Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-05-31 · 22 (31.5.1901) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
22 (31.5.1901)
Date
1901-05-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021408--10885-3035391
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Ur. 22 Dr■ Bloch S Jahrgang XV11I. Centralorgsn für die gesammten Interessen des Indenthums. Wien. SI.ZMsi 1901. -- Lrsch eint jeden Freitag. - 4 ■» —-- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie». »-; Bejupaprei» für Srftrrretch. kaldjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50' Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 1V Krone». Banzjährig 20 » Anzeigen: Die4makgespaltene Petitzeile 24 Heller. i --- - - =3 k «- =---= — — ='f -V. ft. postspsrrassen-INrnr Clearing-Verkehr Nr. 810.976. ArdarNon und Äbratnipratinn: Wien IX/1, Berggasse Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. * . ---* Inhalt. Leitartikel: Prinz Liechtenstein und der Handel mit Christensclaven. — Historische Commission. — Vom Jahrmarkt des Lebens: „Die Bluthunde von Polna." Hilsner-Broschiiren. Baron Hirsch-Stiftung. — Religionsunterricht und Bibellesen. — Die Juden in Rumänien. — Correspondenzen: Wien, Jglau, Budapest, Würzburg, Berlin. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Prag, Teplitz', Karlstadt, Patzau, Olmütz, Bisenz, Friede!, Czernowitz, Wessely a. M., Köln. — Feuilleton: Der vaessans tokef. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Prin; Alois Liechtenstein und dev Handel mit Christenfrlaven. Der Abgeordnete Prinz Alois Liechtenstein fühlt immer mehr das Bedürfnis, sich als der Apologet der Kirche aufzuspielen. Die scandalösen Klosterasfairen, welche in den letzten Jahren die Oeffentlichkeit. beschäftigt haben, wußte der Prinz auf die einfachste Art zu erklären. Daran ist blos der böse Talmud schuld. Er enthüllte einen neuen dogmatischen Lehrsatz des Talmud, wonach die Mädchen keine Seele hätten und vor dieser abscheulichen Lehre flüchten sich die Judenmädchen unter den Schutz der Klöster und zu den Nonnen, wo sie so liebevoll behandelt werden. Diese Auslassungen des Prinzen Liechtenstein haben wir bereits an dieser ^Stelle eingehend gewürdigt, allein der prinzliche Apologet hat in der erwähnten Rede, wenn wir gut berichtet sind, auch über die scheußlichen Judenverfolgungen des Mittelalter-gesprochen und diese damit zu erklären gesucht, daß die Juden-nämlich, trotz aller Verbote, einen schwunghaften Handel, mit Christensclaven betrieben und dadurch ihr Geschick selber verschuldet hätten. Uns ist allerdings erinnerlich, daß in dem Geschichtswerke eines baierischen Bischofs H e f e l e ähnliche Anschuldigungen gegen die Juden zu lesen sind. Nichtsdestoweniger widersprechen diese Anklagen, allen historischen Thatsachen. Zunächst gestatten wir uns, an den Sclavenhandel zu erinnern, welcher in den Jesuitenrepubliken Süd-Amerikas bis in die neueste Zeit hinein im Schwünge war. Während des Kampfes der nordamerikanischen Union mit den südamerikanischen Rebellenstaaten, welche für die Erhaltung der Sclaverei ihre fluchwürdige Revolution unternommen hatten, erfreuten sich die südamerikanischen Sclavenhälter der kräftigsten Sympathien und der frömmsten Segenswünsche aller conservativen Parteien Europas. Die Juden aber sind an dem Sclavenhandel ganz unschuldig. Die Sclaverei war als förmliche Institution am längsten in dem rein katholischen Italien. Es ist heute historisch festgestellt, daß vom frühesten Mittelalter an bis zum ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und vermuthlich noch länger die Sclaverei in optima forma in Italien prosperirt hat — und zwar eine Sclaverei, die nichts gemein hatte und hat mit der geradezu idyllischen Hausfclaverei der Orientalen. Galt unter dem Halbmond der „Sclave" als Mitglied des Hauses, wird er oft genug Schwiegersohn des Herrn, wird er Pascha, Minister und Großvezier, so hatte er in Italien zumeist nur das Vergnügen, zeitlebens in Ketten am Galeerenruder zu sitzen. Dort Güte und Toleranz — hier Gefühlsrohheil, Barbarei. Dabei ist noch eins zu bemerken: Wann wäre es zum Beispiel dem Türken eingefallen, den Türken, seinen Stammesgenossen, als Sclaven, als Kaufobject zu betrachten? In Italien dagegen finden wir bis ins Quattrocento und später Sclaven italienischer Nationalität und christlicher Religion! Ein hochinteressantes Werk über dieses bisher so wenig behandelte Thema verdanken wir dem in Wien lebenden italienischen Professor und Dante-Forscher Filippo Z a m b o n i *), einer Mensch gewordenen Encyklopädie, dessen zahllose historische und auch dichterische Schriften in Italien die verdiente Beachtung gefunden haben. G Zunächst weist Professor Zamboni schlagend nach, daß der italienische Clerus nicht nur die doch so tief unchristliche Einrichtung nicht bekämpfte, sondern dieselbe vielmehr aufs Eifrigste begünstigte. Nach der Herren und Sclaven zu einer Gemeinde vereinigenden „Sturm- und Drangzeit" des Urchristenthums trat die alte Sclaverei gar bald wieder in ihre Rechte, ja die Kirche stand nicht an, die ins Asyl der Gotteshäuser Geflohenen ihren Herren zurückzugeben. Wer einen Sclaven tödtete „8ino conscientia judieis“, hatte nur zwei Jahre Kirchenbuße zu thun, und im Uebrigen mußte sogar einmal durch Concilsbeschluß den Bischöfen verboten werden, ihre Sclaven zu verstümmeln. Mehr als ein Papst trat mit Documenten ganz offen für die Sclaverei ein; so erließen, nach der citirten Quelle, unter Anderen Jnnocenz HL, Cölestin V., Clemens V, Nikolaus V., Sixtus IV., Paul Hl., Pius V. Deerete hinsichtlich der *) 01! Danklin!, Dante e gli S ehiavi. Firenze, Tipografia Landi.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.