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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-12-27 · 52 (27.12.1901) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
52 (27.12.1901)
Date
1901-12-27
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 52 Dr. Blodi’s Wochenschrift. Seite 867 Aber er weiß, daß diese Pfeife einen wunderbaren Einfluß auf ihn ausübt, denn als ihm eines Abends die Machorka ausgegangen war, lief er die ganze Straße entlang- bis es ihm gelang, sich welche zu verschaffen. „Der Ranch", behauptet er, „lindert den Husten und zerstreut mir die Gedanken!" Und Chaim's Gedanken sind sehr trübe, ja, häufig sündhaft sogar . . . Er denkt oft an Gott, an die Weltordnuug, und daß es. den Sündern so gut geht auf Erden, indeß die Gerechten ein leidensvolles Dasein führen, und Chaim versinkt in lästernden Zweifel. Einem schweren Hammer gleich, schlägt der gottlose Gedanke auf ihn ein, daß Alles nur dem Zufall unterliegt, daß die Natur Alles leitet und beherrscht! Voller Schrecken erwacht Chaim aus diesen Gedanken, seine Seele beruhigt sich, .sein Geist findet das Gleichgewicht wieder, — Chaim fühlt sich erlöst. Sein zweiter, noch viel größerer Lebensgenuß ist ... das Lesen des Buches Hiob. Das ist schon sein Paradies auf Erden! . . . Sobald ein neuer Schüler in den Cheder kommt, fragt Chaim: „Was lernst Du jetzt aus der Bibel?" Und nehmen wir an, daß die Antwort lautet: „Das Buch Jefaias". „Ich werde das Buch Hiob mit Dir durchnehmen, verstehst Du? Hiob — ein vorzüglicher Tanach!" Aber der Schüler fürchtet das Buch Hiob, er hat nämlich gehört, daß es das schwerste der ganzen Bibel. Bald nach Beginn des Unterrichts jedoch erfaßt ihn anstatt der Angst ein Gefühl sanfter Wehmuth und tiefen Erbarmens; er fühlt mit Hiob und gleichzeitig auch mit dem Melamed, der selber wie Hiob aussieyt. Nach dem ersten Capitel geht Chaim rasch zu dey folgenden über. Das erste betrachtet er nur als überflüssige Einleitung. Hiob's fabelhaftes Vermögen, seine Gesundheit und das Glück der ersten Jahre dünkt ihm ein unglaubliches Märchen; da jedoch, wo vom Satan die Rede ist, von den schrecklichen Schmerzen Hiob's, und wie er seinen mit Geschwüren bedickteu Körper mit einem Thonscherben kratzt, da fühlt sich Chaim in seinem Element, und beim dritten Capitel hat er seiner selbst schon ganz vergessen. „Und Hiob öffnete seine Lippen und — verfluchte den Tag, an dem er geboren-. Mit steigendem Eifer wiederholt er diese Worte, fährt fort mit Zorn, und zum Schluß klingt seine Stimme in den eigenartigen, sanften Lauten einer düsteren, heiseren Melodie aus. Die erschütternde Trauer seiner singenden Klage füllt das niedrige, vor Feuchtigkeit triefende Zimmer. Er weint über die Bitterniß von Hiob's Leben, er weint über das Elend seines eigenen Daseins. In solchen Augenblicken ist es ihm vollkommen einerlei, ob die Kinder seine Worte verstehen und ob sie dieselben hören; er weiß nichts von ihrer Anwesenbeit. Denn in solchen Augenblicken ist Chaim kein Melamed; für sich liest er das Buch Hiob, vor sich selber klagt, weint und schluchzt er;' sein eigener Schmerz entreißt ihm Worte der Empörung. So folgt Capitel auf Capitel. Den Trostworten von Hiob's Freund, Elifaz Hatemona, hört Chaim gleichgiltig zu, um dann wieder in desto lauteren Zorn auszubrechen. Und ch jammert er lange, lange, bis er heiser wird! Bis er sich selber an der düsteren Trauer der schmerzlichen Klage berauscht, bis ihm der Athem versagt . . . Dann ruht er aus und denkt nach . . . Und . . . zündet seine Pfeife an, und Rauchwolken entströmen Chaim's Lippen, indeß seine Gedanken seinen bisherigen Lebensweg verfolgen. Sein Leben glich ganz demjenigen Hiob's. Bitter, in Schmerz gebadet, war es im Ganzen ein einziger, langer Fluch. Und jetzt? Die Frau liegt krank zu Bett, die Kinder sind krank, einige von ihnen gestorben, vor Hunger, Kälte, oder erstickt in einem schwindsüchtigen Hustenanfall ... Er selber fühlt sein langsames Dahinsterben. Es schmerzt ihn das Herz, es schmerzt die hagere, eingesunkene Brust, cs schmerzen die von der Feuchtigkeit durchfaulten Rippen. So bricht er denn neuerdings