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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-08-30 · 35 (30.8.1901) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
35 (30.8.1901)
Date
1901-08-30
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 35 Seite 591 Kr. Sioch's Wochrnschrtslo treffen. Aber vergeblich. Cheile saß da oben in der dunstigen Luft der Weiberichui', öas aue vlckc A-Iaellsor') vor sich unv betete mit einer Andacht, als hätte sie alle die vielen Sünden, die in t»rr großen Widu4) aufgezählt sind, selber begangen unv sollte dafür Vergebung erflehen. Und was sollte sie eigentlich da unten thnn? Wem siel es ein, nach ihr zu fragen? Ob sie gut oder schlecht fastete, das war ihre eigene Sache» das hatte ja für keinen Andern Interesse. Schon wollte sich David unmuthig zurückwenden und, wie er es vorhin beabsichtigt hatte, zu Rosenberg's gehen, um Flora aufzusuchen, doch horch! Es ertönte aus dem Innern der Synagoge, deren Fenster weit offen standen, die Melodie eines Gesanges heraus, welche seltsame Erinnerungen in dem jungen Künstler erweckte. Aber nicht er allein harte diese Töne vernommen. Die ganze Schaar der Außenstehenden stürmte in wilder Hast der Tyure zu, welche in die Schule führte, sich gegenseing zurufend: Beim llnessane tokef hält man schon, geschwind, daß wir ihn nicht versäumen! Der Sänger mit der glockenreinen Stimme blieb allein draußen zurück mit andächtig gefalteten Händen und dem Liede lauschend, welches der alte Chase» da drinn' mit heiserer Stimme und vom Fasten trockener Zunge vortrug. Feibtfch hätte diesen Gesang schöner angestimmt, und er gewiß auch, denn dieser Gesang, den er da hörte, hätte dem sangeskunvlgen Meister Polansky höchstens ein mitleidiges Lächeln entlockt, ihn aber nicht, wie dort in dem nahen Wäldchen, mit unwiderstehlicher Gewalt zu dem kleinen Schnorrersjungen gezogen. Aber er, der erste Sänger der Wiener Oper, stand da bei Anhörung dieses Gesanges, hingerissen in Audacht und Erkenntniß des wahren einzig einigen Gottes, des Gottes Abraham, Isaak und Jakobs, des Gottes, welcher sich Israel aus allen Völkerschaften zu seinem Elgenthum erkoren. Der Unessane tokef war zu Ende, und die Stimme der Gemeinde erscholl begeistert im hehren Lobgesange: „Heilig, heilig, heilig ist der Gott Zebaoth, die ganze Welt ist voll seiner Heiligkeit." Da litt es David nicht länger unter den Fenstern des Heiligthums. Hlnelnzog es ihn mit geheimnißvoller, unwiderslehllcher Macht, und er kam gerade zurecht, um in Gemeinschaft mit seinen ueugesundeuen Glaubensbrüoern das Glaubensbekenntmß: „Höre Israel! Der Ewige unser Gott ist em einziges Wesen", anzusttmmen. — — Der Schames 3) wies dem fremden jungen Manne, einen zufällig leerstehenden Sitz an und brachte ihm ein mit deutscher Ueversetzung versehenes Machsor, worin David andächtig zu beten begann. Ec, der durch viele Jahre kein Belhaus irgend einer Confessio» ocsucht hatte, und in Religionssachen solch eine Indifferenz bewies, daß es ihm ohne rechizerliges, energisches Eingreifen des Vaters ganz einerlei gewesen wäre, baß er seine angestammte Religivli, die ihm eigentlich fremd war, mit der ihm ebenfalls so ziemlich fremden katholischen vertauscht hätte — er lag bei dem Oleuu-Gevete gleich den anveru strengorthodoxen Juden in Andacht aufgelöst auf den Knieen und dankte aus iunerstem Herzen seinem Schöpfer dafür, daß er ihn heute gewürdigt halte, in Gemeinschaft Mit so vielen Andächtigen sein Lob anzustlmmen, und ihn davor geschützt hatte, einer jener Menge zu werden, welche sein Volk bedrücket und verfolget. Der Ernst und die Andacht Davio's waren so echt und ungekünstelt, seine Reue eine so aufrichtige, daß es seinem Sitznachbar ausgefallen war, umsomehr als dieser alsbald bemerkte, daß dem jungen Manne die Gebräuche in der Synagoge so ziemlich unbekannt waren und er im Machsor fast gar nicht Bescheid wußte. Letzterem Uebelstande half der freundliche Herr nach Möglichkeit ab, indem er ihm die eben recitirten Gebete aufmischte und ohne zudringlich zu sein in Allem unterwies. War das ganze Wesen und Benehmen David's seinem Sitznachbarn ausfallend und unverständlich gewesen, so wurde es dies noch in erhöhtem Maße, als der Cyasen die Recitativn des Sündenbekeuntnisses begann, welches Satz für Satz von der andächtigen Gemeinde stehend und mit reuevollem Schlagen an die Brust nachgebetet wird. Da stand David in voller Zerknirschung, den Kops auf die Brust gesenkt und Thränen rannen dem reuigen Sünder bei manchem Bekenntniß üoer die bleichen Wangen. So war es Abend geworden. Als einer der Letzten verblieb David im Bethause. An seiner Seite, dessen endlichen Aufbruch abwartend, der freundliche 1) Festgebete. 