Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 50 (13.12.1901)
- Date
- 1901-12-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 828 Dr. Vloch's Wochenfchrifk. Nr. 50 trat der hier sehr beliebte und tüchtige^ Lehrer Herr Ungar vor und hielt die Festrede. Nun sprachen alle Kinder die Segensspriiche über die Chanuka- Lichter, worauf diese von 2 Knaben angezündet wurden; nachdem von einem Knaben die Chanukalieder mit Uebersetzung vorgetragen und dann die erste Strophe von allen Kindern gesungen wurde, trat das Töchterchen des Obercantors vor und sprach ein auf die Feier bezughabendes Gedicht, mit solcher Verve und Betonung, daß es allgemeines Erstaunen erregte. Nun folgte Gedicht auf Gedicht, auch eines in unserer heiligen Sprache vorgetragen; man konnte es den Kindern von dem Gesichte ablesen, welche Freude sie hatten, wenn ein Bravoruf erscholl, und sämmtliche Vortragende waren bemüht, ihrer Aufgabe nach besten Kräften gerecht zu werden. Mit Absingung des Kaiserliedes schloß diese echt jüdische Feier, nachdem noch Herr Schulvorsteher Armin Birman namens des Vorstandes Worte des Dankes an Herrn Ungar gerichtet hatte. Nun folgte der Gottesdienst im hellerleuchteten Tempel. Nachdem Herr Obercantor Horn das Gebet beendet, bestieg Herr Rabbiner Dr. S. Mühsam die Kanzel, um in einer tiefdurchdachten, ideenreichen, meisterhaften Rede die Bedeutung des Chanukafestes der andächtig lauschenden Versammlung darzulegen. Die Rede hat bei allen Anwesenden einen tiefen Eindruck zurückgelassen. H. D. Agram, 9. December. Gestern hielt der auf Grund des neuen Gemeindestatuts gewählte weitere Ausschuß der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde unter dem Vorsitze des verdienstvollen Mitgliedes Herrn Wilhelm Schwarz als Alterspräsidenten die erste öffentliche, constituirende Sitzung ab, in welcher der seit einer Reihe von Jahren mit seltenem Verständnisse und ungewöhnlichem Eifer und Fleiß wirkende Präsident Herr Ingenieur Josef Siebenschein, Gemeinderath der Stadt Agram u. s. w. e i n st i m m i g zum Präsidenten der Agramer Cultusgemeinde wiedergewählt wurde. Der Enthusiasmus, mit welchem diese Wahl ausgenommen wurde, illustrirt am besten die segensreiche, hingebungsvolle und humane Thätigkeit dieses Mannes als Leiter und Führer unserer Gemeinde, der zur Krönung seiner bisherigen gott- und menschengefälligen Werke schon in nächster Zeit große und wichtige Fragen (Organisation der croatischslavonischen Judenheit, Reconstruction der Synagoge, Pensions- - statut rc.) einer gedeihlichen Lösung zuführen wird. Kräftige v Unterstützung wird der Präsident in den beiden e i n st i m m i g gewählten Bicepräsidenten, den Herren k. u. k. Hof-Architekten Leo Königsberg (wiedergewählt) und Advocaten Dr. Karl G o l d m a n n (neugewählt), finden, deren Intelligenz und reiche Begabung, deren Beliebtheit und deren Begeisterung für das Judenthum das in sie gesetzte Vertrauen voll und ganz rechtfertigen. In derselben Sitzung wurden in Anerkennung ihrer Tüchtigkeit und verdienstvollen Wirksamkeit gewählt: Zu Obmännern der vier Sektionen die Herren Wilhelm Schwarz, Salomon Wasserthal, Robert K o l m a r und Adolf R o s e n f e l d; zu deren Stellvertretern die Herren: Ignatz Granitz, Samuel O r n st e i n, Arthur B e t l h e i m und Emil von Weiß. Berlin. (DieRepräsentantenwahlen.) Schneller als sonst, trotz größerer Arbeit, ist diesmal das Ergebniß der Repräsentantenwahlen sestgestellt worden. Die conservative Liste ist vollständig gewählt; sie hat 5066 bis 4672 Stimmen (nach einstweiliger Zählung) auf sich vereinigt. Die liberale Liste hat es nicht auf 2500 Stimmen gebracht, die Zahl der zionistischen Stimmen ist unter 400. Berlin. In einer Sitzung des geschäftsführenden Ausschuffes des Hilfsvereines der deutschen Juden wurde nach eingehender Besprechung ein SubcomitL zum Studium der galizischen Frage eingesetzt und in dasselbe die Herren Dr. Nathan, Doctor Hildesheimer, Rechtsanwalt Timendorfer, Siegmund Berget, Sanitätsrath Maretzky, sämmtlich aus Berlin, ferner Herr Josef Wiesloch aus Frankfurt und Herr Rabbiner Dr. Werner aus München gewählt. Dieses Comite wird sich mit dem galizischen Hilfsverein in Wien in Verbindung setzen und alsdann dem geschästsführenden Ausschuß Vorschläge zu machen haben. Ferner wurde beschlossen, für die Vorschußcaffen in Rumänien, welche die Alliance isra6lite universelle auf Anregung des Rechtsanwaltes Plotke in Frankfurt einrichtet, eine Subvention von 10.000 Mark zu bewilligen, welche an die Alliance ausgezahlt werden sollen. Bezüglich der Propaganda wurde mitgetheilt, daß aus Berlin bereits rund 20.000 Mark eingegangen seien, daß aber die Agitation erst einen kleinen Theil der Gemeinde erfaßt habe und mit gutem Erfolge weiter fortgesetzt werde. Aus Dresden