Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 46 (14.11.1901)
- Date
- 1901-11-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 754 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 46 nicht gefunden, daß die Beschuldigung, die hochherzige kaiserliche Mildthätigkeit sei insofern auf unfruchtbaren Boden gefallen, als die großartig beschenkte, größtentheils jüdische Bevölkerung sich nunmehr vollends auf die faule Bank gelegt hätte und gar nicht mehr arbeiten wollte — sich aufrecht erhalten läßt. Mein Weg hat mich in der letzten Zeit oft nach Wystiten gebracht. Das Leben geht nach wie vor sowohl unter der christlichen, als wie auch der jüdischen Bevölkerung seinen gewohnten Gang. Dagegen muß ich rühmend hervorheben, daß die Wohlhabenderen unter den jüdischen Abgebrannten freiwillig zu Gunsten ihrer armen Leidensgenoffen. auch der Christen, verzichtet haben. Odeffa. (Eine kostspielige Facultät.) In Folge der rigorosen Verordnung des General Wannowski, der mehr Antisemit als Cultusminister ist, sind weit über 100 jüdische Abiturienten, welche in Odesia gerne Medicin studiren möchten, draußen geblieben, da dje „10 Percent* sehr bald erreicht waren. Im vorigen Jahre haben die obersten Behörden in Odeffa mit Erfolg bei Wannowski's Vorgänger um die Zulassung einer wetteren Anzahl jüdischer Abiturienten zum medicinischen Studium petitionirt. In diesem Jahre weigern sich jedoch die Behörden angesichts der bekannten Abneigung des Cultusministers gegen die Juden, eine solche Bittschrift einzureichen. Daher haben sich die draußengebliebenen jüdischen Abiturienten entschlossen, selber beim Minister ihr Glück zu versuchen und haben an ihn eine diesbezügliche von allen Petenten Unterzeichnete Bittschrift abgesendet. In derselben wiesen sie auf die in den Hörsälen der medicinischen Facultät zu Odeffa herrschende gähnende Leere und betonten, daß es sich doch für die Regierung kaum lohnen dürfte, für nur 182 Studenten eine ganze Facultät zu unterhalten. Warschau. Einen großem, einen unersetzlichen Verlust hat die hiesige unv Petersburger jüdische Gemeinde und mit ihr das .ganze Land erlitten. Am 20. October starb in Wiesbaden nach längerem Leiden der Banquier Hipolit Wawelberg. Trauernd stehen wir an der Bahre des Philanthropen, der im wahren, weitesten Sinne den Namen eines Freundes und Wohlthäters der Menschen verdient hat. Geboren im Jahre 1843, absolvirte der Verewigte das Real-Gymnasium in Warschau und trat dann in das neueröffnete Polytechnicum in Nowo-Aleksandrja ein. Als dasselbe in Folge politischer Wirren geschloffen wurde, setzte er seine Studien in der Berliner Handels-Akademie fort. Zurückgekehrt, arbeitete er erst in dem Bankhause seines Vaters in Warschau, übertrug jedoch binnen Kurzem seinen Wirkungskreis nach Petersburg, wo sich ihm ein entsprechenderes Feld zur Betätigung seiner bedeutenden finanziellen Begabung bot. Doch sein edles Herz konnte an Reichthum, persönlichem Glück und persönlichem Erfolg kein Genügen finden. Er strebte danach, seine Nächsten im weitesten Kreise an seinem Vermögen theilnehmen zu lassen. Voll Mitgefühl für die Leiden seiner Mitmenschen, suchte er dieselbe nach Möglichkeit zu lindern, und so gründete er eine Reihe von Institutionen, die sozusagen alle Gebiete des menschlichen Elends umfassen. Man verdankt ihm ein Ferienheim für kranke Kinder in Ciechocinek, ein Gewerbe-Museum, billige und gesunde Arbeiterwohnungen und eine mechanisch-technische Schule, die als Musteranstalt gelten kann. Trotzdem diese Gründungen namenlose Summen verschlangen, erschöpften sie seine Freigiebigkeit nicht. Dos neue jüdische Hospital hätte lange noch seiner Vollendung harren können, wenn der Dahingeschiedene durch ein Darlehen von 300.000 Rubeln dieselbe nicht ermöglicht hätte. Außerdem war er stets bereit zur Unterstützung schon bestehender Institutionen und übte private, sogenannte anonyme Wohlthätigkeit in der ausgiebigsten Weise. Auch benützte er seine Stellung und seinen Einfluß, um Juden — wo dies nur anging — ihre schwierige Lage in Rußland zu erleichtern. Hipolit Wawelberg's Jugend fiel in eine Zeit, da in Polen die Gleichberechtigung aller Stände, daher auch die Gleichberechtigung der Juden den besseren Elementen im Volke als Ideal vorschwebte und man dieselbe theoretisch und praktisch durchzuführen bestrebt war. Obgleich seit damals, wie in ganz Europa, so auch bei uns der Antisemitismus — aus der Nacht des Mittelalters aussteigend — seine schwarzen Fittige über das Land ausbreitete und das Morgenroth der Aufklärung verdunkelte, konnte und