Scandal im Theater. Weimar. Die Juden in Warschau. Paris, Rom. — Vermischtes: Wien, Austerlitz, Prag, Jungbunzlau, Leitomischl, Jglau, Pirnitz, Zolynia. — Feuilleton: Ein Zeitbild. „Schmiere."— Literatur — Neue Bücher. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Das Uegimr des Grafe« Pininski. . Auf dem interimistischen Barackenbahnhof in Lembergs say ich jüngst einen endlosen Auswandererzug. Es waren jüdische Proletarier aus Ostgalizien, Männer, Weiber und Kinder, mit Bettzeug und dürftigem Hausrath beladen, zumeist Handwerkerfamilien, die vor dem Hunger nach Amerika flohen. Die Menge stieß und drängte sich die Waggontreppen hinauf, und ein kleiner fünfjähriger Knabe, der von den Hastenden fast zertreten worden wäre, rettete sich, indem er über die Puffer auf die Plattform kletterte. Nach einer halben Stunde war all das Elend in die engen Coupos eingeschlossen und der Zug setzte sich in Bewegung. So geht es jetzt Tag für Tag. Tausende von Menschen werden hinausgestoßen in eine ungewisse Zukunft und reißen sich thränenden Auges von der Heimat los, die sie nicht mehr ernährt. Auf dem Wege von Jaslo nach Rzeszow sah ich das Gegenstück zu diesem traurigen Bilde. Es war am Abend des Frohnleichnamstages. Alle Stationen von Frysztak bis Strzisow waren schwarz von Menschen. Ganze Reihen von Bauern warteten auf den Zug, um die lange, lange Fahrt nach Amerika anzutreten, und die Weiber und Kinder gaben ihnen unter Jammern und Schluchzen das Geleite. In Frysztak heulte ein kleiner fünfjähriger Knabe zum Erbarmen. Er wollte sich von dem geliebten Vater nicht trennen und mußte mit Gewalt vom Zuge 'weggerissen werden. Auch dieses Schauspiel wiederholt sich jeden Tag, auch die Bauern fliehen vor dem Hunger, der ihnen von der heimatlichen Scholle entgegeugrinst. Aber nicht Alle können über das große Wasser, voll Sehnsucht nach dem neuen, gelobten Lande. In den galizischen Städten, namentlich in Krakau und Lemberg, häufen sich die Massen des christlichen und jüdischen Proletariats. Bauernsöhne, die in Folge der ungeheuren Zerstückelung des Grundbesitzes auf der väterlichen Hufe nicht mehr ernährt werden, Juden, denen eine grausame Verwaltung jede Möglichkeit eines Erwerbes nimmt und die fast buchstäblich nur noch von der Luft leben, erfüllen müßig und hungernd die Plätze jeder größeren Stadt. Sie wollen um den dürftigsten Taglohn arbeiten, aber die Gelegenheit zur Arbeit fehlt. Und immer häufiger, immer schreckhafter ertönt aus den Kehlen dieser Arbeitslosen der Schrei nach Brot! Dann kommt die Polizei, das Militär, und treibt sie auseinander. Das ist die Socialpolitik der heutigen Schlachta und ihres Vertrauensmannes, des Grafen P i n i n s k i. Als der gegenwärtige Statthalter vor vier Jahren sein Amt antrat, brach in Westgalizien eine Bauernrevolte aus, die sich zunächst gegen die Juden richtete. Als damals die Spitzen der galizischen Judenschaft bei dem Grafen Pininski erschienen, antwortete er ihnen: „Beschäftigen Sie sich mit der Frage der Emigration", und in Jaslo gab er dem Cultuspräsidenten den Rath, er möge trachten, „daß die Leute nicht auf dem Ringplatze herumkriechen". Noch ist das Manifest des edlen Grafen in Erinnerung, in welchem er die Plünderungen verurtheilte, zugleich aber dem Judenhasse neue Nahrung zuführte. Wie? Nahezu eine Million Menschen, die seit Jahrhunderten mit dem wirthschaftlichen Leben des Landes aufs Engste verbunden sind> sollen auswandern oder ihr Elend in ihren dumpfen Stuben verbergen? Seit die Bauern in wilder Wuth sich erhoben haben, ist nichts, absolut nichts zur Aenderung dieser unerträglichen Zustände geschehen. Graf Pininski ist ein frommer Mann geblieben und die Schlachta lebt nach wie vor in Saus und Braus. Ab und zu kracht eine Bank und endet ein Schlachziz durch Selbstmord. Aber man tanzt sorglos weiter auf dem Vulkan, man macht sich über die grauenhafte Zunahme von Hunger und Noth im Lande keine Gedanken! Kommt es einmal zu öffentlichen Ansammlungen, dann marschirt das Militär auf und die Mannlicher-Gewehre stellen rasch die Ruhe her. So ist denn auch in den jüngsten Tagen in Lemberg geschossen worden. Es gab Todte und Verwundete, und Graf Pininski hat sich aufs Neue das Vertrauen des polnischen Adels erworben. Aber die Ursachen dieser neuesten Emeute bleiben bestehen. Eine Depesche aus Lemberg meldet, daß die Frauen der streikenden Bauarbeiter in den Straßen betteln, daß mehrere Bäckereien unentgeltlich Brot vertheilen ließen, daß eine wegen Brotdiebstahls verhaftete Frau klagte, sie und ihre Kinder litten Hunger, und daß in den Markthallen von hungernden Arbeitern Eßwaaren geraubt wurden.