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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-06-07 · 23 (7.6.1901) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
23 (7.6.1901)
Date
1901-06-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 23 Dr. Bloch’s Jahrgang XVIII. Centrslorgsn für die gesammten Interessen des Indenthnms. Wien, 7. Juni 1901. -H>—*- Erscheint jeden Freitag. - - Brief-Adresse: Wien, IX/1» Derggaffe SS. Telegramm-Adresse: Dloch's Wochenschrift» Wie«. rr. k. xostsparraffen-Nml u Clearing-Verkehr Ar. 810 976. Redaktion und Administration: Lvirn IX/1, Berggafsr Nr. 3S. Telephon Nr. 14.847. m-; »exustsprei, für Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ansland: Halbjährig 10 Kronen. Banzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. 3E ■ 1 ■■■■■■ ---3 f Inhalt. Leitartikel: Herr Dr. Lueger und feine Leute. — Judenrecht. — Der wissenschaftliche Antisemitismus. — Vom Jah^rmarkt des Lebens: Die Juden in Rumänien. Schwartzfeld „Cilibi Moisi". Eine Huldigung für EliseOrzesko. Eine historische ... . Richtigstellung. Zwei Schreiben der Stadt Köln an Straßburg. — Eorres Pondenzen: Sitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde Wien, Marienbad, Wolin, Gologory, Budapest, Trebitsch, Brody, Berlin, Das Reichsgericht und Graf Pückler, München, Jassy, Warschau, London, New-Iork. — Vermischtes: Wien, Wr.-Neustadt, Göding, Prag, Pisek, Olmütz, Mährisch- Weißkirchen, Temesvar, Lugos, Bukarest. — Feuilleton: Unessane tokef. — Literatur. — Brieftasten. — Inserate Herr Or. Lueger und seine Leute. Nur mehr im Wiener Gemeinderathe grünt der Lorbeer Dr. Lu e g er^s, und dort beeilt man sich jedesmal, ihm die Wunden zu verbinden, die iym anderwärts vcu der Oeffemlichkeit geschlagen werden. Die stadträrylichen Curschuueöe haben viel zu rhun, und die Wunden sind schmerzhaft. Herr Lueger kann sich aber auch schwer in die neuen Verhältnisse hinemfinden. Er hatte sich gewohnt, den Diktator zu spielen, und nun gelingt es ihm mit auer Anstrengung nicht, im österreichischen Parlament sich Gehör zu verschasien. Seine politischen Gegner, welche er mit aller Willkür eines Despoten drangsalirr, haben es endlich gelernt, seine und seiner Genossen Waffen zu handhaben, Mit Hilfe des Scandals ist er emporgekommeu und mit Hilfe des Skandals wild Herr Lueger nunmehr mundtodt gemacht. Die Herren Schönerer und Wolf behandeln ihn nach derselben Methode, wie er im Gemeinderathe die Herren Lucian iö v u ii ii e r und Dr. Fürster und un niederösterreichischen Landtage den Abgeordneten N o s k e behandeln ließ. Diese Kun,i erlernt sich nämlich sehr leicht. So oft aber Herrn Dr. Lueger ein solches Malheur passirt, versteigen sich seine Soldjchreioer zu lächerlichen Drohungen „mit oer Rache des christlichen ^Volkes von Wien", „wenn solche Büberei nochmals geschieht". Allein die solcherart Bedrohten fühlen sich durchaus nicht geängstigt und eingeschüchtert und wiederholen diese Procedur, sobald Herr Lueger nur wagt, das Wort im Parlament zu ergreifen. Der „Fall" des Herrn Dr. Lueger ist überaus interessant und noch besonders dadurch bemerkenswerth, daß sämmrliche Parteien des Abgeordnetenhauses ihn seinem Geschicke überließen. Niemand fühlte das Bedürfnitz, dem Demagogen in seiner Schlamastik beizuspringen. Das Wiener „Vaterland" vom 30. Mai jammert über diese Jfolirung des Herrn von Wien. Es sagt wörtlich: „Und das Haus und sein Präsident „konnten" dem Bürgermeister von Wien nicht die entsprechende Ruhe schaffen, sie „konnten" gegen das Häuflein der Alldeutschen nichts ausrichten l Damit nicht genug, „mutzten" Präsident und Haus schließlich von den Alldeutschen noch den Hohn hinnehmen, sie, nämlich Präsident und Haus, seien bei denZDemonstrationen nicht^gemeint 'gewesen, sondern nur der Redner. Aber Präsident und Haus waren gezwungen, für die alldeutsche Flegelei jene Staffage zu bilden, welche ja die Demonstration erst zu einer solchen gemachr hat. Das Haus hat übrigens auch nicht den geringiten Versuch gemacht, diesem neuesten alldeutschen Attentat auf leine Würde und sein Ansehen irgendwie entgegenzutreten, es ließ den Hohn euifach über sich ergehen, wie Jener, dem man ins Gesicht , packle und oer darauf bemerkte: es regnet. Alle diese und ähnlichen Entwürdigungen werden die Parteien des Hauses noch einmal bitter zu bereuen haoen. Der Präsident und die anderen Parteien des Hauses mögen Ausreden ersinnen, welche sie wollen, sie kommen über die tief beschämende Thatsache nicht hinweg, daß sie nämlich allesammt facnsche, wenn auch unwillige Gelegenheitsmacher für alldeMsche Schandthaten sind. Mit dem Unwillen allein ist nichts gethan. Und übrigens getrauen sich die anderen Parteien nicht einmal ihren Unwillen zu zeigen. Wir erinnern sie, aber auch die Alldeutschen selber, an das Wort: „Heme mir, morgen Dir!" Die Parteien des Abgeordnetenhauses haben nicht jenes kurze Gedächtniß, welches die Redacteure des „Vaterland" auszeichnet- „Heute mir, morgen Dir" — das ist die Nemesis der Weltgeschichte! Erinnert sich vielleicht Herr Dr. Lueger und erinnern sich die Redakteure des „Vaterland" an jene brutalen Scenen, welche im Wiener Gemeinderathe aufgeführt worden find, um Herrn Dr. Prix bei Uebernahme feines Bürgermei,ceramtes am Sprechen zu verhindern? Alles in der Geschichte erhält Vergeltung und Zahlung, und es wirkt lediglich wie Selbstpersiflage, wenn die Parteiorgane einer Fraktion, an derm Spitze Männer vom Charakter eines Gregorig, Schneider und Bielohlawek stehen, die politischen Gegner mit folgender Charakteristik bedenken: „Durch die Ausnützung der niedrigsten politischen Jnstincte fesselten sie kurzsichtige Augenvlickspolitiker und durch Aufstachelung der Leidenschaften des Neides und Hasses und der Undotmätzigkeit zahlreiche Malcontenre an ihre Fahnen; man schenkte den tönenden Phrasen der falschen Propheten Glauben. Nun aber zeigt es sich, daß pornographische Schmockereien ihnen wichtiger sind, als sachliche Arbeit, daß ihr Verstand über Schlagworte nicht hinausreicht, daß sie blos die agitatorische Hetze meistern, reale und gemeinnützige Politik aber nicht treiben können. Statt Brot vermögen sie den Wählern nur Koth und von der Agitation aufgewirbellen Staub zu bieten." Solches schreibt das dümmste Antisemitenblatt Wiens, das Organ des Herrn Dr. Theodor W ä h n e r am 31. Mai.

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