Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 33 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Serie 646 Nr. 88 Sr» Block s Wochrnft'crM Söhn selber, opferte sich zur Sühne für die Menschheit. Dem Judenthum aber wurde bereits bei seinem Eintritt in d'e Geschichte, dem Erzvater Abraham wurde die göttliche Offenbarung : „Strecke nicht die Hand aus nach dem Knaben" — Gott verlangt solche Opfer nicht. Möge der Herr Graf einmal die zürnenden Worte des Propheten Micha, Cap. Vl., Vers 6—8 Nachlesen und er wird erkennen, daß er dem Judenthum einen Gedankengang imputirt hat, der völlig a n t i j ü d i s ch ist. Auch von den Juden im Mittelalter ist es nicht wahr, daß sie das Hingeschlachtetwerden für den Glauben als ein begehrenswerthes Opfer angesehen hätten. Die christlichen Märtyrer drängten sich mit einer Art Wollust zum Kreuze, provocirten oft selber das düstere Verhängniß. Gegen solchen glanzumfloffenen Tod, dessen Lichtstrahlen vor ihrem geistigen Auge des Himmels Höhen und der Erde Tiefe verhüllen: war das Leben — ohnehin ein Jammerthal — nur armselig. Auch die Nachkommen der Makkabäer haben jederzeit für die Religion zu sterben gewußt. Allein sie suchten, in größerer Würdigung und Werthschätzung des Lebens, dem grausamen Zwang solcher Verhältnisse, so weit nur möglich, aus dem Wege zu gehen. Ein iÄeressantes Gutachten des großen Maimonides spricht sich im gleichen Sinne aus. Der Tod für eine Idee ist süß und glanzvoll; das Leben aber für eine Idee ist oft mühseliger, dornenvoller und sogar ersprießlicher. Feinsinnig läßt der Dichter des „Nathan" auf eine Anspielung Saladins, daß Nathan wohl bereit sei, eventuell für seine Ueberzeugung mit dem Leben einzustehen, diesen antworten: „Ja, ja, wenn es uöthig ist und nützt!" Nur dann, wenn es sich ergibt, daß nur mit vollständiger Verleugnung der heiligen Ideen das Leben schmachvoll zu erkaufen ist, da ist der Tod, weil nothwendig, auch nützlich. Lecky schreibt in seiner Geschichte der Aufklärung: „Gewiß erbleicht der Heroismus der Vertheidiger jedes auderen Glaubens in Nichts vor diesem Märtyrervolk, das dreizehn Jahrhunderte lang allen den Leiden die Stirne bot, welche der wildeste Fanatismus erdenken konnte, das lieber Schmach, Beraubung, Verletzung dertheuersten Bande und die Auferlegung der schrecklichsten Qualen erduldete, als seinen Glauben verließ. Denn die Juden waren keine asketischen Mönche, abgestorben allen Hoffnungen und Leidenschaften des Lebens, sondern Menschen, welche die weltlichen Vorthelle, die sie aufgaben, im hohen Grade würdigten, und deren Liebe dafür, wegen des engen Kreises, auf welchen sie beschränkt waren, um so lebhafter geworden war. Enthusiasmus und die sonderbaren Erscheinungen von Extase, welche ihren so großen Einfluß in der Geschichte der Verfolgung geltend gemacht, welche so viele Märtyrer mit übermenschlichem Muth gestählt und die Angst vor so vielen fürchterlichen Torturen gescheucht oder vernichtet haben, waren hier fast uubekannt". Selle 66 erinnert ihn „Die Grausamkeit der Assyrer den fremdländischen Kriegsgefangenen gegenüber", auffällig an gewisse Züge des gleichen Fehlers bei den alten Israeliten. Dem gegenüber ist es interessant, daß die Deutschnatioualen gegen die „Judenbibel" die entgegen gesetzte Anklage erheben. Schönerer und die Deutschnationalen sagen klipp und kurz, daß am Unglücke der Buren nichts anderes Schuld trägt, als das — Alte Testament. Ihr Unheil verdanken die Buren nicht zum Geringsten der Judenbibel. Im Kriege wie im Frieden gllt den Buren die Judenbibel als Erbauungsbuch. Wenn es den Buren schlecht ging, so haben sie ihr Kriegsunglück aber nur der Judenbibel zuzuschreiben. Nach Berichten eines im Burenheere dienenden französischen Officiers hatten sowohl der Burenfeldherr I o u b e rt als auch Eronje wiederholt Gelegenheit, das in einen Engpaß gerathene englische Heer zu vernichten. Anstatt aber die Kanonen spielen zu lassen, die auf den den Engpaß beherrschenden Höhen standen, beriefen sich, trotz Drängens einzelner Unterbefehlshaber der Buren, sowohl Cronje als Jouberr auf