Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 319 Lippen gekommen? Was wäre es denn für ein Großes gewesen, wenn er den rothen Schlesinger nicht überzeugt hätte? Wegen so einer Bagatelle! Weil ihn Schlesinger im Verdacht hatte, ihm einige Fuhren Korn vorweggekaust zu haben! Und er hatte es doch auch gethan. Und was wäre dabei gewesen, wenn er dem Langen ganz einfach gesagt hätte: Ja, ich hab's gethan. Konnte der Rothe ihn zu Grunde richten? Und wegen so etwas „Bechaj Adoschem" zu schwören, was man doch nur mit zitterndem Grausen über die Lippen bringt, auch wenn man wie von seinem eigenen Leben überzeugt ist, daß man die Wahrheit schwört. Toll muß er in dem Augenblick gewesen sein, rein toll. Over war es ein Streich Satans, des schleichenden Verderbers? Zutritt hatte er ihm wahrlich genug gegeben durch sein zügelloses Maul, durch diese verruchte Gewohnheit lügenhafter Betheuerungeu und listiger Scheinschwüre. „Wenn man ihm nur die Nagelspitze reicht, dem Verderber, über kurz oder lang hat er einen mit Haut und Haar", so hat sein Vater — im Eden ruhe er — mehr als einmal gesagt. „Amen!" rief jetzt wieder die Gemeinde. Grünberg entriß sich gewaltsam seinem Sinnen und ließ ein herzbeklommenes Amen nachstürzeu. Er preßte die Hände aneinander und sammelte alles Vermögen seines Geistes im Gehör, um sek^ ganzes Ich gleichsam an die Recitationen des Rabbiners zu WPen und sich wegschleppen zu lassen aus dem Bannkreis dien»^ beängstigenden Gedanken. Aber es wollte ihm nicht gelingenMr^sühlte sich nicht im Stande, ein Wort mitzubeten. Und Alles, was dort von dem Vorbeterpult in den Saal schallte, schien ihm mit grausigem Hall und ironischer Schadenfreude nur das zu wiederholen und mit vertausendfachter Schärfe in die Ohren zu schreien, was Schlesinger mit so viel Mitleid im Ton so gelinde gesagt hatte: Ich wünsch' Dir. daß Du mit ruhigem Gemüth sollst umhergeh'n dürfen. Eine jähe Angst zuckte ihm Plötzlich durchs Herz. Die Geschichte von Awrum Koppel stieg in seinem Gedächtmß auf, wie ein Sarg aus dem Grund eines Teiches plötzlich ausschießr. Und doch waren schon zehn, zwölf Jahre seitdem verflossen. Auch dieser hatte sich hinreitzen lassen, eine Gottesschändung zu begehen. Im Muthwillen der Betrunkenheit hatte er seine Bibel in den Botschkaer Schweinesumpf geschleudert. Tags darauf von Botschka zurückgekehrt, fand er sein Haus von einer Feuersvrunst eingeäschert, und sein ältester Knabe war in der Glut verbrannt. Grünberg, der das Gefühl halte, als läge er erstickend unter der eingestürzten Saaldecke, strickte tief athmend die Arme in die Luft, verließ taumelnd seinen Sitz und eilte, sich an den unsicher beleuchteten Banklehnen stützend, ms Freie. Hier war es vollends Nacht geworden, und die schwarzen Fensterhöhlen der Bauernhäuser waren in ebenso viele gelbe Llchtflecke verwandelt. Alles war ruhig und friedlich. Kein Feuerschein stand am Himmel. In hastiger Eile war er bis zu jener Stelle der in Form eines flachen Bogens sich hinziehenden Dorfstraße gekommen, von wo er sein Wohnhaus erblicken konnte. Es war dies das stattlichste Anwesen in der ganzen Ortschaft. Voriges Jahr hatte er es sich bauen lassen, ganz aus gebranntem Material, mit vier hohen, breiten Fenstern nach der Gasse, mit emer stattlichen gedeckten Thoreinsahrt, und Alles ziegelgedeckt, auch die rückwärts gelegenen Schuppen und Stallungen. Hohe Feuermauern schieden es von den niedrigen, strohgedeckten Nachbarhäusern. In Grünberg's Brust stieg eine vordringliche Empfindung von Zuversicht und Unversehrlichkeit auf, als er die hohe Masse seines feuersicher gebauten Hauses auftauchen sah. Aber zugleich empörte er sich über diese Empfindung. „Was nützen gegen Gottes Willen Feuermauern", murmelte er. „Und dann, muß es denn gerade Feuer sein? Der Heilige — gelobt sei er — was hat er nicht alles für Mittel und Möglichkeiten, uns zu züchtigen!" Aus zweien der vier Fenster drang durch die Vorhänge gedämpfter Lichtschein. Dort wußte er m der wohlgeheizten Stube seine drei Kinder um den Familientisch versammelt. Wahrscheinlich war auch Herr Rosenberger, der Lehrer, bei ihnen, denn er gao Reginen, feinem theueren Töchterchen, dreimal in der Woche Hausunterricht. Wenn ihn Gott nur an diesem Theuersten nrcyr h-imsuchen wollte! Wie schön sie heranwuchs, wie gesund — unberufen — und kräftig sie war! Immer munter wie ein Reh und scharfdenkend wie ein Gelehrter, eine wahre Wonne für Augen und Ohr, eine Freude für das Herz