Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-08-30 · 35 (30.8.1901) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
35 (30.8.1901)
Date
1901-08-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021421--11110-3035629
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Ihr. 35 ■ BlOCh Jahrgang XVU1 Centralorgan für die gelammten Interessen des Indenthums. Wien, 30. August 1901. -—<■- Erscheint jeden Freit ag. ->— «t- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. m ■ =m K. ft. ^ostsparcasten-Amt jj Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Lrd artton und Administration. Wien IX/1, Berggaffe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. -■■■= ■ -% Se;ug»prri» für Srstrrrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare SO Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 20 ». Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller, rg X =^- --..-- ---- ==m Inhalt. Leitartikel: „Gottes ist die Vergeltung." — Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Zur Leidensgeschichte der Juden in Rumänien. Arische Justiz. Zur Naturgeschichte des Ritualmordes. Zur Schächthetze. Der israelitische Religionsunterricht in den Landgemeinden Böhmens. Statistisches. Von Augustus bis Alexander Severus. Ein Chinese über die Juden. „Der blamirte Antisemit." Nabel Löwenstein und Ludwig van Beethoven. — David Kaufmann. — Correspondenzen: Zum 70jährigen Jubiläum des Dr. Alfred Stern. Eduard R. v. Gniewosz. Wien, Salzburg, Zwittau, Kaiserfeier im „Kaiser Franz Josefs-Ferienheim". Prag, Kronstadt, Hamburg» Bukarest. Paris, New-Aork. — Vermischtes: Wien, Brünn, Praskales bei Hokowitz. — Feuilleton: Der Onsssano tokst. — Briefkasten. — Inserate. „Gottes ist dis Vergeltung." Die katholische Kirche in Oesterreich rüstet zu einem Abwehrkriege. In Leitmeritz und in Kremsier, im deutschen und im czechischen Sprachgebiete, haben am vorigen Sonntage unter der Patronanz des Hochadels und des Episcopats Katholikentage stattgefunden, auf welchen der Kampf gegen die „Los von Rom-Bewegung" inaugurirt wurde. Gleichzeitig hat aber auch in Leitmeritz eine deutsche und in Proßnitz eine czechische, wider den Clericalismus gerichtete Protestversammlung der freisinnigen Parteien stattgefunden, und die Ziffern, die über den Besuch dieser Meetings vorliegen, geben ein charakteristisches Bild von dem Kräfteverhältniß der feindlichen Heere. Der Katholikentag in Leitmeritz war von etwa 1000, die dortige Gegenversammlung von 6000 Personen besucht. In Kremsier zählte man 12.000 Theilnehmer am Katholikentage, dagegen fanden sich in Proßnitz 40.000 Theilnehmer an dem czechisch-freisinnigen Protestmeeting ein. Wir Juden haben keine Veranlassung, zu diesem internen Streite sachliche Stellung zu nehmen. Die „Los von Rom- Bewegung" war uns von jeher nicht nur unsympathisch, sondern geradezu unverständlich. In allen schmerzlichen Wechselfällen der Jahrtausende war uns Juden die Treue zur väterlichen Religion der Leitstern alles Thuns und Lassens. Um unseren Glauben zu retten, haben wir das Joch der Verbannung aus uns genommen, haben wir uns der Sprache, den Sitten und Anschauungen verschiedener Nationen anbequemt und unendliches Weh, unmenschliche Verfolgungen ertragen. Wir Juden haben es nie begriffen, wie man um nationaler oder politischer Vortheile willen seine Religion preisgeben kann. Man hat uns Schachergeist vorgeworfen, man hat uns verhöhnt, daß wir mit alten Hosen handeln! Aber sind die Führer der „Los von Rom-Bewegung", die mit alten Religionsprincipien handeln, nicht weit schlimmere Schacherer? Allerdings, sie haben ein wirksames Vorbild!° Der Mißbrauch der Religion zu politischen Zwecken ist zuerst von den Clericalen geübt worden, von den Alt-Clericalen und von den Jung-Clericalen, die sich der Judenhetze als eines untrüglichen Agitationsmittels bemächtigten. Wenn auf dem Leitmeritzer Katholikentage ein geistlicher Redner von den „Los von Rom" - Leuten ausrief, „sie kämpfen mit wildem Fanatismus und einem glühenden, unvertilgbaren Hasse, sie kämpfen mit den schmählichsten Waffen der Lüge und der perfidesten Verleumdung", jo gilt dies Wort für Wort von den christlich-socialen Verbündeten der clericalen Partei in ihrem Kampfe gegen die Juden. Es ist interessant, zu beobachten, wie genau, bis auf Einzelheiten und Aeußerlichkeiten, die „Los von Rom"-Leute den Clericalen ihre Kampfweise abgeguckt haben und wie sich nun in dem Ringen der Abfall-Bewegung gegen den Katholicismus alle jene Brutalitäten wiederholen, zu deren Opfern der Antisemitismus uns Juden gemacht hat In Leitmeritz erschien der „evangelische Papst von Deutschböhmen", Dr. Eisenkolb, auf der Rednertribüne und breitete unter stürmischer Heiterkeit einen großen Stoß kirchlich approbirter Büch er. Skapuliere und andere kirchliche Requisiten vor sich aus. Die Scene erinnert an eine Episode im österreichischen Abgeordnetenhause, als der Abgeordnete Schneider eine Hetzrede gegen die Juden damit einleitete, daß er einen Haufen Folianten, darunter den E i s e n m e n g e r, den Rohlingschen „T a l m u d j u d e n" und zuletzt den Talmud selbst vor sich auf dem Pulte aufschichtete. Die clericalen Cavaliere hatten von dieser vorbereiteten Komödie Wind bekommen, sie umstanden den Platz des Redners und freuten sich, die Hände in den Hosentaschen, unbändig über die „Hetz'". Der Abgeordnete Eisenkolb hat ihnen nun diese Unterhaltung auf Kosten des Judenthums mit Zinsen zurückgezahlt, wie der Abgeordnete Franko Stein schon früher durch seine Interpellation über die Liguori-Moral die Verunglimpfungen des Talmud heimzahlte. Jener geistliche Redner in Leitmeritz hat gegenüber den „Los von Rom" - Leuten auch die Frage aufgeworfen : „Welche Autorität wird noch von diesen Männern respectirt?" Warum wurde diese Frage nicht gestellt, als die Antisemiten?. S ch e i ch e r und Pfarrer D e ck e r t die Lichtgestalten desAltenTestaments besudelten und solcherart die autoritären Grundlagen des Christenthums zu erschüttern suchten? All' diesem Frevel hat die Kirche stillschweigend zugesehen, weil man daraus einen Vortheil erhoffte, weil man dachte, die Judenhetze würde doch die minder charakterfesten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.