theilte der anwesende Herr Rabbiner Dr. Winter mit, daß das dortige Localcomite bereits 1400 Mark an Jahresb iträgen gesammelt habe, daß aber auch dort die Sammlungen noch nicht beendet seien. Aus einer Reihe von größeren Provinzstädten sind Bitten eingegangen, zu Versammlungen, welche nach Weihnachten veranstaltet werden sollen, Redner aus Berlin zu entsenden. Die meisten anwesenden Herren erklären sich bereit, gegebenenfalls einem derartigen Rufe Folge zu leisten. Mit Erledigung einiger kleinerer geschäftlicher Dinge schloß die Sitzung. Breslau. Im Fortschrittsverein referirte am vorigen Dienstag Kaufmann Felix Sander über das Thema ^Zionismus". Referent griff auf die historische Entwicklung der unter dem Namen „Zionismus" bekannten Bewegung innerhalb jüdischer Kreise zurück und legte dar, wie diese Bewegung aufzufassen sei; als eine einseitige Reaction gegen den Antisemitismus. Im Weiteren beleuchtete Redner das utopistische Staatengebilde, wie es in Herzl's Judenstaat gezeichnet sei, und suchte die Unmöglichkeit einer derartigen Staatengründung, wie sie Herzl ins Auge gefaßt habe, nachzuweisen. In der Discussion wurde von zionistischer Seite zunächst hervorgehoben, daß man über Herzl's „Judenstaat" längst z^r Tagesordnung übergegangen sei. Die zionistische Bewegung verfolge im Wesentlichen zwei Tendenzen. Einmal wolle sie Unterkunft schaffen für diejenigen Juden, denen im Auslande die Möglichkeit der Existenz durch Verfolgungen entzogen werde, und zweitens wolle man denjenigen Juden, die nicht gewillt seien, ihr Judenthum zu verleugnen oder sich deffen zu schämen, einen festeren Zusammenhalt bieten. Man gehe dabei von der Voraussetzung aus, daß es immer noch weite Kreise im Judenthum gäbe, die sich als eine besondere Nation fühlten, und dieses Nationalgefühl wolle man stärken. Darauf wurde erwidert, daß man gerade in der Auffassung der Juden als einer besonderen Nation eine reactionäre Tendenz erblicke, daß dadurch nur dem Antisemitismus Wasser auf seine Mühlen geleitet werde und daß es dem Liberalismus, dem das Judenthum ausschließlich seine Befreiung aus unwürdigen Zuständen zu danken habe, unmöglich gemacht werden würde, für die vollkommene Gleichstellung der Juden weiterhin einzutreten, wenn jene Sonderbestrebungen innerhalb des Judenthums die Oberhand' gewännen. Wollten die Juden in Deutschland für die Glaubensgenossen im Auslande helfend einireten, so gäbe es dafür ältere, bewährte Institutionen, die die Neubewegung des mit einer bedenklichen Nebentendenz verknüpften Zionismus überflüssig machten. Um diese Gesichtspunkte herum etwa bewegte sich die sehr lebhafte und lang ausgesponnene Debatte. Nachdem der Referent noch in einem Schlußwort seinen Standpunkt gegen die vorgebrachten Einwendungen vertheidigt und der Vorsitzende Doctor Oehlke ihm den Dank der Anwesenden ausgesprochen, wurde der Discussions-Abend geschlossen. Konih. Das „Konitzer Tageblatt" erzählt folgenden wunderbaren Vorfall: Eine nicht unwichtige Bemerkung machte jüngst in einem hiesigen Restaurant der Stadtverordnete Herr Heinrich, als von dem Winter'schen Mord die Rede war. Herr Stadtverordneter Heinrich bemerkte nämlich, daß der Mörder Winter's mit an dem Tische sitze, an dem er sich, in Gesellschaft mehrerer hiesiger Herren, gerade befand. Als die betreffenden Herren nun in begreiflicher Neugierde nähere Angaben, respective die Bezeichnung einer bestimmten Person von Herrn Heinrich verlangten, meinte Herr Heinrich, daß er es so nicht gemeint habe, wohl aber habe einer der an dem Tische niitsitzenden Herren Papiere in seinem Pulte, welche Aufklärung über die Mordthat geben könnten! Wir enthalten uns hierzu jedes Commentars und möchten nur bemerken, daß es wohl der Mühe werth wäre, zu erfahren, worauf sich diese Behauptung des Herrn Heinrich stützt. Warasdin. Dre im vorigen Monate vorgenommene Neuwahl des Vorstandes der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde gestaltete sich so lebhaft, wie noch nie zuvor. Zwei Parteien standen sich schroff gegenüber und auf beiden Seiten wurde kräftig agitirt und Stimmung gemacht. Die Verdienste des abgetretenen Vorstandes um unsere Gemeinde und ihre Institutionen sind jedoch so groß und so allgemein anerkannt, daß derselbe mit einer erdrückenden Majorität wiedergewählt wurde und nur wenige, unwesentliche Veränderungen in seiner Zusammensetzung aufweist. Die Agitation selbst aber, welche der Wahl vorausging, ist ein brmerkenswerthes Zeichen des lebendigen Interesses, das sich in unserer Gemeinde für jüdische Angelegenheiten kundgibt. Ein weiteres Zeichen hiefür bildet auch die schöne Chanuka- Feier, welche auf Anregung eines Mitgliedes des wiedergewählten Vorstandes Heuer zum erstenmale im Tempel abgehalten wurde. Am ersten Chanuka-Abend versammelte sich näm-