Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 27 (5.7.1901)
- Date
- 1901-07-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 462 Vr. Vloch's WoÄxensttzrist. Nr. 27 im Namen Aller den Eltern für ihre treue Fürsorge herzlichsten Dank sagte. Die Ansprache der jugendlichen Rednerin wurde von allen Anwesenden sehr herzlich aufgcnommen. Einen schönen Schluß bildete der der eng herangetretenen Schaar ertheilte Segen, cingeleitet von ernstem Fernblick in die Zukunft — begleitet von warmer Belehrung. Unter dem tiefen Eindruck dieser Feier fühlte unser neugewählter Eultusvorsteher Herr Earl Ehrlich sich verpflichtet, dem Herrn Rabbiner Dr Günzig, welcher sich schon in der kurzen Zeit seines Hierseins um die Förderung des Gemeindelebens hohe Verdienste erworben, für diese schöne Feier den herzlichsten Dank und die aufrichtigste Anerkennung auszusprechen; dann wendete er sich an die Eonfirmandinnen und überreichte jeder im Namen der Cultusgemeinde ein schön gebundenes Exemplar des Ehrmann'schcn Buches aus Palästina und Babylon. Zum Schluffe stimmten die Eonfirmandinnen einen feierlichen Schlutzchor an und aus den Kehlen dieser jungen Sängerinnen drang der liebe und reine Kinderton, der solchen Festen immer einen weihevollen Glanz verleiht. Delatyn in Galizien. Auf antisemitische Anstiftung haben ungefähr 200 Bauern gegen den Gemeinde- und Cultusrath A. Bloch eine Anzeige wegen Betruges an die Staatsanwaltschaft erstattet. — Trotz rastloser antisemitischer Wühlerei hat die Staatsanwaltschaft nach einer sechsmonatlichen Voruntersuchung dieselbe nunmehr gänzlich eingestellt, weil sich gegen den Beschuldigten nichts Nachtheiliges ergeben hat. Weiterer Commentar ist überflüssig. Arad. Die hiesige israelitische Cultusgemeinde behob vor Kurzem die Summe von 28.000 Kronen, welche ihr von der in Wien verstorbenen Witwe des Obercontrolors der Oesterreichijchungarischen Bank, Frau Julie Döbler, testamentarisch vermacht wurden. Das intereffante Motiv der Erbschaft bestand darin, daß die Erblasserin, als sie heiratete, den jüdischen Glauben verließ, und als sie ihr Ende nahen fühlte, sich ihrer ftüheren Confessio« erinnerte, und, in Ermangelung directer Erben, ihr Vermögen je zur Hälfte katholischen Vereinen in Wien und der Aräwr israelitischen Gemeinde vermachte. ,Die Araber Gemeinde beabsichtigt, mit dem ererbten Gelde eine Elementarschule zu errichten. Kottbus. Der frühere Staatsanwalts - Obersccretär Johannes K r ü d e ck e, der in der antisemitischen Bewegung eine „hervorragende^ Rolle gespielt hat, ist wegen Unterschlagung von 5000 Mark, die er als Inspektor der Gefangenen-Arbeitscaffe begangen hat, und wegen Fälschung der Controlbücher vom hiesigen Schwurgericht zu zwei Jahren Gefängniß verurtheilt worden. Kapstadt. Cecil Rh ödes hat 500 Lstr. (10.000 Mark) zum Bau einer Synagoge in Kimberley gespendet. Paris. Die französische Akademie hat den Thörouanne- Preis Herrn G. Bloch in Paris für dessen „Geschichte Frankreichs verliehen. — Dr. Schechter, Lector des Talmud an der Universität zu Cambridge, ist für das Jahr 1901/1902 zum Curator der orientalischen Literatur an dieser Universität ernannt worden. Feuilleton. Der Unessane tokef. Novelle von Babetta Fried in Prag. VL Polansky. Als Sarah damals nach ihrer erregten Unterredung.im Parke Polansky verlassen hatte, wollte dieser, seinem ersten Impulse gehorchend, ihr nachstürzen, um sie von einer Berzweiflungsihat zurückzuhalten. Der erfahrene Frauenkenner sagte sich indessen, daß die lebensftohe verwöhnte Sarah nicht darnach aussehe, einen Selbstmord zu begehen und daß sie bei den großen materiellen Mitteln, die ihr zu Gebote stünden, doch einen anderen Ausweg aus diesem Wirrsal finden werde, daß Geld es leicht ermöglichen werde, ihren Fehltritt vor den Augen der Welt zu verbergen. Er hatte richtig calculirt, wenn er annahm, daß so wie Sarah die Selbstmordcandidatinnen nicht aussehen. Ihretwegen also machte er sich geringe Sorge. Was ihn aber mit Aerger, in manchen Momenten mit Wuth erfüllte, das war der Umstand, daß Fortuna, der er Zeit seines Lebens nachgejagt war, ihm jetzt ihr Antlitz gezeigt hatte, um sich gleich darauf von ihn« auf Nimmerwiederkehr zu verabschieden. Und dies nur durch seine eigene Schuld! Wenn er seinen väterlichen Glauben treu geblieben wäre, heute wäre sein Glück gemacht! Als Schwiegersohn und voraussichtlich einziger Erbe des reichen Koreff wäre er