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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-07-05 · 27 (5.7.1901) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
27 (5.7.1901)
Date
1901-07-05
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 27 Vr. Vwch s WochrnfchrM Seite 468 Je weiter er sich von dem Ideal entfernte, welches ihm in seinen Jugendjahren vorgeschwebt, nämlich ein großer, gottbegnadeter Künstler zu werden, desto aufregender wurde für ihn der Gedanke, daß er heute ein reicher angesehener Mann sein könnte, im Besitze eines reizenden Weibes und geliebten Kindes, der seine Kunst nur zu seinem und der Seinen Vergnügen auszuüben brauchte. Jetzt aber war er nicht viel mehr, als einer jener fahrenden Leute, welche nach wenigen Jahren des Glanzes ihr Leben irgendwo in einer Herberge, von Allen vergesien, beschließen, wenn sie nicht in besseren Jahren vorgesorgt haben, daß ihnen, wenn nicht Ruhm und Anerkennung, so doch Vermögen genug bleibt, um ihr Lebeu wenigstens in Ruhe beschließen zu können. Die Furcht vor diesem Schicksale, welches unzählige seiner Standesgenossen ereilt hat, machte Polansky zum Speculanten. Er sammelte einige gleichgesinnte Musiker und Sänger, worunter sich auch zwei Damen befanden, um sich und unternahm als deren Director eine Concerttournee vorläufig durch die slavischen Länder. Sollte das Unternehmen von Bestand sein, wolle man sich weiter wagen. Bevor Polansky, wie er beabsichtigte, Polen auf Nimmerwiedersehen verließ, hatte er noch eine Angelegenheit zu ordnen, der zu Liebe er eine kleine Reise unternehmen mußte. Es ist eine alte Sage, die im Bolksmund große Verbreitung gefunden, daß ein Verbrecher von geheimnißvoller, unwiderstehlicher Macht dazu getrieben wird, den Schauplatz seines Verbrechens von Zeit zu Zeit aufzusuchen, und es soll schon oft geglückt sein, durch dies unerklärliche und jedem Gesetze der Logik spottende Vorgehen solche Verbrecher, welche sich der strafenden Hand der Gerechtigkeit lange Zeit auf geschickt«« Weise zu entziehen verstanden, an dem Orte der That festzunehmen. Sollte es nicht dieser sonderbare Trieb gewesen sein, der Polansky allmächtig hin zu der Stadt zog, wo er das Lebensglück eines jungen unerfahrenen Geschöpfes vernichtet hatte? In der Stadt hatte sich seit damals, wo er sie eilends verlassen, wenig verändert, es sei denn, daß damals Baum und Strauch in dem Parke, wo seine letzte Unterredung mit dem betrogenen Mädchen stattgefunden hatte, in vollster Blüthe prangte, während heute Alles unter Eis und Schnee lag; der nordische Tyrann hatte seine Herrschaft zeitig angetreten und Polansky hüllte sich fröstelnd in seinen feinen Stadtpelz, als er die Straßen entlang zu dem Gasthofe schritt, in welchem er damals logirt hatte. Auch seine damaligen Bekannten waren vollzählig am Stammtische erschienen und Polansky wurde von ihnen mit begeisterten Zurufen begrüßt. Etwas von der alten Thatkraft, dem alten Wollen und Streben überkam ihn an dieser Stätte. Ec vergaß auf Momente den Verlust seiner Joeale, sein verfehltes, verpfuschtes Leben. Gesang erscholl von dem Tische, an dem er Platz genommen, Becherklang und Helles Lachen. Aus den fröhlichen Junggesellen, die vor Jahren an diesem Tische gesessen und mit ihm gesungen und getrunken, auch hie und da Karten gespielt hatten, waren zumeist behäbige Spießbürger geworden, welche Weib und Kind hatten und eine immer gleiche Beschäftigung. Sie waren heute trotz Sturm und Schneetreiben alle hiehergekommen, weil sich im Städtchen mit Blitzesschnelle die Nachricht verbreitet hatte, daß der unvergeßliche, fidele Polansky wieder einmal gekommen ist. „Ja, Petz ist wieder da", sagte der Gefeierte mit bitterer Selbstironie. Es wurde Polansky ein Leichtes, über den Gegenstand seiner Sehnsucht so Manches zu erfahren. Sarah sei schon mehrere Jahre verheiratet, so erzählte man ihm; ein junger Geschäftsmann aus einer nahen Stadt, der selber über ein bedeutendes Vermögen verfügte, hat vor mehreren Jahren ins Haus geheiratet und die Beiden lebten in der glücklichsten Ehe, trotzdem dieselbe bisher kinderlos geblieben ist. Herr Braun, Sarah's Gatte, sei eben jetzt auf einer Geschäftsreise begriffen und Frau Sarah habe sich hinter der hohen Mauer verbarricadirt, wie in einer Festung, deren treuer Hüter ihr alter Vertrauter, der jetzt ganz erwachsene Maschko, ist. Niemand Fremder werde eingelassen unv eher könnte man in den Harem eines türkischen Paschas Einlaß erhalten, als in das Haus der schönen Jüdin, denn so wurde Sarah gewohnheitsgemäß noch immer genannt. Der alte Koreff habe sich gänzlich vom Geschäft zurückgezogen und dieses sowohl als sein übriges Vermögen der Leitung seines tüchtigen Schwiegersohnes überlassen. Dieser letzte Satz brachte Polansky wieder in die rauhe Wirklichkeit zurück. