Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 11 (14.3.1902)
- Date
- 1902-03-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. il Dl*a BlOCh S KahrstMtzl m Eentralorgan « - - K. ft. Postsparrsffrn-Amt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Lrdarttvn und AdministraNo» wir« IX/1, Verggasse Nr. 39. Talephon Nr. 14.847. | » - ==& für die gesammten Interessen des Iudenthums. Wie«. 14. gKfef 1903. -■>—•►•■* —-- Erscheint jeden Freitag. -->,» 4 4. -- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Srprg-sjULiM |Sc Lalbjähriz 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller^ Für'» Xu»l«mdr Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. M- Jnhalt: Leitartikel: Amalek. — Die neuen Perseeutionsgesetze in Rumänien. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Preisausschreibungen der israelitischen ungarischen Literaturgesellfchast zu Budapest. Zu Max Liebermann's Schrift über Jozef Israels. — Alte Bibliotheken. — Die jüdische Renaissance in Amerika. — Das religiöse Gesetz über den Selbstmord. — Correspondenzen: Wien, Floridsdorf, Brünn, Cultusbeamte und Landesmassafond. Budapest, Olmütz, B.-Leipa, Eger, Esset, Sarajewo, Gleiwitz, Breslau, Frankfurt a. M., Würzburg, Hamburg, Stockholm. Die jüdischen Hausirer in New- Aork. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Floridsdorf, Wr.-Neustadt, Zwittau, Hokitz, Jglau, Schelletau, Troppau, Brodh. — Feuilleton: „Kiddusch Haschem." — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Amalek. Der uns geläufige Abschnitt: „Gedenke, was Amalek Dir gethün", wurde von den Feinden des Judenthums stets zu Anklagen benutzt. Nach so vielen Jahrtausenden werde heute noch in jüdischen Gotteshäusern alljährlich der Abschnitt verlesen: „Gedenke, was Amalek Dir gethan, wie er Dich Plötzlich überfiel und zu vernichten drohte, die da strauchelten; vergiß es nichts Welche Unversöhnlichkeit! welche Engherzigkeit und Unduldsamkeit, Wenn wir das Gebot: „Gedenke, was Amalek Dir gethan", mit Berständniß lesen, drängt sich uns. die Wahrnehmung auf, daß hier die Thora zum einzelnen Israeliten „gedenke" und nicht zur Gesammtheit „gedenket" spricht, ob es doch gleich weiter heißt, „auf dem Wege als „Ihr" aus Egypten gezogen seid". Allein, wenn wir die Methode, die Amalek gebrauchte, um sein Ziel zu erreichen, näher ins Auge fassen, so werden wir auch diese Ausdrucksweise gerechtfertigt finden. Was mochte denn eigentlich dem Amalek Veranlassung gegeben haben, Israel zu überfallen? War es Ländergier, Eroberungssucht? Israel war auf dem „Wege", wohnte in einfachen, zerlegbaren, prunk- und schmucklosen Hütten, besaß weder Grund noch Boden, war ein Volk armer Nomaden. Warum also wurde es dennoch von Amalek überfallen? Amalek fürchtete die Freiheit und den Fortschritt, die Ausbreitung der Cultur und Civilisation, er huldigte dem pharaonischey Grundsätze: tichbad hoaboda al hoam „Der Geist des Volkes muß niedergedrückt werden", das Volk muß in der Unfreiheit schmachten, weil ein aufgeklärtes. intelligentes, freiheitsliebendes Volk sich nicht despotisch beherrschen lasse. Diese Staatsweisheit ist stets bemüht, die Freiheit, sobald sie sich irgendwo Bahn zu brechen beginnt, als ein staatsgefährliches, gemeinschädliches, die Irreligiosität, Gottlosigkeit, Verwilderung und Anarchie förderndes Ding zu bekämpfen. Nichts flößt Amalek mehr Angst, Furcht und Schrecken ein, als Freiheit, Cultur und Bildung. Als Israel die Sclavenketten gesprengt und durch wunderbare Begebenheiten aus der Knechtschaft Egyptens erlöst wurde, „da erschraken . die Stammherrn Edoms, die Fürsten Moabs ergriff ein Zittern", weil sie, und nicht mit. Unrecht, der Befürchtung Raum geben zu müssen glaubten, daß nunmehr der Geist der Freiheit auch in die Schichten anderer Völker dringen werde. Diese Befürchtung war es, die Amalek veranlaßte, Israel zu überfallen. Er verbreitete das Gerücht, daß im Judenthum in Folge der errungenen Freiheit. eine furchtbare Verwilderung, Gottlosigkeit und Anarchie herrsche; die alten Götter werden nicht mehr angebetet, ein Beweis, wie gefährlich die Freiheit für die Religion, für die Menschheit sei, indem sie die sittliche Weltordnung bedrohe und die Grundfesten des Weltgebäudes erschüttere. Wie! Israel wurde in Folge der errungenen Freiheit gottlos? War es nicht vielmehr das einzige Volk, das sich für die Annahme der Thora begeisterte? Hat es nicht einstimmig ausgerufen: „Alles, was der Herr gesprochen, wollen wir beherzigen und befolgen," während die anderen heidnischen Völker von einer Thora, von einer göttlichen Religion nichts hören und nichts wissen wollten. Allerdings ist es eine unleugbare Thatsache, daß Israel, nachdem es aus dem Rachen der egyptischen Tyrannei erlöst wurde, sich für die höchsten Ideale, für die wahrhaft göttliche Religion wie kein zweites Volk mehr begeistert hatte, allein wo gibt es ein Volk auf Erden, und stände es auch auf der höchsten Stufe der Cultur und Bildung, das nicht auch einzelne irrende, strauchelnde Elemente zu Mitgliedern zählen möchte? Und eben diese einzelnen Subjekte sind es, denen Amaletstets seine ganze Aufmerksamkeit schenkt, die er auf Schritt und Tritt bewacht, um, so wie er dieselben bei irgend einem Vergehen ertappt, über die G esammtheit den Stab brechen, die Gesammtheit verurtheilen und verdammen zu können. Ja für jedes Vergehen eines einzelnen Juden die gesammte Judenheit verantwortlich machen, das ist die echte und rechte amalekische Methode. Zn Refidim gerieth das Volk in Folge eingetretener Wassernoth in Verzweiflung. Die Gemüther waren aufgeregt, Alles kam außer Rand und Band. Diese Situation benützten Krakehler und Nörgler, um ihrem Unmuthe Ausdruck zu verleihen und den großen, edlen Moses mit Vorwürfen zu überhäufen. Sie kränkten ihn derart, daß er. der sonst nie wankte und nie schwankte, verzweislungsvoll ausgerufen: „Es fehlt nicht viel und sie würden mich steinigen." Wohl waren es nur einzelne Individuen, die sich so weit vergessen hatten. Allein Amalek genügt es, wenn einzelne Individuen sich durch unwürdiges Benehmen bemerkbar machen, die Gesammtheit zu brandmarken und zu verdächtigen. Blicket hin, rief Amalek schadenfroh, auf die Juden und Ihr werdet bald die traurigen Folgen der errungenen Freiheit kennen lernen. Ihr «erdet die Ueberzeugung gewinnen, daß die Freiheit staatsgefährlich, autoritätsfeindlich und geeignet ist, die Gottlosigkeit, die Verwilderung und Anarchie zu fördern. Diese amalekische Methode haben die Nachbeter und Nachtreter Amaleks aller Zeiten angewendet, um einerseits die ihnen so sehr verhaßte Freiheit und andererseits das Judenthum zu