das Hundeleben, das er jetzt führte, auf ewig los geworden; als Jude wäre er jetzt der Gatte der schönen Sarah geworden und hätte mit ihrer Hand all die Reichthümer erworben, welche ihn bei seinen täglichen Besuchen im Koreff'schen Hause so verführerisch anlachten. Verfluchtes Weibsvolk! tobte er. Da hat die gnädige Baronesse die Laune gehabt, sich bei einem Concerte, das ich gegeben, in mich zu verlieben, und ich Thor ließ mich durch den hochtönenden Namen und das elegante Figürchen blenden. So lange es der Gnädigen genehm war, sich mit dem in Mode stehenden Künstler zu unterhalten, war ihm der Zutritt in ihr Boudoir zu jeder Tagesstunde gestattet; erst als sie meiner überdrüssig geworden, fing sie an meiner Confeffion zu mäkeln an. Und dort, an dem grünen Ufer der Adria, in dem Landhause, das ich mit ihr, fern von allen Bekannten, bewohnte, dort gab ich ihr in einer schwachen Stunde das Versprechen, meinen Glauben abzulegen. Ich Thor, daß ich mein Wort hielt! Es waren das reizende Wochen gewesen an der Seite der schönen Silvia, doch zu theuer erkauft mit dem Verluste meines Seelenfriedens und ganzen Lebensglückes. Jetzt wäre ich reich geworden und hätte alle Diejenigen gänzlich ignorrren können, welchen ich jetzt als armer Teufel einen ergebensten Diener machen muß. Doch was hilft alles Raisonniren! Aus ist's, aus, schöne Sarah! Mit solchen Selbstvorwürfen beschäftigt, verstrichen in monotoner Gleichförmigkeit einige Tage. Gern hätte Polansky erfahren, welche Ereignisse sich hinter jener hohen Mauer abspielten; buch vergeblich war alles Forschen, denn nach Außen drang kein Laut von Allem, was in dem Hause vorging. Selber hinzugehen, getraute er sich nicht; dazu war er viel zu feige. Endlich nachdem seine Unruhe ihren Höhepunkt erreicht hatte, entschloß er sich, wenn auch zagend, an Koreff selber zu schreiben. Er frug mit einigen Zeilen nach dem Befinden Fräulein Sarah's, da man unter dem Vorwände ihrer Kränklichkeit die Lectionen aüfsagte und ihm ein reiches Honorar für den geleisteten Unterricht gesandt hatte. Als Antwort erhielt er von Herrn Koreff ein sehr freundliches Schreiben, worin ihm dieser für die freundliche Nachfrage seinen Dank aussprach und mittheilte, daß sich Sarah Gott Lob wieder so weit erholt habe, daß sie in Kurzem eine Reise behufs längern Landaufenthaltes, der ihr verordnet wurde, antreten werde. Aha! meinte Polansky schmunzelnd. Weiter lud Koreff den Künstler aufs Herzlichste ein, ihn in seiner Einsamkeit hie und da zu besuchen und die freundschaftlichen Beziehungen zu ihm nicht abzubrechen. (Der Alte hat keine Ahnung, schalt Polansky während des Lesens des Briefes ein.) Der Brief schloß mit der Versicherung der vollsten Hochachtung und innigsten Freundschaft. Polansky dachte nicht im Entferntesten daran, der Einladung Folge zu leisten. Er traute dem Landfrieden nicht. Vielmehr löste er im Stillen alle seine Verbindungen und ging fort. Der Boden in der Stadt war ihm zu heiß geworden. Mit stiller Wehmuth und lebhaftem Bedauern blickte er im Vorübersahren die ausgedehnte Besitzung an, die bald sein eigen geworden wäre, wenn er sich von schönen Frauenlippen nicht zum Uebertritt zum christlichen Glauben hätte überreden lassen. Der Besitz Sarahs, die er so heiß zu lieben vorgegeben, trat bei diesen Reflexionen erst in zweiter Reihe, der auf immer verlorene Besitz ihres Reichthumes hatte in seinem Innern alles Andere verdrängt. So begann Polansky wieder das unstäte Wanderleben, ohne es recht auf einen grünen Zweig bringen zu können. Wie die meisten getauften Juden stand auch er außerhalb allen gesellschaftlichen Verkehres. Dem Juden war er der Abtrünnige, dem Christen war er der Jude, an dessen Qualität nichts änderte, daß er der getaufte war. Er war eben das überflüssige, unbeschriebene Blatt, welches der Buchbinder zwischen dem alten und neuen Testamente einschiebt und das weder zu diesem, noch zu zu jenem gehöret. Hier ruhmbekränzt, dort gleichgiltig ausgenommen, überall jedoch nur ein Fremder, der für schnödes Geld seine Kunst ausübte. Den Unterricht hatte Polansky gänzlich aufgegeben, denn nirgends hielt er sich so lange auf, um derart festen Fuß zu fassen, wie es zum Unterrichtertheilen nothwendig ist. Gar oft war ihm der Gedanke an Sarah gekommen, für die er doch ein wärmeres Gefühl hegte, als seinerzeit für die Verrätherin Silvia, bei deren Erwähnung er immer wüthend mit den Zähnen knirschte.