Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 46 (14.11.1901)
- Date
- 1901-11-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite,766 Nr. 46 Dr. Bloch's Wochrnschrist. geschrieben und haben sich mehrere Candidaten gemeldet. Einer Einladung folgend, beehrte Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Abraham Kurzweil aus Pirnitz unsere Gemeinde mit seinem Besuche, und hielt derselbe am Samstag den 2. November l. I. in der hiesigen Cultus-Synagoge während des Gvttesdievstes am Bormittag eine Predigt, welche sämmtliche Zuhörer geradezu bezauberte. Die Synagoge war bis auf das letzte Plätzchen von Gläubigen überfüllt, die andächtig den beredten, zu Herzen gehenden Worten des genannten Rabbiners lauschten. Der israelitischen Cultusgemeinde wäre zu dieser Acquisition aufrichtig Glück zu wünschen. Kopreinitz (Kroatien). Der Präsident der israelitischen Eultusgemeinde in Kopceinitz, Herr Jacob Hirschler, hat von Sr. Majestät dem König das goldene Berdienstkreuz mit der Krone verliehen erhalten. Bukarest« Eine Gruppe einflußreicher rumänischer Juden hat die in Bukarest täglich erscheinende Zeitung »Adeverul" gekauft, um darin die Agitation zu Gunsten der Emancipation der rumänischen Juden zu betreiben. Auch eine Liga von hochsinnigen Nichtjuden hat sich gebildet, die diese Emancipationsbestrebungen unterstützen wollen. Die übrigen rumänischen politischen Blätter, sämmtlich antisemittscher Tendenz, protestiren gegen diese Regung zu Gunsten der Juden und verlangen energische Maßregeln zu ihrer Bekämpfung. Feuilleton. Aus de« galixischen Leben. Ein Bild von Leo Herzberg-Frankel. (Fortsetzung.) Als Alexander zur ungewohnten Stunde nach Hause kam, konnte seine Frau einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken und fuhr erschrocken auf, als sie in sein verstörtes Antlitz blickte. »Du bist unwohl oder hast irgend eine Widerwärtigkeit erfahren, mein lieber Mann!" rief sie. Ohne zu antworten, schloß der unglückliche Mann die Zimmerthür und erzählte mit leiser, stockender Stimme das Ereigniß, das ihn heute so wuchtig betroffen. »Was ist nun zu thun?" frug er zuletzt seine Frau, die ihm ganz entsetzt zuhörte. »Es ist sehr schwierig", sagte diese; »zurücklegen kannst Du die Sache nicht, da Du nicht den Grund angeben kannst. Das eigene Kind, den eigenen, wenn auch entfremdeten Sohn einer wohl schweren Verurteilung zuzuführen, kann einem Vaterherzen nickt zugemuthet werden — wenn eine rasche Versetzung von hier möglich wäre —" »Nicht denkbar; überdies ist nirgeüds ein Posten zu besetzen und so rasch ginge es auch nicht." »So mußt Du an seiner Befreiung arbeiten." »Und wenn er schuldig ist?" Frau Perlowska schwieg. »Schließlich", sagte sie daun, »ist ja nicht jeder Beschuldigte schuldig. Vielleicht gelingt es ihm, seine Unschuld zu beweisen; vielleicht trägt die Mutter allein die Schuld? Ich denke, daß, wenn der junge Mann ein schlechtes Gewissen hätte, er sich gleichzeitig mit seiner Mutter geflüchtet haben würde." Man war so rathlos wie früher. . »Wirst Du Dich ihm entdecken?" frug die Frau. »Im. Falle es vermieden werden kann, nein. Uebrigens hängt es .Lavon ab, wie ich ihn finde und wie die Sache sich gestaltet." »Jedenfalls sei vorsichtig; behalte Dich ganz in Deiner Gewalt und vergiß nicht, daß Du von Feinden umgeben bist, die Dein Thun belauern und beargwöhnen. Lauter Antisemiten, mögen sie noch so freundlich thun." »Deider ja." Nach einer vollständig schlaflosen Nacht und ohne jeglichen Entschluß ging Adjunct Perlowski am nächsten Tag zur gewohnten. Stunde in das Amt. Es gelang ihm, die Herrschaft ühxr sich, selbst wieder zu gewinnen und über den Vater die Uniform des Beamten zu legen. Er überließ es den Umständen, sein Verhalten zu bestimmen, um aus der so schwierigen Situation herauszukommen. Er schellte; der Amtsdiener erschien. »Der Protokollführer und der Arrestant Pereles." »Der