Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 39 (27.9.1901)
- Date
- 1901-09-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 652 Dr. Bloch's Wochenfttzrrft. Sir. 89 Cherson. (Von den jüdischen Colonien.) Während der nun abgelaufenen zweijährigen Nothstandsperiode in Südrußland haben von den 23 jüdischen Colonien des Gouvernements Cherson nicht weniger als 18 sich als nothleidend erwiesen. Die Colonisten wurden dafür aber auch weit reichlicher unterstützt als die übrigen Juden des südrussischen Nothstandsgebietes, da ihnen nebst der privaten Wohlthätigkeit die Regierung sowohl als auch die Zewisfl Golonisation Association zu Hilfe geeilt ist. Von der Regierung erhielten die 18 jüdischen Colonien zum Ankauf von Saatgetreide und Brennmaterial, sowie zur Ernährung von Menschen und Vieh 40.655 Rubel, während die Jewish Colonisation Association ihnen Min Ankauf von Saaten und zum Ersatz der aus Roth verkauften Arbeitspferde 20.222 Rubel gab. London. (Briefwechsel mit Lord Salisbury über die Fremdeneinwanderung.) Das vor einiger Zeit gegründete parlamentarische Comite gegen die Fremdeneinwanderung hat unter Führung seines unermüdlichen Vorsitzenden, dem Colonel Sir Howard Vincent, seine Thätigkeit bereits begonnen. Dasselbe übersandte dem Lord Salisbury eine Liste von 59 Mitgliedern des Unterhauses, welche sich alle der sremdenfeindlichen Bewegung angeschlosten haben. Dem Verzeichniß war ein ausführliches, von Sir Vincent und Mr. S. F. Ridley unterzeichnetes Schreiben beigefügt, in welchem die Regierung an ihr mehrfach wiederholtes Versprechen erinnert wird, der Fremdenfrage ernstlich näher treten zu wollen. Solche Versprechen wurden namentlich in der Thronrede von 1896 und in der vom Staatssecretär Mr. Ritchie im Unterhause am 10. Februar 1897 abgegebenen Erklärung gemacht. Inzwischen ist die Gefahr, welche England von Seiten der Fremden droht, nur noch gewachsen. Seil 1897 sind in England 234.000 Fremde eingewandert. (Davon vergaß freilich Mr. Sir Howard Vincent ca. 50.000 Schiffer abzuziehen. Die Red.s Seit 1901 werden die^ Einwanderer überdies von den Agenten instruirt. den Beamten des Board ok Trades gegenüber zu behaupten, daß sie nicht nach England, sondern nach Amerika und Südafrika auswandern, wodurch die Zahl der nach England Auswandernden vermindert erscheint. Daher fordert das Comits, der Fremdeneinwanderung auf legislatorischem Wege entgegenzutreten und stellt die von uns seinerzeit mitgetheilten Forderungen auf. Natürlich ist in dem ganzen Schreiben von den Juden nicht mit einer Silbe die Rede und nur zum Schluffe desselben stellt Sir Howard Vincent seinen antisemitischen Pferdefuß heraus, indem er für den Fall, daß die Regierung sich um die für ihn „brennende" Fremdenfrage auch ferner nicht kümmern sollte, für die nächste Zukunft schon eine Volksbewegung „antisemitischen Charakters" in Aussicht stellt. Also handelt es sich in letzter Linie doch um die Juden. Lord Salisbury nahm das Schreiben des 59 Mitglieder zählenden „Parliarnentar? Committee on Pauper Alien Immigration“ sehr kühl auf und ließ von seinem Secretär an Sir Vincent folgenden Brief schreiben: Downing Street, den 14. August 1901. Sir, ich bin vom Lord Salisbury beauftragt, den Empfang Ihres Schreibens vom 10. d. M.. betreffs der Frage der Fremdeneinwanderung zu bestätigen. Ich bin beauftragt, Ihnen für die in diesem Schreiben enthaltenen Information« n den Dank seiner Lordschaft auszusprechen und Ihnen mitzutheilen, daß dieser Materie sorgfältige Aufmerksamkeit gewidmet werden wird. Ich habe die Ehre u. s. w. London. (Die Juden als Soldaten.) In der Fortsetzung seines Berichts an den Kriegsminister vom April d. I. hebt Marschall Roberts eine weitere Reihe von Namen derjenigen Soldaten und Civilisten hervor, welche, sich in dem südafrikanischen Kriege in hervorragender Weise ausgezeichnet haben. Es befinden sich darunter nicht weniger als 21 Juden, welche bei der Infanterie, Cavallerie und Artillerie sowie beim Train stehend, sich um die Sache Englands verdient gemacht haben. Auch von der Aeomanry sowie von den Cityfreiwilligen haben sich je zwei Juden verdient gemacht. Endlich wird auch eine junge Dame, das Frl. S. Jewel, lobend ermähnt, welche sich in Kimberley als freiwillige Krankenpflegerin hervorragend verdient gemacht hat. Die alttestamentarischcn Namen Abraham, Isaak und Jacob sowie Nathan und Ascher, welche in dem Bericht wiederholt Vorkommen, müssen den englischen Antisemiten einigermaßen zu denken geben. Daneben figuriren Namen, wie Schlesinger, Marx, Frank und Altmann, welche deutlich beweisen, daß die Wiege dieser englischen Patrioten nicht in England, sondern in Deutschland oder vielmehr in Polln gestanben hat. London. (Gründung einer antisemitischen Fraction im englischen Unterhause.) Die schon seit Jahren auch in England bestehende