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner beklemmten Brust. Alle waren sie im Hafen angelangt, seine ehemaligen Freunde und auch seine Geliebte — nur er allein irrte noch plan- und ziellos in der Welt umher, ohne eine Stätte gefunden zu haben, wo er festen Fuß fassen und sagen konnte: „Hier ist gut sein, hier laß uns Hütten bauen!" Unstät und flüchtig, gleich dem ewigen Juden der Sage, war er.dazu verdammt, in der Welt umherzuirren, und er war so müde, so ruhebedürftig! Sollte dies die Strafe für seinen Abfall vom väterlichen Glauben sein? Ja gewiß, sie war es, und sie war so hart! — Die Gewißheit, Sarah's Gatten nicht zu Hause anzutreffen, hatte Polansky den Muth verliehen, den Einlaß in die sogenannte Festung zu versuchen. Zu diesem Zwecke nahm er die Visitkarte eines Mitgliedes seiner Gesellschaft zu sich, weil er annehmen mußte, daß er, wenn er sich unter seinem eigenen Namen vorstellen ließe, sicherlich nicht angenommen würde.. So stand er andern Tages um die elfte Bormittagsstunde vor dem Thore der Koreff'schen Besitzung. Der Schnee hatte zu fallen aufgehört, aber die Kälte war desto empfindlicher geworden. Die alten Bäume, welche ihre Aeste bis weit herüber über die hohe Mauer streckten, waren mit Schnee bedeckt, unter dessen Last sie sich bogen. Alles herum war weiß und grau und still, wie abgestorben. Welch' ein Gegensatz zu damals, wo das freundlichste Grün und der lieblichste Blüthenschmuck ihn anlächelte! Es war dies ein Bild seines innersten Wesens. Wie lange eigentlich sollte er noch so sinnend dastehen? Es war ja bereits eine geraume Weile verstrichen, seit er die Glocke gezogen. Polansky versuchte, des langen Wartens müde, an dem Schlosse zu rütteln. „Was ist das", ließ sich eine Stimme von innen vernehmen, „ich komme ja schon." Der frisch gefallene Schnee hatte den Schall von des Dieners Tritten gedämpft, daß Polansky seine Ankunft nicht früher vernahm, bis er sich meldete. Es war dies ein ihm unbekanntes Gesicht; Polansky hatte Maschko, der so oft den Liebesboten gespielt, nicht erkannt, ebensowenig wie er selber von ihm erkannt wurde. „Was steht zu Diensten, mein Herr?" fragte er, ohne daß sein mürrisches Gesicht eine freundlichere Miene angenommen hätte. „Könnte ich die Frau Braun sprechen?" „Sagen Sie mir, wer Sie sind, und ich werde anfragen." Polansky gab nun dem Diener die bereitgehaltene Karte, und dieser schlug dem noch immer draußen Harrenden die Thüre vor der Nase zu. Polansky wurde über dieses Gebühren sehr ärgerlich. In der That, gerade wie in einem verzauberten Schlosse, sagte er sich selber; Frau Braun ist minder zugänglich, als es seinerzeit Fräulein Koreff gewesen! Diesesmal mußte der Besucher nicht mehr solange im Frost und Schnee warten, denn bald kam Maschko zurück, öffnete das Thor und sagte, ohne um eine Nuance freundlicher zu werden: „Kommen Sie!" Abgesehen von der Veränderung, welche der Wechsel der 'Jahreszeit hervorbrachte, war in dem Hause Alles beim Alten geblieben. Zeit und Abnutzung hatte wohl an manchen Gegenständen den Glanz etwas verblassen gemacht, aber Alles zeigte noch den gediegenen, soliden Reichthum, ohne ans Protzenhaste zu gemahnen. Es war ein feiner Geschmack, der die Einrichtung in diesem Hause zusammenstellte, von der teppichbelegten Freitreppe an bis zum Salon, in den Maschko den Besucher führte. Auch da hatte sich nichts verändert. Dasselbe Clavier war geblieben, an dem er stundenlang mit Sarah gesessen und mit ihr geübt, auch so manchen verborgenen Händedruck, und wenn die Miß nicht zugegen war, auch Kuß ausgetauscht. Doch da erblickte er etwas Neues. Ueber dem Divan hingen zwei Oelgemälde, offenbar von Künstlerhand hergestellt. Die Dame war Sarah, das sah er auf den ersten Blick. Das andere Bild konnte doch nur ihren Gatten vorstellen. Es war dies ein ganz gewöhnlicher Mann, er hatte gar nichts Geniales an sich, und doch schien es Polansky. als ruhten die Blicke der jungen Frau so zärtlich, so vertrauensvoll auf seinen Zügen. Oder war dies eine Täuschung, schien es ihm nur so? (Fortsetzung folgt.)

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