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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-02-21 · 8 (21.2.1902) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
8 (21.2.1902)
Date
1902-02-21
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 8 Dr. Sloch's Wochrnjchrift Seite 127 keine Ruhe ließ, bis sie vor den Richtern den ganzen Inhalt ihrer Anzeige als eine lügnerische Verleumdung bezeichnete, zu der sie die christlichen Nachbarn beredet haben; ja jene Leiche des Kindes, betheuerte sie, sei von ihr selber, über das Zureden dieser Nachbarn, in das Hans geschmuggelt worden. Allein die Richter wollten das einmal über die Jüdin verhängte Urtheil nicht zurückrufen. Einen Ausweg ließen sie jedoch der Berurlheilten zum Leben offen, und das war die Annahme der Jaufe. Ist sie einmal Christin — begründeten sie diese ihre Milderung — dann Hörle sie auf die Frühere zu sein und das Urtheil würde dadurch von sich selber aufgehoben. Wie aber sahen sich diese guten Herren enttäuscht, als sie sich bald überzeugen mußten, oaß die hartgesottene Jüdin von dem Rettungsanker, den sie ihr so großmüthig augevoteu haben, keinen Gebrauch machen wollte. Mit ihrem Glauben, beharrte sie nämlich starr und fest, wolle sie nie und nimmer ihr Leben erkaufen, lieber stürbe sie eines hundertfachen Todes, als nur einen Augenblick ihrem Glauben untreu zu werden. Die Geistlichkeit legte sich ins Mittel, um sie zur Taufe zu bewegen, sie flehete, sie lockte, sie bot ihr für die Taufe alle irdischen und himmlischen Glückseligkeiten an und drohte ihr im Falle der Verweigerung mit den ewigen Qualen der Hölle, allein alle noch so starken Bekehrungsmittel prallten an dem fcl.ensesten Charakter dieser wackeren Adel ab. Sicheren Schrittes und gehobenen Hauptes, als gälte es einen Triumphzug, ging sie in oen Tod und starb als Märtyrerin für Gott und Israel! Auf ihrem Grabsteine heißt es: Hier ruhet die große heilige Märtyrerin Adel, die Tochter des Gemeindeoberhauptes Rabbi Masche Kinkljch, die oen Namen Gottes verherrlichte, indem sie sich für das ganze Volk Israel geopfert hatte. Sie starb am Rüsttage des heiligen Sabbaty am 27. Elul des Jahres 407. Nicht immer fand man es der Mühe werth, erst nach einem Vorwand zu suchen, um jüdisches Blut zu vergießen: es reichte in den meisten Fälleii vollkommen der Grund aus, daß es nur jüdisches Blut ist. Was litten nicht die armen Juden in einer Reihe von Jahren unter den sogenannten „Schülergeläusen"! Aus den Jesuitenschulen nämlich stüizten die frommen Jünger wie die Raubthiere hervor und warfen sich auf die jüdischen Häuser, in denen sie raubten, mordeten und plünderten. In den meisten Fällen überfielen sie an Sabbalh- und Feiertagen die Synagoge, da sie sicher waren, damals die Juden in großen Massen versammelt zu finden. Hier rasten sie wie die Würgengel, indem sie Greis uno Jung, Weib und Kcnd wie die Lämmer hinschlachteten. Jede paar Wochen erneuerte sich ein solches Maffacre, bald in den Häusern, bald in den Synagogen. Es klingt wie eine schreckliche Ironie, wenn man in den Chroniken jener Zeit liest, daß man später den Juden die Gnade erwiesen hat, sich gegen diese Meute bestmöglichst zu vertheidigen. Der Schaden, den die Juden bei einem jener Ueberfälle an ihrem Vermögen erlitten, wird von der Chronik jener Zeit auf mehr