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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-24 · 4 (24.1.1902) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
4 (24.1.1902)
Date
1902-01-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 4 Dr. Bloch 8 Jahrgang XIX Centralorgan für die gesammten Intereffen des Judentums. Wen, 24. Iiinner 1903. Erscheint jeden Freitag. -- - Brief-Adresse: Wien, IX/I, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. *■ . =*! Bezugspreis für Sestrrrrtch: | halbjährig 8 Krone«. Einzelexemplare 50 Heller, Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 »* n j e i 9 e n: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. — m m . - - =» A. k. Postfxarcassen-Amt .Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Ardartion und Administration: Wien IX/I, Berggasse Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. )( =% Inhalt: Leitartikel: Der geistige Niedergang Oesterreichs. — Das neue Judenverfolguiigsgesetz in Nnmäuien. — Jüdischer Gemeinde- Eongreß in Jassy. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Zum jüdischen Eide. Es leben die Juden! Die Epidemien des Mittelalters. Die Jntercalation eines Monats. „Babel und Bibel". — Corres pondenzen: Wien. Landesgerichtsrath Dr. Jacob Kohn. Wien, Karlsbad, Budapest, Krosno, Warasdin. Herr v. Gerlach über die gutgekleideten Antisemiten. Breslau, Darmstadt, München, Hamburg. Heidelberg, Libau, Warschau, London. — Vermischtes: Oesterreichisch- Jsraelitische Union. Kranzablösungsspenden rc. rc. Wien, Kostel, Troppau, Tabor, Prag, Mahrisch-Oi'trau, Sassin, Virovitica, Mährisch-Sckönberg, Szabadka, Lemberg, Pisek, Berlin, Breslau, Posen, Grätz, London. — Feuilleton: Die Hamburger Judengemeinde im Jahre 1730. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. \ Der geistige Niedergang Oesterreichs. Die Wiener philosophische Facultät hat einen Nothruf an das Parlament gerichtet. An das Parlament und nicht an die unmittelbar zuständige Stelle: die Unterrichtsverwaltung. Die Facultät will, daß ihre Beschwerde weit hinausdringe über jene Amtsräume, in denen das Amtsgeheimniß gewahrt wird, und daß sie nicht in dem Staube einer Registratur begraben werde. Sie führt Klage darüber, daß sie in den letzten Jahren bei Erstattung von Vorschlägen zur Wiederbesetzung erledigter Lehrkanzeln auf auffallende Schwierigkeiten stieß und daß sie bald nicht mehr im Stande sein werde, ihren Personalstand quantitativ und qualitativ aufrecht zu erhalten. Die Denkschrift spricht von einer Nothlage, in welche die Facultät durch eine Reihe von Ablehnungen aus dem In- und Auslande gerathen sei. Als die wichtigste Ursache dieses Nothstandes bezeichnet sie die Verstaatlichung der Collegiengelder, den mangelhaften Zustand der wissenschaftlichen Institute und Laboratorien, welche von den Finanzbehörden als eine mehr oder weniger überflüssige Sache angesehen werden. Die Facultät blickt aber noch weiter und tiefer. Es gibt noch andere, weit bedenklichere Ursachen für den Verfall der Wissenschaften in Oesterreich. „Es bleib t", heißt es in der Denkschrift, „eine schwere Schuld der Regierungen der letzten Jahrzehnte, daß sie es nicht erstrebt oder vermocht haben, der Wissenschaft in allen maßgebenden Kreisen die ihr gebührende Achtung zu erringen; erst wo diese fehlt, fehlen auch die Mittel." Eine Wahrheit, die von allen einsichtigen Menschen hundertmal gepredigt, von den Machthabern aber immer wieder in den Wind geschlagen wurde, wird hier endlich von berufenster Seite ausgesprochen. Wie kann die Pflege der Wissenschaft in einem Staate gedeihen, in welchem auf die Unbildung, auf die Verrohung und auf die gewaltthätigen Jnstincte des Abhubs der Bevölkerung ein ganzes Regierungssystem aufgebaul wurde? Der Antisemitismus, der Racen- und Classenhaß, dessen sich noch jede Regierung seit Taaffe bedienen zu müssen glaubte, um ihr politisches Fortkommen zu finden, ist nicht nur die Negirung von Recht und Gesetz, von Anstand und Sitte, von Humanität und Toleranz, sondern auch die Verleugnung, ja die Verhöhnung aller Erkenntnisse der Wissenschaft und alles geistigen Fortschritts. Noch erinnern wir uns des Plaidoyers, das eines der berüchtigsten Mitglieder der christlich-socialen Partei im niederösterreichischen Landtage für die medicinische Approbation der Dürrkräutlerinnen und gegen die diplomirten Aerzte gehalten hat, noch gedenken wir des classischen Ausrufes, mit dem ein Pfaidler in derselben Körperschaft einen der glänzendsten Vertreter der Staatswissenschaften abfertigte: „Sie Bildungsprotz!" Gegen Alles, was akademische Bildung erworben hatte, oder sich dem Volksunterrichte widniete, wurde eine wilde Hetze inscenirt. Die Aerzte, die Advocaten. die Professoren, die Beamten, die Lehrer wurden dem Spott und Hohn des Wiener antisemitischen Mobs preisgegeben. Die Universitäten wurden als Brutstätte des Atheismus, der Anarchie, des Hochverrathes denuncirt und freisinnige akademische Lehrer aus Oesterreich hinausgeekelt. Hinter den Antisemiten standen die Clericalen, und schürten und wühlten und stachelten die gemeinsten Jnstincte der Menge. Die jeweiligen Regierungen aber, abhängig von der gewaltigen Macht des Ultramontanismus, waren uneingedenk der Worte Mephisto'^: „Verachte nur Vernunft und Wissenschaft Des Menschen allerhöchste Kraft . . . So Hab' ich dich schon unbedingt!" Und in der That, will es scheinen, als ob der Teufel diesen Staat richtig schon beim Kragen hätte. Die Denkschrift der philosophischen Facultät ist unphilosophisch genug, in die politischeste Actualität hinabzusteigen. Sie rechnet die Pflege der Wissenschaft in großem Style zu den selbstverständlichen Aeußerungen eines Großstaates und geht der unerbittlichen logischen Consequenz nicht aus dem Wege, daß der Verfall seiner Universitäten ein Symptom für den drohenden Verlust der Großmachtstellung Oesterreichs ist.

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