Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-02-28 · 9 (28.2.1902) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021449--11573-3036118
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 9 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 143 „Ritualmord und Eid!" Ihr Schwur ist so überzeugend und beweiskräftig, daß ich heute, selbst wenn ich früher einmal gezweifelt haben sollte, nie mehr an die Schuld der Juden in sämmtlichen Blutanklagen glauben werde. Ich schreibe Ihnen, dem beherzten Manne, dies als ein überzeugter Christ und nehme zur Ehre meiner wirklich christlichen Mitmenschen an, daß dieselben in Zukunft hinsichtlich der Ritualmorde den bisherigen blödsinnigen Behauptungen, welche ja bei dem geringsten Anlässe von gewissen Seiten aus bestimmten Gründen immer wieder mit erneutem Fanatismus vorgebracht werden, keine Beachtung mehr schenken, sondern dieselben, wie sie es in der That verdienen, niedriger hängen werden. Genehmigen Sie, unerschrockener, für die Wahrheit kämpfender Mann, meine größte Hochachtung/ Die Gotha-Loge zu Gotha schreibt Folgendes: „Ihr offener Brief an den Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg ist eine hochbedeutsame That. Sie haben damit dem Judenthum einen Dienst erwiesen, der Ihnen die aufrichtige Dankbarkeit aller Glaubensgenossen sichert. Die Gotha-Loge gestattet sich, Ihnen den tiefsten Dank für Ihr mannhaftes Eintreten für unsere heiligsten Gefühle auszusprechen." Der israelitische Humanitäts-Verein „Moravia" in Brünn äußert sich in folgender Weise: „Dank, herzlichsten Dank für Ihren mit warmem Herzen geschriebenen offenen Brief. Nicht allein Ihr reiches Wiffen, nicht allein Ihren Geist, der dnrchtränkt ist von der Ethik des Judenthums, Ihre ganze lautere, starke Persönlichkeit, nach Goethe das höchste Glück der Erdenkinder, haben Sie eingesetzt, um dem thörichten böswilligen Vorwurf des Ritualmordes von unserer Religion abzuwälzen." Ein ausgezeichneter Gelehrter, Universitäts - Professor in Berlin, schreibt: „Mit lebhafter Theilnahme und herzlicher Bewunderung habe ich die innig empfundene und in edelster Weise formulirte Vertheidigung der Ethik unseres Glaubens gelesen. Empfangen Sie für Ihr muthiges und beredtes Streiten für Wahrheit und Recht den Ausdruck meines innigsten Dankes, den jeder Jude Ihnen schuldet." Ein hervorragender Arzt, Geheimer Sanitätsrath in Berlin, richtet an den Verfasser folgende Zuschrift: „Dem schon längst allgemein schmerzlich empfundenen Ausbleiben einer competenten Zurückweisung jener schandbaren Verleumdungen haben Sie ein Ende bereitet, und wird diese That bei allen redlichen Männern des deutschen Vaterlandes Ihnen unvergessen bleiben." Hamburg. (Gesellschaft für jüdische Volkskünde in Hamburg.) Das soeben erschienene IX. Heft (78 Seiten) der „Mittheilungen" der Gesellschaft enthält einen Beitrag „Zur Geschichte der jüdischen Vornamen" von M. Landau, vou K. Köhler eine „Beleuchtung jüdischer Sagen und Bräuche", ferner eine grundlegende Arbeit von A. Wolf „Ueber jüdische Kunst und ältere jüdische Künstler". Besondere Beachtung verdient die folgende Anzeige am Schluffe des Heftes: „Seit Jahren ist immer lebhafter der Wunsch rege geworden, für unsere Sammlungen Photographien einzelner für uns wichtiger Gegenstände zu beschaffen, die im Kunsthandel nicht zu erhalten sind. Solche allein für uns Herstellen zu lassen, würde unsere Mittel überschreiten. Da sich aber, wenn eine größere Anzahl Copien hergestellt werden, die Kosten auf ein Minimum verringern, bitten wir Interessenten, sich mit uns ins Einvernehmen zu setzen. In Aussicht genommen sind annähernd Aufnahmen von bisher unbekannten künstlerisch hochbedeutsamen Grabsteinen, Volkstypen u. s. w., u. s. w." Danzig, Im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" hielt unlängst Herr Professor Dr. H o r o w i tz aus Thorn einen' fesselnden Vortrag über „Die Sittenlehre des Judenthums und ihre neueste Darstellung". Redner führte einleitend aus, daß das Judenthum trotz aller Stürme, die es im Laufe der vielen Jahrtausende zu bestehen hatte, seine Erhaltung lediglich seiner Religions- und Sittenlehre verdanke, in der es bahnbrechend und schöpferisch gewirkt habe. Die Grundrichtung dieser Lehre sei keine weltabgeschiedene, gefühlsschwärmerische, auch keine speculative, auf die Erforschung des Übersinnlichen gerichtete; sie ziele vielmehr auf die Erziehung des Einzelnen zur reinsten sittlichen Bethätigung und auf die Gestaltung des Gemeinschaftslebens nach dem Grundsatz; der Gleichberechtigung Aller vor dem Gesetze. Die Darstellung der jüdischen