Protokollführer ist ausgeblieben, Herr Richter; seine Mutter war hier, sein Ausbleiben zu entschuldigen; er ist krank. Soll ich aus dem Expedit einen Schreiber holen?" frug der Amtsdiener. Doctor Perlowski hatte Mühe, seine Zufriedenheit zu verbergen. Der Zufall war ihm günstig; er konnte in der schwierigen Lage, in der er sich befand, seiner Eingebung freier folgen, ohne ein fremdes Auge fürchten zu müssen. »Nicht nöthig", erwiderte er rasch, »ich will keine Störung in der Manipulation verursachen und selbst schreiben." Wenige Minuten darauf wurde der Delinquent in das Zimmer des Untersuchungsrichters geschoben. Man muß ganz in die Tiefe Galiziens eindringen, in den dunklen Erdtheil Oesterreichs, in jene weltvergessenen Orte, die keine Straßen, keine Schulen, keine Morgenröthe einer Cultur haben und deren Einwohner, gleich der Kröte in. der Pfütze, in Zuständen verharren, die anderswo der längstvergangenen Zeit angehörten, um ein solches Prachtexemplar eines vorsintfluthlichen Dorfjüdelchens zu finden! Diese Orte sind die Kasernen des alten orthodoxen Judenthums, hier haust die treue Leibgarde, die es gegen jeden Sonnenstrahl, gegen Annäherung einer Assimilirung, wie die Derwische den Mohammedanismus, schützt und tapfer den alten Glauben und Aberglauben hütet — diese Garde ergibt sich auch dem zwanzigsten Jahrhundert nicht. „La garde meurt, mais eile ne se rend pas!“ Der junge Mensch, den die robuste Hand des Schließers hineinschob, war von schwächlicher, hinfälliger, unreifer Gestalt, fahl, welk, eine im unwirthlichen Grund kümmerlich vegetirende Pflanze. Das Gesicht fahl, der Blick matt, die Haare spärlich, Nase und Ohren stark vorstehend, die blutarmen Lippen aufgeworfen. Der schlotterige, baufällige Leib in einem schmierigen, übelriechenden Kaftan und auf dem Kopfe ein fettes Sammtkäppchen, das noch nie die unsanfte Berührung einer Bürste verspürte. Und so dumm der. Ausdruck, so blöd das Auge, so ängstlich die Bewegung! Wahrlich, wenn der Urvater Adam so ausgesehen hätte, würde der Schöpfer keinen Anlaß gehabt haben, sich seines Werkes zu freuen, unh wer angesichts dieses jungen Chaiml noch immer behauptet hätte, daß der Mensch das Ebenbild Gottes sei, würde eine Blasphemie begangen haben! Als der Richter die ersten Fragen an ihn richtete, bewegten sich seine Lippen, ohne einen Laut hervorzubringen, und was er dann doch hervorbrachte, war ein mühseliges Stottern mit kläglicher Stimme. Auf den armen Vater machte diese mißlungene Creatur einen vernichtenden Eindruck; wiederholt wandte er sich ab, trat an das offene Fenster, um sich zu erholen und seinen Schmerz zu meistern. »Mein Gott, der Junge hat keine Schuld. Wenn die Natur bei Schaffung eines Menschen schlechter Laune war und die spätere Erziehung den Mißgriff noch, mehr vertieft, die Fehler erweitert — was kann das arme Geschöpf dafür?" monologisirte Alexander in sich hinein. »Statt den schwächlichen Körper zu kräftigen, statt die geistige Unzulänglichkeit pädagogisch zu inocüliren, hat man den Jungen zu Wunderrabbis geschleppt, mit Amulets behängen, in eine dumpfe Stube gesperrt und ihn mit Dingen vollgestopft, die weit über seinen beschränkten Gesichtskreis gingen. Keine Ferien, keine Luft, keine Bewegung, kein Sonnenstäubchen Licht — ist es ein Wunder oder eiy Verschulden des armen Zungen, wenn er in der ungesunden Atmosphäre des Cheders degenerirte?" Der Adjunct setzte sich an seinen Tisch. »Treten Sie näher", sagte er in ruhigem Tone. Der junge Mann an der Thüre rührte sich nicht. »Wie heißen Sie?" »Chaim." »Wie noch?" »Chaim, blos einen Namen, Chaim." »Aber Ihr Familiennamen?" frug der Richter. Jener antwortete nicht. »Ihr deutscher Namen?" »Ah, deutscher Namen" — der junge Mann schien sich zu besinnen, er kam in der That so selten in die Lage, an seinen Familiennamen zu denken, — »mein Vater nannte sich Pereles; ich heiße blos Chaim, auch Chaiml."