Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 18 (2.5.1902)
- Date
- 1902-05-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 294 Dr. Bloch's Wvchenfchrrfk. Nr. 18 hauptsächlich mit der immer trauriger werdenden Lage der Juden in Rumänien und der hiedurch fortdauernd nothwendigen Hilfsaktion. Gleich einer Lawine rollt, von Jahr zu Jahr sich verstärkend und immer breitere Schichten unserer Glaubensgenoffen erdrückend, der auf gesetzgeberischem, wie auf administrativem Wege zum Ausdruck gelangende ungezähmte Haß g e g e n d i e „Fremden", d. h. vorzugsweise gegen die zur Naturalisation nicht zugelaffenen landesansäffigen Juden. Die Auswanderung aus Rumänien wurde seit dem Frühjahr 1901 in der Weise durchgeführt, daß die „Jewish Colonisation Association" in Paris es übernahm, durch einen besonderen Vertreter in Rumänien ausgewählte Emigranten in regelmäßigen, zumeist zweimal wöchentlich stattfindenden Transporten von je 20—25 Personen nach überseeischen Ländern zu befördern. Jede dieser Gruppen wurde iu Wien aus Rumänien im voraus avisirt, hier empfangen, verköstigt und zumeist noch an demselben Tage mit weiterer Empfehlung nach Rotterdam expedirt. Die Mitwirkuyg der Israelitischen Allianz beschränkte sich bei diesem Theile der Emigration darauf, daß sie den Behörden gegenüber die erforderliche Garantie übernahm und daß in Wien die Kosten des Aufenthaltes und der Verpflegung getragen wurden. Ferner wurden von ihr Frauen und Kinder der bereits im vorhergehenden Jahre nach Frankreich und England ausgewanderten Emigranten zu ihren Ernährern nach Paris, London. Manchester und anderen Städten gesendet. Der Umstand, daß die Grenze nach Norddeutschland für jeden nicht niit voller Bahnkarte über das gesammte deutsche Gebiet hinaus versehenen Auswanderer gesperrt ist, erhöhte für uns die Schwierigkeiten und Kosten. Parallel mit dieser Aufgabe der Weiterbeförderung, welche sich auf Tausende Personen erstreckte, wurde Familien und Einzelnen, für welche eine Zulassung zur Landung, in überseeischen Häfen nicht zu erwarten war und eine Aussicht auf Lebensunterhalt in westeuropäischen Ländern nicht bestand, die zur Rückkehr nach ihrer Heimat erforderliche Unterstützung gewährt. Eine große Anzahl von Personen ist über Wien auf eigene Kosten aus Rumänien nach Amerika emigrirt. Seit dem Herbste vorigen Jahres werden überdies regelmäßig von den Bne-Brith-Vereinen in Bukarest und Jaffy Emigranten-Gruppen empfohlen, welche die Reisekosten besitzen und nur in seltenen Fällen Zuschüsse benöthigen. Dieses Hilfswerk hat sehr bedeutende finanzielle Mittel erfordert. Die Unzulänglichkeit der im Jahre 1901) veranstalteten Spendensammlung wurde während des Jahres 1901 nicht nur nicht ausgeglichen, sondem gelangte gegen Ende des Jahres in einem Deficit von 96.316 Kronen zum Ausdruck. Der Vorstand sah sich genöthigt, hehufs Fortführung der Action zu einer nochmaligen Sammlung seine Zuflucht zu nehmen, welche einen Betrag von circa 16.000 Kronen ergab. Im Ganzen betrugen die Spenden für Rumänien seit Beginn des Hilfswerkes 240.720 Kronen 59 Heller (worin jedoch Beiträge sind Rückerstattungen fettens der beförderten Personen mit Kronen 14.680*40 enthalten find), während die Ausgaben im Jahre 1900 Kronen 243.743*74, im Jahre 1901 Kronen 93.293*83, zusammen bis Ende December v. I. Kronen 337.037*57 ausmachten. Dabei hat die Situation der Juden in Rumänien sich in den letzten Monaten durch neue