irgend einen Bibelspruch, demnach man friedsame, wehrlose Feinde schonen soll. Sie betrachteten die mit Gewehren, Säbeln, Geschossen, Geschützen und Pulverwagen durchs „Defile" ziehenden Engländer als „wehrlose" Feinde. In der That, die Nachsicht der Könige von Israel gegen gefangene Feinde war vor vier Jahrtausenden den Heiden wohl bekannt. Die Gefangenen wurden bewirthet. Die Grundsätze des Völkerrechtes in Behandlung wehrloser Kriegsgefangener sind semitischen Ursprungs. Die Gewohnheit, nach allen Seiten hin ausgleichend zu wirken und Jedermann etwas Liebenswürdiges zu sagen, macht ihn unfähig, aus den Prämissen, die er mit großer analytischer Schärfe festgestellt hat, die zwingende logische Schlußfolgerung zu ziehen. Dazu kommt noch, daß er — bei der Frage einer positiven Lösung der Judenfrage angelangt — offenbar das Opfer einer einseitigen Information geworden ist, deren fascinirender Wirkung, er sich nicht entziehen kann. Es ging ihm wie vielen Büchermenschen. Er hat erstaunlich viel gelesen und das Gelesene in seiner Einsamkeit richtig verarbeitet. Da er sich aber durch mündlichen Verkehr unterrichten wollte, unterlag er der Macht der Persönlichkeit. Nur so konnte es kommen, daß er die antisemitischen Anklagen gegen den Talmud richtig beurtheilt, zugleich aber Rohling vertheidigt; daß er mit überzeugender Klarheit die antisemitische Bewegung aller Zeiten als einen Ausfluß religiösen Hasses kennzeichnet, die Rettung der Inden aber in der Verwirklichung der politisch-nationalen Ideale des Zionismus, die er aber als guter Katholik lieber nach Marokko verlegt wissen will, erblickt; daß er das Judenthum der Diaspora als eine bloße Religionsgemeinschaft charakterisirt, zuletzt aber mit Schopenhauer für dasselbe die Bezeichnung „Nation" reclamirt; daß er den Begriff der Race und besondere Racen-Eigenthümlichkeiten der Juden leugnet, schließlich aber dem Antisemitismus das Verdienst vindicirt, auf die „Unüberbrückbarkeit der Gegensätze" aufmerksam gemacht zu haben; daß er den Satz aufstellt, es gebe brave und schlechte Menschen, in jeder Confession, sich aber endlich die antisemitische Terminologie und namentlich die Vorwürfe, die gegen die sociale und ökonomische Wirksamkeit der Juden erhoben werden, aneignet. „Die Juden" sagt er, „sind eine künstliche Nation, bestehend aus einer Mischung zahlreicher Nationalitäten, die eine Religionsgesellschaft bildet." Eine Nation aus zahlreichen Nationalitäten, die keine Nation, sondern eine Religionsgesellschaft ist — die Verwirrung kann kaum eine vollständigere sein. Der Verfasser aber bringt das Kunststück zuwege, das Chaos vollständig undurchdringlich zu machen. „Diese Nation" schreibt er Weller, „ist blos bis zum sehr geringen Theile mit dem alten Volk Israel blutsverwandt wegen der ungeheuren Masse fremden Blutes, die sie in sich ausgenommen hat. Nehmen wir nun den kleinen Bruchtheil altjüdischen Blutes aus der heutigen Judenheit weg und fragen wir, was dann übrig bleibt, so ist die Antwort: nichts weiter als eine Religionsgesellschaft. . . . Spricht man also von einer jüdischen Kaste, so kann dieser Begriff nur dann einen Sinn haben, wenn man das Wort „jüdisch" nicht im ethnographischen und anthropologischen Sinne auffaßt, sondern unter demselben die mosaische Confession versteht, durchweiche diese neueKalle geschaffen worden i st." Also keine Race und doch eine Race, und noch dazu eine solche, die durch die Confession geschaffen wurde! Wenn das möglich wäre, dann müßte man auch von einer „christlichen" und einer mohammedanischen Race sprechen! Durch 470 Seiten hat er bewiesen, daß das Judenthum nichts als eine Religionsgesellschaft, der Judenhaß nichts als religiöser Fanatismus sei. Da trat er in den Bannkreis der zionistischen Ideen, und siehe da — nun werden die Juden wieder eine Nation, eine neue Race, nun spricht er wieder von der „Unversöhnlichkeit der Gegensätze", nun spielen wieder Vererbung und Atavismus eine Rolle bei unseren Gesten, unseren Manieren, unserer Kleidung, nun gibt es wieder einen besonderen jüdischen Typus, nun werden wir wieder