antisemitische Partei hat am, 24. Juli ihre parlamentarische Sanction erhalten. An diesem Tage trat nämlich im Comittzraume des Unterhauses eine Anzahl Parlamentarier zusammen, um über Mittel und Wege zur Verhinderung der Fremdeneinwanderung zu berathen. Die Herren constituirten sich zu einem „Parlamentär? Pauper Alien Immigration Gomite“, worauf der Vorsitzende der neuen Fraction, der unseren Lesern bekannte famose Howard Vincent, die erfreuliche Mittheilung machte, daß der Fraction bis jetzt bereits 52 Mitglieder, darunter auch einen — Juden, das bekannte Mitglied von East-London, den braven Mr. H. S. Samuel, zählt. Bon der liberalen Partei ist zwar nur ein einziger Abgeordneter, der Mr. Henry Norman, Mitglied des Unterhauses für Bolverhampton, beigetreten, allein eS sind bereits sehr zahlreiche Zustimmungserklärungen auch von Vertretern dieser Partei eingelaufen. Die Vertreter East-Londons, das heißt sämmtliche conservativen Mitglieder des Unterhauses, welche mehr oder weniger mit Hilfe der russischen Juden gewählt worden sind, gehören alle der neuen Fraction an. mit Ausnahme des jüdischen Abgeordneten Stuart M. Samuel. Ihren großen Erfolg verdankt die neue Partei der Thatsache, daß ihre Führer sorgfältig ihr Endziel zu verbergen wissen und hartnäckig behaupten, keine bösartigen Antisemiten, sondern harmlose „Antialienisten" zu sein. Die am 24 Ju'i, am Abend der Constituirung der neuen Fraction. gefaßten Beschlüsse erwähnen die Juden auch nicht mit einer Silbe, obwohl alle Anwesenden ganz gut wußten, daß sie vorzüglich auf die russischen Juden gemünzt sind. Dieselben gipfeln darin,, die Regierung des Lord Salisbury anfzufordern, Mittel und Wege zur Verhinderung der Einwanderung fremder Paupers vorzuschlagen. Die Regierung soll namentlich aufgefordert werden, die seinerzeit von den Lords Hadwieck und Salisbury vorgeschlagene Bill wieder einzubringen und dieselbe durch Einschiebung der §§ 3 und 4 noch zu verschärfen. § 3 soll lauten: Die vom Board of Trades eingestellten Jnspectoren haben daS Recht, jedes einen englischen Hafen anlaufende Auswandererschiff zu betreten und die Passagire zu inspiciren. Die Jnspectoren sind auch berechtigt, jedem Fremden das Landen, zu verbieten, falls dieser nach ihrer Ansicht ein Idiot, kränklich oder arm, oder mit einer ansteckenden Krankheit behaftet ist. § 4. Fremde, denen das Landen verboten wurde, müssen nach dem Einschiffungshasen zmückgeschickt werden. Die vom Board ok "Trades zu bestimmenden Kosten des Rücktransportes hat der Eigenthümer des Schiffes zu tragen. Hier ist von Juden gar nicht die Rede. Mr. Howard Vincenb ging sogar so weit, vom Präsidentenstuhl herab an der« Vertreter der „Jewish Chronicle", der der Sitzung als Berichterstatter beigewohnt hatte, im Namen der Versammlung das Wort zu richten, um ihn zu versichern, daß in der von ihm geleiteten Bewegung nicht die.Spur von Antisemitismus sei. „Im Gegentheit, wir achten die Juden", betheuerte er, „und wir bewundern die Rolle, welche sie in dem gegenwärtigen Kriege spielen". Die'Bewegung liegt ebenso im Interesse der Juden, wie in dem der übrigen Bevölkerung Englands. Als Vertreter der jüdischen Interessen und bei Leibe nicht als Antisemit präsentirte sich dem Berichterstatter auch Major Evans Gordon, der hoch und heilig versicherte, die Juden zu lieben und zu achten. Würde es sich um die Einwanderung armer Christen handeln, wir würden diesen gegenüber genau dieselbe Stellung einnehmen. (Na, na! Red.) Auch Mr. Gordon versicherte, nur im Interesse der Juden (welche ihn thörichterweise ins Parlament geschickt haben! Red.) zu handeln, da, wenn die Regierung unthätig bleibt, das Volk von London sich selber helfen werde. Demgegenüber erinnern wir daran, daß auch weniger verschämte Antisemiten als die Herren Vincent und Gordon, nämlich Ehren-Stöcker, Lueger und selbst Max Regis gelegentlich behaupten, im Interesse der Juden selbst und behufs Verhinderung eines allgemeinen Volksaufstandes gegen die Juden zu handrln, wenn sie die Regierung bedrängen, die Gleichberechtigung der Inden anfzuheben. Die Heuchelei der englischen Antisemiten ist uniso verächtlicher, als Mr. Gordon selber zugeben mußte, daß die von dem Board ok "Trades seinerzeit veröffentlichten Zahlen über die Einwanderung von Juden in England auf Zuverlässigkeit feinen Anspruch machen können und daß weder die Zahl der nach England alljährlich einwandernden Juden noch weniger aber die Zahl der Paupers unter ihnen eine irgendwie nennenswerthe Höhe erreicht. Er vermag auch das Wort „Paupers" selbst kaum zu definiren und kann dafür nicht bürgen, daß der von dem Board ok "Trades angestellte Inspektor seine ausgedehnte Vollmacht «licht mißbrauchen werde, um jüdischen Handwerkern, Künstlern oder Gelehrten, die zwar viel Geist aber ,kein Geld besitzen, den Eintritt in England zu verbieten. Die