auf ihren wirthschaftlichen Ruin offen abzielende Gesetze wesentlich verschlimmert. Die liberale öffentliche Meinung in Europa hat die Tendenz der neuen drückenden Maßregeln bereits wiederholt verdammt. Diese Maßregeln haben in weiten Kreisen der vom gänzlichen Rum bedrohten Judenschaft des Landes eine Panik und in Folge dessen eine verstärkte Emigrantionsbewegung hervorgerufen, Da jedoch die Bewegung gegen die Einwanderung in England und die Ueberfüllung der großen amerikanischen Städte dahin geführt haben, daß die vom besten Willen beseelten Eomites in London wie in den Transattantischcn Ländern angesichts der bestehenden strengen Bedingungen für die Zulaffung der Einwanderer die unvorbereitete und unorganisirte Emigration als undurchführbar und für die Auswanderer geradezu verhäugnißvoll erklären, so war es dringendste Pflicht, durch eindringliche Warnungen und Vorstellungen die Aussichtslosigkeit einer Weiterbeförderung in den Kreisen der rumänischen Glaubensgenossen bekannt werden zu lassen, um hiedurch der drohenden erneuten Maffenbewegung einen Damm zu setzen. Um so mehr aber erwächst fiir die Juden die ernste Obliegenheit, im Lande selbst den Verfolgten wirksam zu Hilfe zu kommen, sie im Rahmen der Gesetze vor Vergewaltigungen zu schützen und die wirthschastlich Ruinirten aufzurichten. Nach dieser Richtung wird sich das Hilfswerk fernerhin bewegen müssen. An die Glaubensgenossen und alle Menschenfreunde wird die Bitte um Unterstützung gerichtet. Denn hier gilt es, gegen Verhältniffe anzukämpfen, welche jeden Israeliten lebhaft an den uralten Druck erinnern, der auf den Vorfahren in Mizraim gelastet, an die Knechtschaft und die Mißhandlungen im Reiche der Pharaonen. Der Bericht schließt mit dem Appell: „Gewähren Sie uns die Mittel, um im Verein mit den gleichgesinnten Corporationen in anderen westeuropäischen Ländern wenigstens einen Theil des Jammers und Elends zu lindern, in welchem Männer Md Frauen, Greise und Kinder lediglich wegen ihrer Angehörigkett zum jüdischen Stamme und Religionsbekenntnisse zu schmachten haben!" Wnwehr erbat sich das Wort Herr Dr. Theodor Herzl. Derselbe stellte zunächst an den Präsidenten das Ersuchen, über die Vorgänge in der heutigen Generalversammlung, ihre Verhandlungen und eventuellen Beschlüsse einen objectiven Specialbericht abfaffen zu lassen und allen Bereinsmitgliedern — nicht als Anhängsel in irgend einer Zeitschrift — sondern direct zuzusenden. Nach dieser Einleitung bemerkte der Redner: Ich habe gegen den Bericht im Ganzen wenig einzuwenden, er enthält Sätze, welche von der Angehörigkeit „zum jüdischen Stamme" reden, Sätze, die uns umso sympathischer sind, als in denselben zionistischer Einfluß sichtbar und unseren Anschauungen Rechnung getragen wird. Zur Sache selbst stellte der Redner an den Präsidenten die Anfrage, was der Vorstand vorgekehrt habe zu Gunsten unserer unglücklichen Brüder in Rumänien, um sie vor Verfolgungen zu schützen? Herr Dr. Herzl will insbesondere wissen, ob eine Conferenz über die rumänische Frage stattgefunden und welche Beschlüsse sie gefaßt habe? Ob und welche Schritte beiden europäischen Mächten zu Gunstender verfolgten Juden Rumäniens und mit welchem Erfolge sie eingeleitet worden? Nach Herrn Dr. Herzl ergriff sein Gesinnungsgenosse Herr Dr. Werner das Wort, um in einer langen Rede über die Wichtigkeit der körperlichen Ausbildung darüber Beschwerde zu führen, daß ein Ansuchen des jüdischen