als 700.000 Gulden veranschlagt. Für die damaligen Verhältnisse muß bei Berücksichtigung des Umstandes, daß die jüdische Gemeinde in Lemberg eine kleine war, die Summe als eine enorme angesehen werden. Und wie viele Menschen büßten damals ihr Leben ein! Ja unter den zu jener Zell gefallenen Opfern finden wir eine große Reihe von glänzenden Namen, von großen Gelehrten, die in der rabbinischen Literatur sich unsterbliche Verdienste erworben haben .... V. Angesichts so vieler Opfer, mit welchen das Judenthum sich durch Jahrtausende den Glauben erhalten hatte, ist es keineswegs zu verwundern, daß die alten Rabbiner, die eigentlichen Wächter dieser Glauvensschatzes, sich vor diesen wie wachende Löwen postirten und jedem, der demselben nahezutreten wagte, sei es in guter, sei es in böser Absicht, sei es in der Absicht, diesen zu schädigen, oder ihn vom alten, verjährten Staube zu reinigen, m ihrem grimmigen Eifer zerfleischten. Ja auch an einem solchen Acte der Zerfleischung fehlte es nicht in dem alten Pinkas, ich meine den großen „Cherem", der dort in seiner ursprünglichen Form zu lesen ist. Grausig, geradezu herzerstarrend sind die Flüche, die in jenem Cherem aufgeyäust sind. Nur Menschen, die an sich selber alle Qualen der Hölle schon erprobt haben, können eine so wildheiße Brut, wie jenem Cherem erzeugen. Und unter welchem schauderhaften Nebenumständen war dieses über die Aermsten ausgesprochen! Da stand die Todtenbahre mitten in der Synagoge, überdeckt mit dem Leichentuche und um und um mll Fackeln und schwarze Wachslichter. Eine ungeheure Menschenmenge füllt die Synagoge in allen Räumen, alle versenkt in Todesangst, mit entsetztem Gesichtsausdrucke. Mitten hinein in die unheimliche Stille ertönt auf einmal der „Schofer" in schrillen, langgezogenen Tönen. Und jetzt der grausige Cherem, den der greise Rabbiner mit dem wallenden Schneebarte langsam und feierlich vorlas, jeden Fluch bekräftigend durch eine eigenartige Betonung, daß einem das Herz erstarrte. War einmal unter dieser schauderhaften Ceremonie der Cherem über Einem verkündet, dann wäre es wohl am besten gewesen, wenn er sich lebendig begraben hätte. Bon jenem Augenblicke angefangen, war er sich selber und allen anderen ein Grauen. Alles wich vor ihm entsetzt zurück, ja auch seine Frau und Kinder flohen vor ihm, wie vor einem Gespenste. Mitleid gegen ihm galt als eine Todsünde. Jeder, der ihn erblickte, spie verächtlich aus, wie beim Anblick eines Scheusals. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Die Editionen der israelitischen ungarischen Literalurgesellschaft. Vor Kurzem versendete die israelitische ungarische Literaturgesellschast ihre Jahresgaben, deren Erscheinen sowohl von ihren Mitgliedern. als auch von einem großen Theil des indischen Publicums gewöhnlich nlit großem Interesse entgegengesehen wird. Als bezeichnend für einen Theil unserer liberalen Presse müssen wir jedoch bei dieser Gelegenheit erwähnen, daß der in jüdischen Leserkreisen stark verbreitete „Pe»ti Hirlap“ die Editionen dieser Gesellschaft vom Standpunkte der literarischen nationalen Einheit als separatistische Bestrebungen abfällig beurtheilte. Wir Juden können es auch in dem freiheitlichen Ungarn Niemandem recht machen. Jetzt, nachdem die gebildeten ungarischen Juden in einer Anzahl von ungefähr einer