in immer lauteres Klagen aus. Seine Worte klingen wie ein einziger Schmerzens- und Krankheitsaccord, denn seine Seele sehnt sich nach Schluchzen, sein kranker Geist muß fluchen! Und wieder kehrt Chaim zum dritten Capitel zurück: „Und Hiob öffnete seine Lippen, und — verfluchte den Tag, an dem er geboren". Ende. Literatur. Nruc Bücher: Moritz v. Engel. T r a n s a c t i o n e n. Schauspiel. Verlag von Eduard Aveuarius. Leipzig, 1902. Rudolf Christoph Jenny. Der No r n e n g ün st l i n g. Ein Märchcnspiel. Tiroler Vermag, Innsbruck. Dr. Heinrich Berger» Rabbiner in Krotoschin. Der Commentar des R. Benjamin b e n I e h nd a zu den Sprüchen. (Sonderabdruck aus der Monatsschrift für „Geschichte und Wissenschaft des Judenthums" Heft 3—4 und 8—9.) A d- A l k a l a y & Sohn, Preßburg, 1901. Rabbiner Dr. 4td. Frankl-Grün. Kleiner Weinberg. Exhorten für das ganze Schuljahr, gehalten beim Jugendgottesdienste in der Synagoge zu Kremsier. Preis K 2.50. Commissionsverlag I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 19ol. Briefkasten. G. M. München. Die Geschichte des jüdischen Amtsrichters, der confessionslos wurde und dem die baierische Regierung bedeutete, er möge wieder mosaisch werden, ist nicht übel. K. Ein englisches Parlamentsmitglied, Markham, hat die südafrikanischen Millionäre Beit, Ecksteins und Genossen „Diebe und Schwindler" genannt und ist deswegen verklagt worden. Der Proceß schwebt noch. Wir kennen den Beleidiger nicht und nicht die Beleidigten; wir wissen auch nicht, auf wessen Seite das Recht ist. Die Wiener antisemltische Preßmeute ist glücklicher daran. Sie weiß, daß die Beleidigten Juden sind, und folglich weiß sie auch, daß die beleidigenden Behauptungen auf Wahrheit beruhen. Diese betreiben die Lüge als Cultus. L. 41». in Stryj. Der 25. Llarebesebrvan 5634 war Samstag am 15. November 1873. R. Die N ä h m a s ch i u e n - A c t i e n - G e s e l l s ch a f t Singer u. Comp, veröffentlicht in der Esseker „Drau" ein Inserat, daß sie einen „Jncassoverkäufer" (Christen) suche. Sie hat recht. Es wäre angezeigt, wenn die Gesellschaft ihre Maschinen auch nur an C h r i.st e n verkaufen möchte. K. tn Wien. In seinen „Mittheilungen über Goethe" sagt Niemer, Seite XXIX der Vorrede: „Ein offener, dem Gesicht sich stellender Gegner ist ein ehrlicher, gemäßigter, einer, mit dem man sich verständigen, vertragen, aussöhnen kann; ein versteckter hingegen, ist ein niederträchtiger, feiger Schuft, der nicht so viel Herz hat, sich zu dem zu bekennen, was er urtbeilt, dem also nicht einmal etwas an seiner Meinung liegt, sondern nur an der heimlichen Freude, unerkannt und ungestraft sein Müthchen zu kühlen. K. Ein anscheinend deutscher Jude Namens Philipp Lanterstetn, der kürzlich in Melbourne verstarb, vermachte von seinem hinterlassenen Vermögen im Betrage von 650 Lsir. die Summe von 300 Lstr. der Easternhill Syuagogue und einen ähnlichen Betrag zwei Freunden. Den Restbetrag aber vermachte er dem Staate, da, wie er sich in seinem Testamente ausdrückte, obwohl er ein Fremder war, die Regierung ihm für 20 Jahre lang erlaubt hat, sein Leben dort zu führen. PH. Lederer i. P. Wir haden die Verhandlungeu über die Orgelfrage entsprechend der Pflicht eines Zeitchronisten genau und getreu registrirt. Die Frage selber dogmatisch und theoretisch zu behandeln, erachten wir nicht als Aufgabe der „Oesterreichischen Wochenschrift". R. i. M. Die Zahl der Juden in Rußland bei einer Gesammtbevölkerung von 125,683 000 Einwohner beträgt 5,189.000. L. i. London: Professor Schlechter ist zum Mitglied der Commission für das Studium der Theologen an der Londoner Universität ernannt worden. R. i. Wien: In der Französischen Akademie sitzen nachstehende Juden: Prof. B r e a l (vergleichende Grammatik), I. O p p e r t (Assyrologie), H W e i l l, Salomon R e i n a ch, H.D e r nb o u r g, der Physiker L i p p m a n n, der Astronom L ö w y, der Ingenieur Maurice Le v y und Michael L e v y, sowie Bischofsheim und seit dem 17. December der Philosoph Bergsohn. Der Abtheilung für Kunst gehört auch Barou Alfons Rothschild an.

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