Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 14 (5.4.1901)
- Date
- 1901-04-05
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. U Dr. Vlortz's WochenschrM. Sette 251 sprang der. Hirsch auf einen so hohen Felsen, daß er heute ruhig und voller Verachtung auf seine arhemlosen Verfolger niederblickt. Die Entgleisung meines Lebens begann von der Wiege an. Ich war der Sohn einer Jüdin, die, auf der Straße erkrankt, in's Hospital gebracht wurde und daselbst starb, nachdem sie mir zuvor das Leben gegeben. Mein Vater ließ — trotz öffentlicher Aufrufe — nie. etwas von sich hören. Durch die Eeremonie der Taufe wurde ich der großen christlichen Familie einverleibt und dann in's Findelhans geschickt. So war ich denn ganz zufällig ein „®oi" geworden, und anstatt in ein rechtgläubiges, elendes, jüdisches Loch, gerieth ich in das reinliche, kalte, christliche Nest. Dort sollte ich ein Jahr bleiben und, dann dem Volke zur Erziehung übergeben, ein Glied dieses riesengroßen, fremden Körpers werden. Hier jedoch folgt meine zweite Entgleisung. Der Zufall verknüpft meine Existenz mit dem Leben einer Frau von ungewöhnlichen Herzens- und Geistesgaben. Dank der heißen, mütterlichen Liebe dieser Frau, nimmt mein Schicksal eine andere Wendung. Sie hatte in einer conventionellen Ehe kein Glück gefunden, und da sie obendrein kinderlos geblieben, beschloß sie, eines jener Wesen, die um ihr heiligstes Recht, das Recht der Mutterliebe gekommen, zu sich zu nehmen und zu beglücken. Der Umstand, daß sie dieses Kind, das ihr ein eigenes ersetzen soltte, aus der Mitte der Verachteten und Verlassenen wählte, genügt, um das Wesen meiner Adoptivmutter, welche Gattin eines hohen Würdenträgers in der Provinz war, kenneil zu lernen. Ihr Pflegesohn hätte doch wenigstens aus einem „guten Hause" stammen können, da ihr persönliches Vermögen, und wenn nicht ihr Titel, so doch ihr Name auf ihn übergehen sollte. Die junge Gräfin wählte mich zwischen meinen zahlreichen Windel- und Zülpcollegen. weil ich ihr „freundlicher" schien als die anderen. Gewöhnt, ihre Wünsche rasch zu befriedigen, versicherte sie den Vorgesetzten der Anstalt, sie würde iu einigen Tagen wiederkommen um die erforderlichen Formalitäten zu erledigen, und verlangte, man sollte mich ihr sofort überlassen. Ihr Wunsch wurde gewährt, aber dieser scheinbar so geringfügige Umstand sollte die Ursache meiner dritten Entgleisung sein. Nach Verlauf einer Woche, während welcher sie mit dem Herzen an das fremde Kind festgewachsen war (die Lieblingsausdrucksweise meiner Adoptivmutter) begab sich die Gräfin zum Direktor der Anstalt behufs Unterschreibung der nothwendigen Documente. Nicht ohne Verwirrung theilte ihr der Beamte die Geschichte meiner Abstammung mit, zu feiner Entschuldigung hinzufügend, daß ihm die gnädige Frau Gräfin keine Zeit gelaffen habe, einen Blick in die Bücher zu werfen. Die Pflicht gebietet mir, Frau Gräfin davon zu benachrichtigen, — fügte er nach einer Weile hinzu — erstens: weil die Möglichkeit nicht ausgeschloffen ist, daß der Vater, der wahrscheinlich ein Jude ist, sich'eines Tages melden kann. Und zweitens weil doch, obgleich der Kleine bereits getauft ist, der Frau Gräfin ein Kind christlicher Abstammung sicherlich lieber wäre. .. Wir können also den Burschen jeden Augenblick zurücknehmen, und gnädige Frau werden vielleicht eine andere Wahl treffen . . . . Natürlich konnte die Gräfin nur antworten: Bitte das Kind heute noch abholen zu lasten. Zitternd vor Erregung verließ sie das Haus; heute' konnte sie kein anderes Kind ansehen, sie wollte überhaupt keines mehr haben. Als ich ein kleiner Knabe war, sollte ich mir bei einem Hundezüchter einen Hund kaufen, den ich mir seit Langem wünschte. Nach einigen Tagen erst erwies fick, daß ich statt eines Racehundes einen ganz gewöhnlichen Köter gewählt hatte. Trotzdem ich ein großes Gewicht auf die Reinheit der Hunderace legte, war es mir nicht möglich, das erwähnte Thierchen hinauszutreiben, und .... ich behielt es. In einer ähnlichen Lage mag sich wohl meine Adoptivmutter befunden haben. Als sie beim Betreten ihres vornehm ausgestatteten Schlafgemaches den kleinen, inmitten von Spitzen so wohlig ruhenden Judenknaben erblickte, empfand sie ein sonderbares . . fast schmerzliches Gefühl. Sie wandte sich weg von der Wiege, um nicht zu sehen, wie man den-Knaben sortnehmen würde. Bei sich behalten konnte sie „solch' ein Kind" keineswegs. Mit krankhaft pochendem Herzen erwartete sie den