Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 15 (11.4.1902)
- Date
- 1902-04-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 15 Dr. BlOCh S Jahrgang XIX Centralorgsn für die gessmmten Interessen des Iudenthums. «- =--- ■ ■■ - M B. ft. Postsparrassen-Nrnt El esrins - Verkehr Nr. 810.976. Kevaclion und Administratioi» Wien IX/l, Berggasse Nr. 39. ^»lepkon Nr. 14.847. Wien. 11. April 1902. -—hl- —k-- Lrsch eint jeden Freitag. -■>*■» - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Dloch's Wochenschrift, Wien. M -f Drzugspreis für Srsterttich Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Vetitzeile 24 Heller. *—. ~ - ■ =* Inhalt: Leitartikel: Oesterreichs Justiz unter antisemitischem Terrorismus. — Tie Fremdenverfolgung und der wirtbichastliche Verrats in Rumänien. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Ein strammer Alldeurscher. Antisemitische Apostel. — Ein christlich-socialer Jugendbildner. Die Lebensenergie des jüdischen Stammes. — Korrespondenzen: Generalversammlung des .Ferienheims" Leopoldstädter Frauen-Wohlthätigkeitsverein und Kaiserin Elisabeth-Lehrmädcl enhort in Wien. Wien, Prag, Bischfteiniß, Budapest, Groß-Becskereck Berlin, Eamberg, Aus dem Elsaß. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Ung.-Ostra, Prag, Ung.-Brod, London, Albany. - Feuilleton: Jsajka, der Segelflicker. Eine auffallende religiöse Entscheidung des Maharil. — Literalur. — Briefkasten. — Inserate. Oesterreichs Justiz unter antisemitischem Terrorismus. Eine alltägliche Geschichte, die Folge der Aufreizung durch antisemitische Blätter : Eine bei Inden bedienstete Magd bemerkt eine kleine Hautabschürfung an ihrem Arme; es ist kurz vor Ostern; ihre hysterisch erregte Phantasie spiegelt ihr vor, daß man versucht habe, ihr während des Schlafes zu rituellen Zwecken Blut abzuzapfen. Eine mitleidige Kameradin, deren Jntellect auf gleicher Höhe steht, bestärkt sie in dieser Bermuthung, eine geschwätzige Wäscherin trügts weiter, bald spricht das ganze Haus, die ganze Gasse, der ganze Grund davon. Endlich gelangen die schrecklichen Gerüchte an das Ohr der Polizei. Sie stellt das Opfer zum Amte und die polizeiärztliche Untersuchung ergibt mit unwiderleglicher Klarheit, daß die „Wunde" keine Wunde, die angebliche „Schwäche" die Wirkung der Autosuggestion ist. Genau so haben sich in jüngster Zeit die „Ritualmorde" und „Blutabzapfungen" in Olmütz, Teplitz, Dürnkrut und Hluk abgespielt. Sensationell wurde die letzte „Affaire" erst durch den Umstand, daß sie sich in Wien ereignete und daß somit die bekannten Bluthunde des „Deutschen Volksblatt" Gelegenheit hatten, neben den berufenen behördlichen Organen nach „Wahrheit und Klarheit" zu forschen. Das „Blutmärchen in der Pramergasse" ist ein typisches Beispiel dafür, wie Herr Hans Arnold Schwer und seine Genossen die Verbreitung beunruhigender Gerüchte geschäftsmäßig betreiben. Der Fall war vollkommen aufgeklärt, noch ehe er zur Kenntniß der Oeffentlichkeit gelangte. Ein Jude, der Vorsteher des Tempelvereines im IX. Bezirke, war es, der die Polizei auf die cursirenden Gerüchte aufmerksam gemacht und die Einleitung einer strengen Untersuchung gefordert hatte. Herr Gottlieb Bettelheim hat sich damit den Dank seiner Glaubensgenossen erworben. Der amtliche Polizeibericht stellte am 5. April fest, daß Theresia Jedliczka vom Polizeiarzte Dr. Schild gründlich untersucht wurde, daß dieser an beiden Unterarmen je eine circa einen Millimeter große, die oberste Hautschichte durchdringende Hautabschürfung constatirt habe, die absolut ungeeignet war, Blutabzapfungen vorzunehmen, und daß die Jedliczka selbst nicht wisse, wie und von wem ihr die Verletzung beigebracht wurde. Was machte nun das „Deutsche Volksblatt" aus der Sache? Es kitzelte vor Allem die Sensationslust seiner Leier durch drei riesige Fragezeichen wach, welche die Stelle einer Ueberschrift vertraten. Daun ließ es dem a m t l i ch e n Berichte einen Privatbericht vorhergehen, in dem erzählt wurde, die Jedliczka sei von zwei Männern überfallen worden und während der eine sie beim Kopfe hielt, habe der zn'kite der Männer ihr an der rechten Hand eine Ader geöffnet und ihr das Blut aus derselben entnommen. Dann erst druckte das Blatt die polizeiliche Darstellung ab, er fl irte aber, die Angabe, daß die Wunde nur eineu Millimeter groß und nicht geeignet gewesen sei, Blut abzuzapfen, sei geradezu lächerlich. „Darüber werden wir noch nähere Auskünfte ertheileu, darüber wird noch gesprochen werden . . . Wir werden nicht säumen, das Unsere zu thun . . . Wir wollen Klarheit und Wahrheit!" schloß das „Deutsche Volksblatt" seine Mittheilungen. Und es that das Seinige. Was jetzt folgte, ist ein trauriger Beweis dafür, was christlich-sociale Frechheit in dem „Rechtsstaate" Oesterreich wagen darf. Das „Deut che Volksblatt" berichtete am 6. April wirklich Folgendes über die Ereignisse des Vortages: „Einige Freunde unseres Blattes brachten uns die Mädchen nun s e l b st ins H a u s, wodurch unsere Berichterstattung über d e n F a l l wesentlich erleichtert wurde. D i e M ä d ch e n w ur d e n eingehend über ihre Angaben befragt und ihre Mitth eil flu gen n i e d e r g e s ch r i e b e n. Da die bedauersmerthen Geschöpfe seit dem Vortag nichts genossen hatten, wurden sie in die Wohnung des Gemeinderath es Schwer geführt, woselbst sie das Mittagmahl einnah m e n. Während d i e s e r Z e i t wurde von Seite der Polizei eingehend nach den Mädchen recherchirt und schließlich ein Geheimpolizist indieWohnungdes Gemeinderathes