wie Wein, der die Sorgen verscheucht. In Schweiß gebadet war er unter eins der beleuchteten Fenster getreten. Ein Eckchen gab die Gardine frei. An diese Lücke brachte er sein Auge. Der vierjährige Maxl und der um ein Jahr jüngere Heini knieten auf den Strohsesseln vor ihren Kaffeeschalen. Auf der anderen Seite des Tisches konnte er durch eine Wendung des Kopses sein Kleinod, Reginchen, sehen und neben ihr wirklich den Lehrer, dem sie gerade eine ihrer witzigen Antworten gegeben haben mußte. Denn auf allen Gesichtern lag ein Lachen, und über Reginens Kopf fuhr, in Liebe verweisend, eine Hand mit einem Ehering an einem der Finger, die die Hand seines Weibes Mali war. Grünberg lachte unbewußt herzlich auf, als hätte er Reginens Witz selber mit angehört, und für einen Augenblick war jene freie, leichte, sonnenhelle Stimmung von ehedem in seinem Gemüth, die am hellsten aufloderte, wenn er Regele's schwarzen Lockenkopf zwischen sei en Händen hatte und ihr Mäulchen ihm die lustigsten Antworten auf seine Schraubereien ins Gesicht schleuderte. Gleich darauf stürzte er in die Knie. Er schlug sich die Hände gegen das Gesicht und schrie: „Warum Hab' ich das gethan, warum Hab' ich das gethan!" (Fortsetzung folgt.) Literatur. Ist wohl der Prophet Jeremias jemals in Jrland gewefen? Von Baronesse v. C l o d t. Unter den britischen Inseln ist Irland wohl diejenige, deren Legenden die ältesten sind und von deren eingewanderten Stämmen viele ihren Ursprung aus dem fernen Osten Nachweisen können. Es ist vielleicht nicht allgemein bekannt, daß die Stadt Tara mehrere Jahrhunderle vor der christlichen Aera die königliche Residenz von Irland war. Der Psalter von Tara war eine Chronik des irischen Königreichs, welche ihren Ursprung einem Manne verdankt, den man in Irland unter dem Namen „Ollam Fola von Tara" kennt. Dieser berief daselbst, zum ersten mal rn der irischen Geschichte, eine Versammlung der Häupter des Volkes, welche wohl das früheste Beispiel eines Parlamentes darstellr. Indessen, waren Parlamente im Westen unbekannt, so kannte der Osten dieselben doch längst; denn in der Wüste richtete Moses ein solches für sein Volk zu richterlichen Zwecken ern, und Saul wurde von einer Versammlung seiner Milbrüder gewählt. Außer jener trionalen Versammlung scheint Ollam Fola auch andere weise Einrichtungen getroffen zu haben: je über Hunderte setzte er einen Häuptling und über jede Slavl einen Beamten, welche alle unter dem König von Irland standen — eine durchaus yebrärsche Einrichtung. Dieser Ollam Fola wird in der alten Geschichte als Gesetzgeber und großer Weiser geseiert und sein historischer Ruhm hat eine öffentliche Anerkennung gefunden durch die Thalsache, oaß sein Bildniß, mit denen von andern Gesetzgebern das Innere oes Capitols ln Dublin schmückt. Es steht fest, daß er fein König war, obgleich die Chronisten diesen Propbeten häufig mit dem König verwechseln, der ihm bei' seinen Reformen zur Seite stand. Dieser hieß Gochaid Hereman oder der Retter-König. Ollam Fola gründete auch in Tara „einen schönen Palast, für die Gelehrten des Reiches"; dieses Gebäude hieß Mur-Ollamhan, d. h. „Haus der weisen Männer", oder „Propheten-Schule", von welchen er selbst der „Ard-Ollam" oder Erzprophet war. Daraus ergibt sich Ollam als sein Titel und nicht als eigentlicher Name. Nun ist aber Ollam ein hebräisches Wort, welches Ewigkeit und Unsichtbarkeit Gottes in sich schließt. „Dieses auf einen Menschen angewendet, würde bedeuten", so meint ein gelehrter Jude, „daß er im Besitze verborgener, nicht Allen zugänglicher Wiffenschaft war." Fola erinnert an das hebräische Fla und wird für alles Wunderbare gebraucht. Darum könnte man den Titel des irischen Gesetzgevers etwa übersetzen: „Der wunderbare Seher". Mur-Ollamyaii, der Name des Collegiums, heißt im Hebräischen sehr bebedeutungsvoll „die Borhöfe der Seher". Tara selbst, der Hügel, welcher seit jenen Tagen mit aller legendären Größe Irlands rn Verbindung steht, ist identisch mit dem hebräischen Thora, Gesetz. Ueber oas Datum jener Ereignisse herrschte lange.Streit. Dr. Kelly, Professor in Magnort sagt, daß, nach leidenschaftslosen Untersuchungen in Bezug aus die Existenz des so berühmten Ollaui Fola, der Zeitpunkt auf das Jahr 583 v. Chr. annähernd bestimmt werden kann. Um dieselbe Zeit etwa, so erzählt die älteste irische Tradition, landete an der Küste von Irland ein Schiff, welches, aus dem Orient kommend, eben jenem Ollam Fola an Bord hatte, unter