Schrei ihres Lieblings, der, aus einem süßen Schlafe geweckt, mit rauher Hand von seinem weichen Bettchen emporgehoben wurde, um in die kalte Krippe zurückzukehren, die für Tausende von Kindern nicht nur eine Heimat, sondern auch ein Grab wird. „Nun, Kleiner!" vernahm sie plötzlich die gedämpfte, nichtsdestoweniger jedoch deutliche Stimme der Wärterin aus der Kleinkinderbewahranstalt. „Jetzt heißt es all' die hübschen Hemdchen und Sächelchen oblegen. Ich habe schon andere mitgebracht. Du hast Dich aber wirklich herausgeputzt, wie eine Krähe mit Pfauenfederu!" Ohne den Kopf umzuwenden, warf die Gräfin heftig hin: „Man braucht nichts, gar nichts zu ändern! Schafft ihn mir nur so rasch als möglich aus den Augen!" Nur einen Augenblick, gnädige Frau, ich werde den Bengel bald fortgeschafft haben, damit er Ihnen nicht länger Widerwillen erregt!" erwiderte die demüthige, einschmeichelnde Stimme der Wärterin. „Schweig! ... Du böses, dummes Weib!" rief meine arme Mutter, und zornig mit dem Fuße aufstampfend, verbarg sie ihr von Thränen überströmtes Gesicht in beide Hände. Dann schloß sie die Augen und stopfte sich die Ohren zu, um nichts mehr zu sehen und zu hören. Jndesten „fühlte" sie, wie die Wärterin, dem ertheilten Befehle folgend, sich hastig mit dem Kinde davonmachte. Sie stürzte ihnen nach und drückte der Frau eine gefüllte Geldbörse in die Hand. „Das ist für euch", flüsterte sie, „und für ihn.... er war eine ganze Woche bei mir .... ich habe mich schon ein wenig an ihn gewöhnt .... er thut mir sehr leid. Pflegt ihn etwas besser . . . Wie dem auch sei, immerhin ist es ein so winziges, unschuldiges Geschöpfcheu! . . ." Bei diesen Worten fiel ihr Blick auf mich. An allen Gliedern bebend, trat sie einen Schritt zurück „Du sahst mich an mit großen, glänzenden Augen und lächeltest so freundlich und heiter, als wärest Du sicher, daß Deiner nur Glück und Liebe warte. . . . Ich wandte mich weg und floh in die entferntesten Gemächer, dieser letzte, heitere Blick und Dein Lächeln schmerzten auch mehr, als dies ein lauter Schrei gethan haben würoe. Ich wollte dies Gefühl jedoch unterdrücken und überwinden. Nach einem Augenblicke eilte ich hastigen Schrittes die Treppe hinunter; ein Spaziergang und rasche ziellose Bewegung sollten mir zum Vergessen behilflich sein. Schon befand ich mich auf der letzten Stufe, als aus der ein wenig geöffneten Portierloge lautes, durch das Weinen eines Kindes unterbrochenes Sprechen an mein Ohr drang. Regungslos blieb ich stehen. „Gleich, gleich werden wir fertig sein!" erklang wieder die wohlbekannte, verhaßte Stimme von vorhin. „Nun still! Wirst Du wohl still sein. Du kleiner Parch! Schaut ihn nur an! Ein Herr Graf wollte er werden!" „Ha, ha, ha!" stimmte laut lachend, mein Portier mit ein. „So, gib es nur her, all das feine Zeug! Für Dich sind die Windeln der Anstalt auch noch viel zu schön und rein!" Wieder erklang das dröhnende Lachen und gleichzeitg auch lauteres Weinen des Kindes, das jedoch plötzlich verstummte, als habe Jemand den weinenden Mund gewaltsam geschlossen. „Still, still, wichtswürdiger Judenbengel Du! Die Frau Gräfin wird das Geschrei noch hören, und ich wollte ihn doch nur rasch umkleiden. ..." Im nächsten Augenblick war ich dL» groben Händen entrissen und an die Brust der Frau gedrückt, die mehr wahrhaft mütterlicheres Empfinden als manche Mutter besaß. Und nun begann das ungetrübte, usurpirte Glück meiner Kindheit und Jugend. Meine Adoptivmutter that Alles, was in ihrer Macht stand, um meine niederträchtige Herkunft vor der Welt zu verbergen. Nachdem sie sich mit der Direction der Kleinkinderbewahranstalt verständigt hatte, entfernte sie ihre ganze Dienerschaft, nicht ohne dieselbe zuvor reichlich beschenkt zu haben, und nahm für längere Zeit Aufenthalt auf einem ihrer in einer entfernten Provinz liegenden Güter. Ihre Liebe zu mir steigerte sich mit jedem Tage, und dabei gab sie sorgfältig acht, Alles, was an meine Abstammung erinnern könnte» sowohl aus meinem Wesen, wie aus meinem Acußern zu entfernen. Was mich anbetriffc, so wußte ich zwar, daß ich ein adoptirtes Kind war. glaubte jedoch eines Stammes und Standes mit meiner Pflegemutter zu sein. Der Gras, der als Diplomat bei eitlem ausländischen Hofe weilte, hatte gestattet, daß ich seinen Namen tragen solle, und dies um so leichter, als die Familiengüter. Titel und alle Herrlichkeiten auf seinen Sohn aus erster Ehe — einen damals siebzehnjährigen Jüngling — übergehen sollten.