Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Dr. Bloch’s Jahrgang XIX ♦ Centrslorgan I R. k. p o |t (parca ssen-Amt | Elearing-Verkehr j Ar. 810.976. Kctuction und Administration! Wien IX/1, Berggasse Nr. 39. | | Talephon Nr. 14.847. | * .--=% für die gefammten Interessen des Iudenthums. ■-G- Wien^ 14. gsbvnav 190Ä. --— Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Derggafse 39. Telegramm-Adresse: Dlorh's Wochenschrift, Wien. Vrzugsprris für Drstrrrrich va>kjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Tiir's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Wiener Corruption. — Früchte des Antisemitismus. — Die Handelskammerwahlen. — Rumänien. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Der jüdische Hellenismus. — Das religiöse Gesetz über deu Selbstmord. —Correspond enzen: Die Juden als Urheber des südafrikanischen Krieges gegen die Buren. Eine adelige jüdische Familie. Ein arischer Jugendbildner. Zum antisemitischen Treiben in Karlsbad. Wien, Baden, Amstetten, Budapest, Leipzig, Berlin, Breslau, Petersburg, Libau, Warschau, London, Memel, Albany, Gaya. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zn Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien. Wien, Tysmienica, Temesvar, Stampfen, Essegg. — Feuilleton: Alt-Lemberg. — Briefkasten. — Inserate. Wiener Corruption. Die schönen Tage, in denen Herr Dr. Lueger mit seinem Waffen- und Judengenossen Dr. Ignaz Mandl zum Kampfe gegen die Corruption auszog, sind längst vorüber. Ob Dr. Lueger es damals ehrlich mit „seinem" Wiener Volke gemeint hat, ist angesichts des Umstandes, daß die Ehrlichkeit Lueger's seither die mannigfachsten Parteilivrßen getragen und auch vor der berüchtigten Parole Guizvt's: „Enrichissez vous!" nicht zurückgeschreckt in, schwer zu entscheiden. Man behauptet, daß er persönlich sich reine Hände bewahrt hat; aber Thatsache ist, daß all' seine Getreuen sich bereichert haben, und daß er nie davor zurückschreckte, beschmutzte Hände freundschaftlich zu drücken. Er hat die Corruption nicht getödtet, denn sie hat in seiner Partei siegreiche Triumphe gefeiert; aber er selbst strahlte doch lange Zeit in der Gloriole des Drachentödters. Das ist nun, seit dem Tramwayschacher, auch vorüber. Der kühne Held, der ausgezogen war, um das Kleinbürgerthum vor der Ausbeutung durch das Großcapital zu schützen — man hat es ihm trotz der Vertheidigung des Wucherers Hescheles, trotz der Beuschelreißerei und Herrgottspfändung geglaubt — leistet heute bei der Plünderung der Kleinen durch die Großen Zuhälterdienste, oder um es mit einem gut wienerischen Ausdrucke zu bezeichnen: Herr Dr. Lueger machte bei dem Einbrüche, den das reichsdeutsche Großcapital bei den kleinen Wiener Rentnern verübte, die „Mauer". Erst eine spätere Zeit wird den finanziellen Abgrund aufdecken, vor welchen der christlich-sociale Bürgermeister die Wiener Commune durch seine gewaltthätige Verstadtlichungs-Politik geführt hat. Die Verstadtlichung des Beleuchtungswesens und der Tramway ist das Einzige, was Herr Lueger aus dem von ihm selbst revidirten Programme der demokratischen Partei in sein christlich-sociales Dasein herübergenommen hat. Es waren volksthümliche und vernünftige Forderungen, die der Stadt zum Segen gereichen müßten, wenn sie klug und mit kaufmännischer Vorsicht durchgeführt worden wären. Aber, als Dr. Lueger an ihre Verwirklichung ging, war.er nicht mehr Herr seiner selbst, sondern schon der Gefangene seines christlich-sscialen Clans von Kleinbürgern, der sich auf ösientliche Unkosten, an öffentlichem Gute bereichern wollte. Der arme, nach Außen so mächtige, nach Junen ohnmächtige Bürgermeister, — so ohnmächtig, daß er sich die Protection des Mühldorfer Ehrenmannes Vergani zähneknirschend gefallen lassen mußte, — war gezwungen, das günstige Ostert der englischen Gasgesellschast anszuschlagen und 35 Millionen Gulden in die neue Gasanstalt zu investiren, um seine hungrige Korybantenschaar zu befriedigen. Noch ist es unvergessen, wie der brave Mechaniker Schneider sich rasch mit einem Berufsgenvssen associirte und sich die Lieferung der neuen Gasmesser zuwenden ließ. Das ist nur ein Beispiel für viele, wie und von wem au deu Gas- Millionen gezupft und gezehrt wurde. Um das Gasanlehen zu bekommen, mußte Dr. Lueger die Umwandlung der alten Tramway in die Bau- und Betriebsgesellschast zulassen und diese der Deutschen Bank und der Firma Siemens und Halske zur Ausbeutung preisgeben. Und um seine neue Anleihe zu placiren, mußte er denselben Leuten die Actiouäre der Ban- und Betriebsgesellschaft ans Messer liefern. Was bei diesem schmutzigen Handel vorgegangeu ist, haben wir in diesen Blättern schon eingehend erzählt. Es ist einfach ein Raubzug gegen die mittleren und kleinen Rentner, und die Beraubung liegt in dem ungeheuren Nutzen, der durch den Bauvertrag der Firma Siemens und Halske gewährt wird. Ob die Herren Lueger und Mandl Recht hatten, als sie seinerzeit den Grvßactionür Reitzes der Ausbeutung beschuldigten, wollen wir hier nicht erörtern. Herr Reitzes hatte viel aus dem Gewissen und wir haben keine Ursache, ihn auch nur mit einer Silbe in Schutz zu nehmen. Aber wenn eine Ausbeutung vorlag, so konnte man noch immer sagen, daß das Geld im Lande blieb und hier wieder in Umlauf kam oder kommen wird. Denn die Erfahrung lehrt, daß große Vermögen sich in der zweiten und dritten Generation wieder zersplittern. Bei der jüngsten Transaction mit der Deutschen Bank aber hat Herr Lueger dem ausländischen Großcapital den Zuhälter gemacht und das gute Geld der kleinen österreichischen Actiouäre ins Ausland tragen lassen. Er hat dabei allerdings den Schein gewahrt, indem die Commune den bei-