Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-10-25 · 43 (25.10.1901) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
43 (25.10.1901)
Date
1901-10-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021429--11246-3035773
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Ur. 43 Jahrgang XVIII r 4 Dr. Bloch’s Centralorgsn für die gelammten Interessen des Iudenihums. A. ft. Pofifparcassen-Anlk Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Aedsctton und Administration: Wien IX/1, Berggaffe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. #= Wien, 25. Vrtober 1901. Erscheint jeden Freitag. -p— - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Dloch's Wochenschrift, Wien. »eMgsprri» für Srstrrrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller, Für'» Ln»l and: Halbjährig 10 Aronen. Ganzjährig 20 . Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. G Inhalt. Leitartikel: Der Kampf^um die Staatsgrundgesetze. — Der neugewählte Präsident der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", Herr Maximilian Paul-Schiff. — „Frauenhort", Frauen-Wohlthätigkeitsverein im Bezirke Alsergrund in Wien. — Amtsvorstand Gustav Wiener. — Nehemias und seine social-politischen Bestrebungen. — Correspondeuzen: Israelitische Cuttusgemeinde Wien. Die Juden im Deutschthum. Podersam, Budapest, Oedenburg. Die Toleranz des Erzbischof Samassa. Prag, Karlsruhe, Kassel, Berlin, Paris, London. — Vermischtes: Wien, Proßnitz, Bielitz, Bielitz-Biala, Lemberg, Troppau, Czernowitz, Hamburg, Adrianopel. — Feuilleton: Aus dem galizischen Leben. — Briefkasten. — Warnung. — Danksagung. — Inserate. Der Kampf «m die Ktaatsgraadgesetze. Die Phrase vom „Ueberwuchern des jüdischen Einflusses" ist hundertmal in ihrer ganzen Hohlheit und Nichtigkeit beleuchtet worden. Hundertmal ist uachgewieseu worden, daß die Staatsgrundgesetze in Ansehung der Juden nur ein Fetzen Papier sind, der Niemanden hindert, seinem confessionellen Hasse und seinem wirthschaftlichen Eigennutze die Zügel schießen zu lassen, daß die confessionelle Gleichberechtigung längst zur heuchlerischen Phrase geworden ist. Die politischen Parteien bekennen sich durch offene Betonung oder feiges Verschweigen des Judenpunktes zum Antisemitismus, sie nehmen wohl die Stimmen der Juden, aber sie prügeln sie hinterher. Gesellschaftlich ist der Jude längst auf den alleinigen Verkehr mit Seinesgleichen zurückgedrängt, eine Thatsache, die allerdings die erfreuliche Wirkung nach sich gezogen hat, daß sie das Selbstbewußtsein, das Ehr- und Solidaritätsgefühl unserer Glaubensgenossen erheblich gestärkt hat. Im wirthschaftlichen Leben ist die Boycottirung jüdischer Geschäftsleute zu einer strafgesetzlich wohl verpönten, aber stillschweigend geduldeten Institution geworden. Auch vom Dienste in autonomen Körperschaften sind die Juden bereits gänzlich ausgeschlossen. Von Wien sprechen wir erst gar nicht; aber auch in der Provinz erfolgt kaum noch eine öffentliche Concursausschreibung, die nicht im offenen Widerspruch mit dem Gesetze die Beibringung des Taufscheines fordert. Nicht anders ergeht es unseren Glaubensgenossen bei der Bewerbung um Anstellungen bei den großen Actiengesellschasten, deren Wirksamkeit uns das Odium des „ausbeutenden jüdischen Capitals" zugezogen hat, obwohl Sprossen der hervorragendsten Adelsgeschlechter die Choragen des Tanzes um das goldene Kalb waren und sich an die Spitze des internationalen Jobberthums stellten. Die Eisenbahn- Gesellschaften, die Banken und Jndustrieunternehmungen stellen Juden nur soweit an, als es ihr geschäftliches Interesse erfordert. Bleibt also nur noch der Staat, der sogenannte Hüter der Gesetze. In den Ministerbureaus versichert man mit glatten Worten, so oft man es nur hören will, daß der Regierung nichts ferner liegt, als confessionelle Feindseligkeit. Die Thaten aber strafen diese Worte Lügen. Im Finanzdienste, im Justizdienste, im Eisenbahndienste — der politische Dienst war uns von jeher ein verschlossenes Eden — wird kein jüdischer Bewerber mehr angestellt. Bisher wurde dieser Zurücksetzung noch ein schamhaftes Mäntelchen umgehängt. Man hat sich auf die freie Würdigung der Qualifikation bezogen, ohne das confessionelle Moment ausdrücklich zu betonen. Aber nun hat man auch dieses durchsichtige Feigenblatt fallen gelassen. Seit dem Amtsantritte des Oberlandesgerichtspräsidenten Kallina wird kein Hehl mehr daraus gemacht, daß die Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben ein unübersteigliches Hinderniß für die Ernennung zum Auscultanten ist. In einer Zuschrift an die „Wiener Allgemeine Zeitung" hat ein „gebluffter Rechtspraktikant" die Erfahrungen, die er bei der Bewerbung um eine Auscultantenstelle machen mußte, mitgetheilt. Trotz ausgezeichneter Qualrfication wurde er zurückgewiesen. Auf seine mündliche Anfrage beim Personalreferenten, Oberlandesgerichtsrath Seidl wurde ihm die ungeschminkte Anwort: „Es besteht keinerlei Anstand gegen Sie, aber wir können Juden nicht anstelle n." Der Mann wendete sich nun um Aufklärung an den Oberlandesgerichts-Präsidenten selbst. Baron Kallina sagte ihm ebenso unverblümt: „Ich kann die Herren Israeliten nicht ernennen; es sind ihrer ohnehin früher allzuviel ernannt w o r d e n." Herr v. K o e r b e r hat auch nach seinem Amtsantritte an eine Deputation jüdischer Notablen die Aufforderung gerichtet, sich mit jeder Beschwerde vertrauensvoll an ihn zu wenden. Nun denn, wir erheben Klage vor ihm! Nicht die einfältige Klage, daß er der antisemitischen Hetze noch nicht Herr geworden ist, daß er die politischen Parteien und die bürgerliche Gesellschaft von ihrem Hasse gegen die Juden nicht zu curiren vermochte. In diesem Punkte brauchen wir keine Bundesgenossenschaft von nichtjüdischer Seite, das müssen wir mit unseren arischen Widersachern selber ausmachen. Wir haben uns auf diese Zustände schon eingerichtet, indem wir uns auf uns selbst und damit auf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.