1 2) Sündenbekenntniß. *) Synagogendiener. Herr. Zahlreiche Bekannte hielten sich beim Verlaffen der Synagoge bei dessen Sitze auf, ihm die Hand zu reichen und den üblichen Wunsch auszusprechen: Mögest Du in das Buch des glücklichen Lebens verzeichnet und besiegelt worden sein. Er selber ging noch immer nicht fort. Daß er einer der Vornehmsten der Gemeinde war, zeigte sich an dem ersurchtsvollen Gruße, den alle Vorübergehenden ihm boten. Endlich erhob sich David, um sich zu entfernen. Da stand der Fremde ebenfalls von seinem Sitze auf. Gestatten Sie, mein Herr, wendete er sich an David, daß ich Sie für heute Abend in mein Haus einlade, um sich daselbst nach dem Fasttage durch einen kleinen Imbiß zu stärken. David wurde ganz verlegen. Wie hätte er auch eingestehen mögen, daß er heute Morgens wie an einem gewöhnlichen Tage gefrühstückt hatte, und dann im Laufe des Vormittags mit Postpferden hier angelangt war, dann mit bestem Appetit gut Mittag gespeist hatte, und nur zufällig, um seine alte Freundin, die Schlafstätterin Cheile zu sehen, vor die Synagoge gekommen war, wo ihn die Töne ves Une33ane tokef hinein in das Gotteshaus lockten und drinnen mit allmächtiger Gewalt die Reue und Erke ntniß über ihn gekommen war. Gewiß hätte sich der fromme Herr voller Abscheu von solch einem veroerbten Judenkind abgewendet. Der Herr bemerkte die Verlegenheit, welche sich in Folge dieser Einladung des jungen Fremden bemächtigt hatte, und fuhr entschuldigend fort: Ich nehme natürlich an, daß Sie hier fremd sind. Sollten Sie jedoch schon anderweitig versorgt sein, so bitte ich, meine Einladung als nicht geschehen zu betrachten. Nicht doch, mein Herr! Ich nehme Ihre freundliche Einladung eben so gerne all, als sie hoffentlich gegeben wurde, hoffe auch, daß ich keinerlei Störung in Ihrem Familienkreise hervorbringen weroe. Mein Familienkreis ist nur sehr klein, erwiderte der Herr, und David schien es, als stehle sich bei diesen Worten ein leiser Seufzer über seine Lippen. Liebe Gäste sind bei uns immer gerne gesehen, ohne daß sie eine Störung verursachen, und ein so fromnier Beter, wie Sie es sind, darf am Mazeh Jom Kipur auf eine weitgehendere Gastfreundschaft Anspruch machen, als sie ihm mein einfaches Haus bieten kann. (Fortsetzung folgt.) Vrtefkasten. L. Für den Schöpfer der Wiener Hochquellenleitung, den Wiener Ehrenbürger und Präsidenten der Akademie der Wissenschaften war es anläßlich seiner 7o. Geburtstagsfeier wohl die höchste Auszeichnung, daß die derzeitigen Machthaber der Stadt Wien sich gescheut haben — ihn zu beglückwünschen. P. Die Wiener Antisemiten, die den Grafen W a l d e r s e e unablässig feiern, werden sich freuen, daß der Feldmarschall in Göttingen ausschließlich den jüdischen Professor Geheimrath Ebstein besucht hat und hierauf wieder abgereist ist. St. Am Zootogen-Congreß hat Lord Rothschild aus London als Mitglied lherlgenommen. Er hat sich in der Schmetterlingökunde einen bedeutenden Namen gemacht. P. in Dresden. Die „Jnterconfesfionalität der Verbrechen und der Verbrecher" muß schweren Herzens auch die antisemitische „Sachsenschau" zugesrehen, der die Scandalgeschichten der letzten Zeit folgenden Schmerzensschrei abringen: „Kein Tag vergeht jetzt in Deutschland, an dem nicht die Blätter von niedlichen Scandalgeschichten und Sittenscandalen aus der „feinen" Gesellschaft zu berichten wissen. Eine Sternbergiade löst die andere ab, und es wäre Heuchelei, wollte man das „jüdische Volk allein als den Träger dieses Sumpfes hinstellen." Nein, hier schickt der Officiersstand, dort der Juristen-, dort der Kaufmanns stand Angehörige als Opfer der laxen Moral vor das Forum der Oeffentlichkeit und untergräbt selbst die Autorität, die man sonst ängstlich bewahren möchte." <£. in Berlin. Am 3v. d. M. fand die Rabbinerwahl in Ofen statt. Gewählt wurde Dr. Arnold Kiß. ». in Frankfurt a. M. Der hellenische Gelehrte Schreiner hat gefunden, daß Troja nichts anderes ist als wie Jericho, Josua der göttliche Dulder Odysseus, König Alkinoos, König Salomo, daß die Phäaken die alten Israeliten, und ihre zwölf Stammesfürsten selbstverständlich die zwölf Söhne Jacobs sind. Jacob selbst ist Polyktor, Jthakos ist Jizchak, Ptoralaos Abraham, Naufikaa ist Sulamith u. s. w., u. s. w. Nachdem die Antisemiten bereits entdeckt, daß Christus ein Germane, könnte dem Antisemitismus kein größerer Dienst erwiesen werden, als durch die Entdeckung, daß Homer ein verjudeter Epiker ist. Daher auch die vielen Scandalgeschichten aus dem Olymp. Einem Juden oder Judenknecht ist ja nichts heilig, nicht einmal die intimsten Göttergeschichten.

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