Turnvereins um eine Subvention abgewiesen wurde. Ein Mitglied des Vorstandes habe ihm gesagt, daß genug Turnvereine vorhanden seien. Diese Auffassung fei aber eine falsche, ja beleidigende, denn in den arischen Turnvereinen werden die Juden ausgeschlossen, und sie haben es nicht nöthig, sich aufzudrängen. Redner weiß zwar, daß Anträge in dieser Versammlung statutengemäß acht Tage vorher dem Vorstand bekanntzugeben sind. Allein die Einladung fei ihm zu spät zugekommen und die „Wiener Zeitung" zu lesen, wo die Versammlung 14 Tage vorher gewiß angekündigt war, ist nicht Jedermanns Sache. Uebrigens stelle er keinen direkten Antrag, sondern beantrage lediglich eine Resolution. Die Versammlung soll in einer Resolution dem Vorstand die Unterstützung des jüdischen Turnvereines nahelegen. (Beifall und Widerspruch.) Herr 8tuä. Max Bernhart klagt ebenfalls, daß die Allianz für Volkserziehung zu wenig thue, weil sie die farbentragenden jüdischen Studentenvereine in Wien, deren Bedeutung er hervorhebt, nicht unterstütze. Andererseits aber subventionirt die Allianz den juridischen Unterstützungsverein, der ein antisemitischer sei, den Verein russischer Studenten — von dem er sagt, man wisse ja, was die Russen sind, und der auch hie und da antisemitisch auftrete, dann einen Verein, der getaufte Juden in seiner Mitte zähle. Den farbentragenden jüdischen Studentenvereinen aber habe man die Subvention entzogen, wegen ihrer politischen Gesinnung. (Widerspruch.) Er beantrage eine Resolution, daß die jüdischen Studentenvereine in ausgiebiger und würdiger Weise zu unterstützen seien. (Dr. Herzl soufflirt: Lassen Sie das „ausgiebig" weg) — also in würdiger Weise zu unterstützen und daß jeder dieser Vereine 500 K jährlich erhalte. (Gelächter und Widerspruch. Dr. Herzl soufflirt wieder: Lassen Sie den zweiten Theil weg.) Redner modificirt seinen Antrag und es bleibt nur bei der „würdigen Unterstützung". Dr. Marcell Hoffmann wies auf die Aufgaben der Allianz hin. schilderte ihre finanzielle Lage, berief sich darauf, daß sie ein Deficit von 96.000 K habe und stellte der Fürsorge für Tausende hungernder Familien — die Forderung nach Unterstützung von Turner- und Studentenvereinen entgegen. Auf der einen Seite das arme Weib hohläugig und abgezehrt, die von Haus und Hof verjagten Familien, die um ihre Existenz gebrachten Arbeiter, und auf der anderen Seite der frisch-fromm-frei-fröhliche Student und Turner, der nach Reck und Kletterstange ruft. (Stürmische Unterbrechung der Zionisten und Gegenrufe : Recht hat er!). Dr. Marcell Hoffman» stellt an Herrn Dr. Herzl die Anfrage, warum seine so millionenreiche Colonialbank für die rumänischen Juden noch keinen Kreuzer hergegeben habe, laut der jüngsthin veröffentlichten Bilanz aber ihr Vermögen nur thesaurire, indem sie discontire, lombardire, sohin aus Pfänder ihr Geld verleiht? ... (Lebhafter Widerspruch und Zustimmung.) Diese Worte entfesselten einen unbeschreiblichen Zorn der Zionisten, der sich in den heftigsten Ausdrücken kundgab. Vergeblich mahnte der Präsident zur Ruhe, vergeblich schrieen auch einige Zionisten nach Ruhe. Erst nach einer lang anhaltenden peinlichen Scene konnte der Präsident wieder die Verhandlung aufnehmen und Herrn Dr. Herzl das Wort ertheilen. Dieser wandte sich gegen Dr. Hoffmann mit der Erklärung, daß die von ihm vorgebrachten Angaben gegen die Colouialbank unrichtig seien und noch Gegenstand einer Erwiderung vor einem änderest