Sittenlehre in ihrer Gesammtheit sei neuerdings von Professor Lazarus in seinem „Die Ethik des Judenthums" betitelten Buche versucht worden. Die Methode dieser Darstellung sei zwar nicht frei von Bedenken, inhaltlich aber gebe das Werk ein gemeinverständliches Bild von den zu allen Zeiten geltenden Grundsätzen der jüdischen Sittenlehre. Dem Werke von Lazarus folgend, sprach Redner über die Begründung und den Charakter dieser Lehre. Die erste sei eine theistische. in der reinen Gottesidee wurzelnd; der Charakter aber ein universeller, kein nationaler. Die Erkenntniß des Guten und der Wille zur Bethätigung desselben genügen nicht zur Bildung des sittlichen Charakters; es müsse vielmehr die unablässige llebung hinzutreten. Daraus erklärt sich die Betonung der Beobachtung des Gesetzes, weil dieses zur Selbstbeherrschung und damit zur sittlichen Freiheit führte. Das höchste Ziel sei die Bereinigung aller Menschen, ein Ideal, das man stets vor Augen haben müsse. Denn — so schloß der Redner nach Lazarus' Worten — das Ideal verlieren, heißt auf den Werth des Lebens und der Geschichte verzichten. Warschau. 6. Februar. Der am 25/ December v. I. hier verstorbene Philanthrop Jan Stern hat 250.000 Rubel >'ür wohlthätige Zwecke hinterlaffen, u. zw. 10.000 Rubel für wissenschaftlich arbeitende, in polnischer Sprache schreibende Gelehrte, 15.000 Rubel für die allgemeinen Wohlthätigkeitszwecke der jüdischen Gemeinde, um aus den Zinsen derselben alljährlich je einen jüdischen und einen katholischen Studenten. Gymnasiasten und Handwerker zu unterstützen. Der große Rest von 200.000 Rubel fiel dem allgemeinen Warschauer Wohlthätigk itsVerein mit der Bestimmung zu, daß damit ein jüdisches und ein christliches Kinderheim errichtet werde. Die polnischen Blätter sino darüber verschnupft, daß das Geld des jüdischen Millionärs zum Theil wenigstens jüdischen Zwecken zufällt, obgleich christliche Millionäre nicht im Traume daran denken, für jüdische wohlthätige Zwecke etwas zu hinterlaffen. Sie rächen fich nun in echt antisemitischer Manier, indem sie den verstorbenen Jan Stern, der für christliche und polnische Zwecke über 120.000 Rubel hinterlaffen hat, consequent Jankel Stern nennen. Damit soll bekundet werden, daß Jan Stern kein jüdischer Pole, sondern ein — polnischer Jude war. Der Bedauernswerthe! Jerusalem.(Einwe ihung desHospitals „Zetiaare- Zadek“ in Jerusalem.) Das neue Spital wurde am 26. Jänner eröffnet, und zwar in Gegenwart von Djewad Pascha, dem Gouverneur von Jerusalem, dem städtischen Bürgermeister, dem deutschen Consul Dr. Schmidt, dem Chacham Baschi I. S. Eljaschar. dem Oberrabbiner Salant und deffen Delegirten, Rabbiner Rabinowitz. Die Gäste wurden empfangen von dem Arzte Dr. Wal ach. dem Architekten Baurath Sandel, den beiden Comitemitgliedern, Rabbiner CH. Sonnenfeld und Rabbiner CH. Eljaschar. dem Hausverwalter Herrn Marx und dem Apotheker Herrn Ch. H a u s d o r f. Nach einer gründlichen Besichtigung wurden Gebete für den Sultan, sowie für den deutschen Kaiser von dem Chacham Baschi gesprochen und Erfrischungen gereicht. Die Feier war sehr einfach und nichtöffentlich wegen der Abwesenheit eines Mitgliedes desCentralcomitäs,auf das man sicher gerechnet hatte. Die eigentliche Eröffnung zur Aufnahme von Kranken findet am 28. d. M. statt. Gegenwärtig sind nur 20 Betten vorhanden und diese nur für den Gebrauch von Frauen und Kindern bestimmt. Wünschenswerth wäre ein Capital, dessen Ertrag hinreichte für die laufenden Ausgaben. Da die vorhandenen Mittel für Bauzwecke benöthigt waren, so wird die Vermehrung auf 40 Betten lediglich von dem Eingang der jährlichen Beiträge abhängen. Die freien Räume würden sich sehr für eine Augenklinik eignen. Der Mangel einer solchen ist trotz des britischen Augenspitals der Johanniterritter noch sehr fühlbar. Vermijchtes. Wien. (O ester r ei ch i sch-Jsr a el i ti sche Union.) Samstag den 1. März d. I., halb 8 Uhr Abends, findet im F-stsaale des „Niederösterreichischen Gewerbevereines", Eschenbachgaffe 11 ein Vortrag des Herrn Dr. Heinrich Meyer- Cohn aus Berlin unter dem Titel: „Pflichten und Rechte" statt. Die hervorragende Stellung, die der geistvolle Redner in der deutschen Judenschaft einnimmt, und seine gründliche Kenntniß auch unserer besonderen österreichischen Berhältniffe. die Dr. Heinrich Meyer-Cohn seit Jahren mit größter Aufmerksamkeit verfolgt, sichern ihm ein zahlreiches und aufmerksames Auditorium, das einen überaus interessanten Abend erwarten darf. Durch Mitglieder eingeführte Gäste haben Zutritt. Damen willkommen!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.