halben Million culturell ganz im Ungarthum aufgegangen, gönnt man ihnen selbst die Pflege jüdischer Wissenschaft nicht mehr. Auf der einen Seite will man ihnen jedes nationale Gefühl absprechen, auf der andern macht man es ihnen zum Vorwurfe, wenn man daran zu viel des Guter! thut. Das wird aber die israelitische ungarische Literaturgelellschafl vermuthlich nicht hindern, ihrem Berufe gemäß das einmal vorgesteckte Ziel auch weiterhin zu verfolgen; denn gerade in Hinsicht der literarischen Pflege der jüdischen Wissenschaft bleibt das numerisch und gerstig so hervorragende ungarische Israel weit hinter seinen ausländischen Glaubensgenossen zurück. Abgesehen von diesen Ausgaben der ltterarischen Gesellschaft, den Jahresberichten und wissenschaftlichen Beilagen des Rabbinerseminars, der Monatsschaft „Magyar Zsidö Szemie“, den zwei ungarischen jüdischen Wochenblättern und der ungarischen jüdischen Lehrerzeitung erscheint Jahre hindurch kaum irgend eine literarische Arbeit jüdischen Gegenstandes in ungarischer Sprache. Was leisten hingegen auf diesem Gebiete die deutschen, ftanzösischen und englischen Juden! Mit dem amerikanischen Judenthum.dürfen wir uns gar nicht vergleichen. Die diesjährigen Ausgaben unserer Literaturgesellschast bestehen aus der Fortsetzung der Reihenfolge des Jahrbuches und aus dem von der Gesellschaft preisgekrönten Werke des Neupester Rabbiners Dr. Ludwig V e n e t t a ii e r, das den Titel: „Die Organisation desJuoenthums in deueuropälschenStaaten*) führt. Die Besprechung dieser gediegenen Arbeit behalien wir uns in einem besonderen Artikel vor. Dauiit wir aber keinen nach semitischen Gespenstern sahnenden Ültter unnützerweise ausregeu, fügen wir schon jetzt hinzu, daß in diesem Buche nicht etwa von dem den Antisemitenhelden solch' gewaltigen Schr cken einjagenden inlaginären Popanz einer weltumschlingenden, staalennlnspinlienden jüdischen Organisation die Rede ist, sondern vlos von der sich nie über die Ghettomauern hinaus erstreckten Gemeindeorganisation. Der Inhalt des heurigen Jahrbuches besteht aus folgenden, lheils prosaischen, theils poetischen Beiträgen: Tie Juden in der Geschichte des Ungarlhums, Dr. Ignaz A c s ü d y (Budapest). Die mojaisch-privatrechtlichen G. setze, Dr. Hermann Fodor (Budapest). Urlherl russischer Behörden, Staatsmänner, Kirchenoberhäupter und Schriftsteller über die russischen Juden, Dr. Heinrich Bloch (Budapest). Drei Gotteshäuser, Gedicht, Rabbiner Dr. Cornel H e v e s (Szolnok). Aus einem alten Tagebuche, Adolf Agai (Budapest). Emil Makai, Thomas K ü b o r (Budapest). Aus der Maschal-Welt, Rabbiner Dr. Hermann P e r l s (Fünfkircyeu). Letzter Psalm, Eduard K i st e l e k i (L-zegedm). Die Kruder des Herrn Moriz Szarvas, Frau Bertha Hermann-Politzer (Budapest). Beitrag zum orientalischen Ursprung des „Kaufmaim von Venedig", Dr. Ignaz Kunos (Budapest). Der Prophet Auws, Rabbiner Tr. Leopold Köcskemöti (Grotz- Wardein). Aus den jüdischen Sybillinen, Rabbiner Dr. Franz L ö w y (Ragy Atod). Die Idee der jüdischen Selection, Dr. Ludwig Blau (Budapest). Die Toleranzsteuer im Eisenburger Komitate, Rabbinsr *) A zsidösäg szervezete az euröpai ällamokbau. Az izr. magyar irodalmi tärsulat äital jutalmazott pälyamü. Irta: Dr. V euetianer Lajos. Budapest, 1902.

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