Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 38 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 38 Dr. BlOCh Jahrgang XVIII Tentralorgan für die gessmmten Interessen des Indenthums. W ien, 20. S eplemb er 1001 -4—»» •>«< ■- Lrsch eint jeden Freitag. --» -t—H- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Srrugsprris Kr Srfterrrtch Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. % A. ft. postsparraffen-Anit Clearing -Verkehr Nr. 810.976. Nrdaction und Administration: Wien IX/1, Berggaffe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. Inhalt. Leitartikel: Die internationale Anti-Duell-Bewegung. — Zerrissene Verträge. — Anarchismus und Antisemitismus. — Liajiloka 8edktnkor boir ^'üaom lau jeekraü? — Vom Jahrmarkt des Lebens: Ter arme jüdische Hausierer. Ein antisemitischer Ehrenmann. Eine Verurtheilung wegen des Blutmärchens. Zur Naturgeschichte des antisemirischeu Preszbandlleuthums. Zur Schächtfrage. Der Jude als Patriot., Die Juden als Landwirthe. „Die geistige Eultur der semitischen Völker." Eure jüdische Königin von Bulgarien. — Ein Prediger'in seinen Predigten. — E o r r e s p o n d e n s e n : Israelitische Enttiisgemeiiide Wien. Wien. Dukla, Skotschau, Proßnitz, Budapest, Warschau, Wilna, Kischinew, Bloemfontain. Wittebsk, Kiichinew, Petersburg, Liverpool. London. Philadelphia. - Vermischtes: Wien, Prag, Straßnitz, Lemberg, Eisenstadt, Preßburg, Troppau, Jassy. - Feuilleton: Das Seelenlicht. Unsere Feiertage. Der UnsWans tokef. Schrecken der Verwüstung. — Literatur. — Brieflasten. — Inserate. — Die internationale Anti-Dneü-Kewegnng. Mitten in die Barbarei und zunehmende Verrohung unseres vom Racen- und Classenhaß erfüllten Zeitalters fällt die Bewegung gegen das Duell, die von dem Sproß eines der angesehensten und frommglüubigsten Fürstengeschlechter, dem Jnfanten Don Alsonso von Bourbon, entfacht wurde. Die hochherzige Initiative des edlen Jnfanten, dem die Gebote seines Glaubens auch Gebote der Menschlichkeit sind, hat in den adeligen Kreisen Frankreichs und Deutschlands lebhaften Anklang gefunden und auch schon in Oesterreich bedeutsame Wirkung geübt. Die Bewegung stützt sich auf das Verbot der Kirche gegen das Duell und sie ist daher zunächst eine katholische. Da aber das erwähnte Verbot nichts anderes als die Reception des im jüdischen Decalog ausgesprochenen Grundsatzes: „Du sollst nicht morden!" ist, so dürfen wir die katholische Duell-Bewegung unserer Tage mit gutem Gewissen als eine Emanation jüdischen Geistes, als einen Ausfluß der humanistischen Idee des Judenthums bezeichnen und deshalb auch vom jüdischen Standpunkte aus mit inniger Freude begrüßen. Der im Decalog ausgesprochene Schutz des menschlichen Lebens ist im Talmud noch weiter üusgebaut worden, so zwar, daß selbst Nothwehr und fahrlässige Tödtung dem Morde gleichgestellt werden. Es heißt im Talmud: „Wenn mau zu zehn Personen sagt: So Ihr nicht Einen von Euch ausliefert, werdet Ihr Alle umgebracht, müssen sich alle Zehn umbriugen lassen", und weiter: „Bei Lebensgefahr darf jede religiöse Satzung, jedes Gottesgebot übertreten werden, nur nicht das Verbot des Mordes. Wenn Dir einer zuruft: „Morde oder ich tödte Dich, so muß man sich tödten lassen, um keinen Mord zu begehen."" Diese heilige Scheu vor gewaltthätiger oder fahrlässiger Verletzung des Lebens seiner Mitmenschen ist jedem Juden tief eingeimpft, und wenn Don Alfonso in seinen öffentlichen Kundgebungen mit Recht jenen hohen moralischen Muth preist, der selbst den Vorwurf der Feigheit nicht scheut, um die Gebote der höchsten Menschlichkeit zu erfüllen, so haben wir Juden jederzeit die vollgiltigsten Proben dieses moralischen Muthes gegeben. Der Jnfant sieht in dem Duell einen traurigen Beweis, wie weit die Macht des Vorurtheils zu gehen vermag. „Nur Diangel an Muth", sagt er, hält es aufrecht, jene moralische Feigheit, welche die hartnäckigste und verächtlichste von allen ist. Man verschweigt seine Meinung über diesen Gegenstand aus Furcht, daß seine Stimme nicht in das Concert der übrigen passe Unter diesen Leuten finden sich die Vertheidiger des Duells, dieser barbarischen Sitte, welche angeblich beibehalten werden muß, um den Muth in der Welt nicht aussterben zu Lassen. Solchen . Vorurtheilen, solcher Feigheit, die in das Geheul einer bethörten Menge wider besseres Wissen miteinstimmt, verdanken die Juden ihre tausendjährige Verfolgung, deren Unmenschlichkeit Fürsten und Päpste wohl erkannt hatten, ohne ihr zu steuern. In diesem tausendjährigen Leiden haben die Juden durch ein beispielloses Martyrium bewiesen, daß es ihnen wahrhaftig an aufopfernder Tapferkeit, an dem Muthe der Ueberzeugung nicht fehle. Auch kriegerischen Sinn haben sie in den Befreiungskämpfen der Makkabäer zur Genüge bekundet, aber den Zweikampf haben sie in treuer Befolgung der göttlichen Lehre von der Nächstenliebe stets verabscheut. Das Duell ist nicht jüdischen und nicht christlichen Ursprungs, es ist eine rein arische Institution, und die Anti-Duell-Bewegung, die heute die katholische Welt erfaßt, ist die Reaction des Semitismus gegen das Arierthum oder noch richtiger: des in den semitischen Völkern zur höchsten Ausgestaltung gelangten humanistischen Principes gegen die Barbarei des Germanenthums, dessen altheidnische Anschauungen die Kirche nie ganz besiegen konnte und daher stillschweigend geduldet hat. Allerdings haben auch Juden da und dort zeitweilig die Sitten und Unsitten ihrer sogenannten „Gastgeber" angenommen, und so entstanden vor Jahren an den Universitäten von Wien und Prag jüdische Studentenverbindungen, die in Nachahmung des arischen Burschenwesens sich zur Mensur stellten und deren Mitglieder als Schläger gefürchtet waren. Auch das war eine vollwerthige Probe auf den von antisemitischer Seite so vielfach angezweifelten, persönlichen Muth der Juden. Die Furcht vor jüdischen Klingen ging den arischen Heldensöhnen so tief ins Blut, daß sie feige auskniffen und sich hinter der billigen Ausflucht verschanzten,