wollte Wawelberg den Glauben an die sonnigen Träume seiner Jugend nicht aufgeben. Unerschütterlich daran festhaltend, glaubte er an ihre, wenn auch verspätete Erfüllung, und hörte niemals auf, sich als Sohn und Bürger seines Landes zu fühlen. Dieser Vaterlandsliebe entflammte die Idee, die gelesensten Schriftsteller seiner Heimat in billigen, bei uns noch unbekannten Volksausgaben zu veröffentlichen. Er begann mit den Werken von M'ckiewicz, aus den er Sienkiewicz, Prus und die Orzeszkowa,, und schließlich eine specielle „Gewerbe-Bibliothek* folgen ließ. Sein Begräbniß gestaltete sich denn auch zu einer Manifestation, wie sie in diesem Umfange lange hier nicht gesehen worden. Acht Reden wurden an seinem Grabe gehalten, darunter drei von Nicht-Juden, und alle waren voll wahrer, tiefer Trauer ob seines Verlustes. Da man, dem Wunsche des Verewigten zufolge, seine Bahre nicht mit Kränzen schmückte, spendeten seine Freunde die für die Blumen bestimmten Geldbeträge zu wohlthätigen Zwecken, und die beträchtliche Summe, die daraus erwuchs, wird wohl manchen Kummer lindern, manche .Thräne trocknen helfen. Ehre dem Andenken des Heimgegangenen! Ein unvergänglich Denkmal in den Herzen der Menschen hat er sich errichtet und mit Recht kann die polnische Jud'enheit das Dichterwort auf ihn anwendeu: „Ja, sie haben Einen guten Mann begraben, Uns aber war er mehr". X. Vermischtes. Arische Rechtsprechungen. Im Jahre 1898 erschien in dem antisemitischen „Deutschen Volksblatt* unter der Aufschrift: „Wie sich die Juden bereichern* ein Artikel mit ehrenrührigen Mittheilungen über den Kaufmann Moriz G u t 1 m a n n zu Sarvar in Ungarn, welche diesen bewogen, gegen das Blatt die Ehrenbeleidigungsklage zu erheben. Diese Anklage fand ihre Erledigung durch eine Ehrenerklärung des „Deutschen Volksblatt", in welcher die Beschuldigten erklärten, daß.sie nicht im Stande seien, auch nur ein Wort dieser Mittheilung aufrechtzuerhalten oder zu erhärten, daß sie sich vielmehr überzeugt hätten, die wiedergegebene Erzählung sei Wort für Wort aus der Luft gegriffen; sie fügten bei, daß sie die Aufnahme der vollständig erfundenen Mittheilung auf das Tiefste bedauern und an den Kläger die Bitte richten, dieses Bedauern zur Ken ntniß zu nehmen und die von ihm erhobene Anklage gegen Kostenersatz zurückzuziehen. Die Bemühungen des Klägers, den Autor, das ist den Erfinder dieser Mittheilungen, zu eruiren, waren schon damals vergebens gewesen. Trotz des erwähnten, in so weit gehender Weise abgegebenen Widerrufes brachte das antisemitische Witzblatt „Kikeriki" am 5. und 12. Mai 1901 in zwei Bruchstücken, und zwar in einer Rubrik: „Zur Judenfrage. Internationale Wochenrevue des Kikeriki" wiederum dieselben Behauptungen. Diese besagten nichts weniger als Folgendes: Moriz G u t tm a n n habe einer Taglöhnerin, welche sich durch Verheimlichung des Fundes einer Regimentscasse 130.000 fl. angeeignet hatte, diese Summe entlockt, indem er, ihre Unkenntniß benützend, ihr je eine Tausend-Guldennote als eine Zehn-Guldennote abnahm und einwechselte. Auf diesem verbrecherischen Wege habe er sich ein stockhohes Haus in Sarvar und zwei Häuser in Steinamanger gebaut. Man munkle zwar und raune sich es zu: „An den Tausendern Guttmann's klebt Menschenblut." Vom strafrechtlichen Standpuntte sei jedoch die Sache verjährt und man könne dem Guttmann nichts anhaben. Vielleicht werde es aber doch dem Justizminister und der Militärbehörde beifallen, diese Sache ein wenig aufzurühren. Der so schwer beleidigte Herr Moriz Guttmann erhob nun durch Dr. Schneeberger die Ehrenbeleidigungsklage gegen den Herausgeber des „Kikeriki*, Fritz Gabriel Jlger, und den verantwortlichen Redacteur des Blattes, Josef Strecha. Der Letztere verweigerte in der Voruntersuchung jede Antwort darüber, in welcher Beziehung er zu dem incriminirten Artikel stehe. In der heutigen Schwurgerichts-Verhandlung gab er an, den Artikel nicht gelesen zu haben; es sei aber auch ein anderer Mitarbeiter bestimmt gewesen, diesen Theil des Blattes zu lesen. Auch stellte sich ein Herr I e k e l mit der Mittheilung vor, daß er es gewesen sei. der den incriminirten Aufsatz zum Drucke für den „Kikeriki* befördert habe. Eine Anklage gegen ihn konnte selbstverständlich der klägerische Vertreter heute, da die Verjährung eingetreten war, nicht erheben. Die Vertheidigung Strecha's sowohl wie Jlger's, welcher seine Abwesenheit durch Krankheit entschuldigt hatte, führte Dr. P o r z e r. Mit Rücksicht auf die Verantwortung Strecha's ersuchte ^Dr. Schneeberger um Stellung einer Eventualsrage wider