Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 14 (5.4.1901)
- Date
- 1901-04-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sekte 250 2?to Blockes Wochrnft^rW Nr. 14 FeuAeton. Unsere Feiertage. (Ein Eyclus.) I. Passah. Nach langem Winter, Wo die Baume verdorrt Und die Bäche vereist, Erscheinst Du wieder Fest des Frühlings, Fest der Befreiung, Passah! Und wieder erklingen Die alten Weisen Und wieder wir singen Die alten Lieder Am Sederabend. Und wir gedenken All der Leiden, Die wir erduldet, Bis uns geführt Durch Nacht zum Licht Ein göttliches Walten v An diesem Abend Umspinnen uns Träume, Stolz wir uns wähnen Als freie Männer, Jeder ein König In seinem Hause. Beim Kreisen der Becher Wir wieder gedenken Der Heimatscholle, Vor unfern Augen In altem Glanze Ersteht auf's Neue Die Zionstadt! Nach langem Winter, Wo dre Herzen verdorrt Und die Gefühle vereist. Wann kommst Du endlich Zeit des Frühlings, Zeit der Befreiung Neues Passah? sst. Al. D a n i e l. IsmsrI. Psychologische Skizze von Janina Beandouin de Courtenay. Autorisirte Uebersetzung aus dem Polnischen von Malwina Blumberg. ' l. Da es mir selber noch nicht bewußt ist, was in mir überwiegend wird, ob der Wunsch, daß die Welt etwas von mir erfahre, sder das Gegentheil davon, die „Welt", das heißt, das Häuflein Menschen, die in derselben Spanne Zeit mit mir lebxu, so setze ich diese Zeilen auf, die einen Schlüssel zu meiner einstigen und gleichzeitig zu meiner neuerstandenen oder vielmehr auferstandenen Seele bilden sollen. Ihnen, hochgeehrterHerr Professor, übersende ich beiliegendes Heft. Möglich, daß Sie finden werden, es verdiene von Ihnen aufbewahrt zu werden; vielleicht auch nicht. Ich denke hierbei an Ihre Sammlung, an Ihr physologisches Archiv. Sollten diese Blätter dereinst das Jntereffe eines aufmerksamen Lesers fesseln, so werden sie dies nur der Aufrichtigkeit zu danken haben, die sowohl in dem herben Schmerze, wie in der endlich gewonnenen Ruhe zum Ausdrucke gelangt. Sie, geehrter Herr Professor, werden mit einem Ihrer weisen Blicke die ganze Bedeutung des Bildes umfassen, dessen zitternde, gebrochene Umrisse ich hier zeichne . . . Sie werden begreifen, daß Sie einem feüeuen Falle geistiger Vivisection beiwohnen .... Indem ich das blutende Innere meiner Seele enthülle, chue ich es nicht etwa, gleich einem an den Operationstisch gebundenen Hunde, um Mitleid und Mitgefühl zu winseln. Ich verachtete sie, als ich noch auf dem Schauplatz meiner Qual lebte, — hier, wo ich diesen elenden Verhältnissen entrückt bin, — sind sie wir erst recht nicht von Nöthen. Es liegt mir jedoch daran, daß dies kleine Häuflein edeldenkender, von verblendendem Hasse nicht hingerissener Menschen sich einen Begriff von der bodenlosen Verzweiflung mache, die in der Seele eines modernen, europäischen Parias nistet, daß es solche Menschen noch geben muß, daran zweifle ich nicht mehr, seitdem ich Sie, geehrter Herr, kennen lernte. Dieser Paria erregt häufig Widerwillen — leider muß ich das gestehen, — er versumpft in seinem uralten Fanatismus, meistens jedoch leidet er, — auch wenn er in nichts von der ihn tretenden Kaste sich unterscheidet, — weil er ein Paria ist . . . Es wäre doch wahrhaft lächerlich, mit unerschütterlicher U-berzeugung behaupten zu wollen,'daß ein neu geborener Paria, wenn ihn eine fortschrittlich gesinnte oder vielleicht auch nur übermüthige Fee von der elenden Strohmatte seines Vaters in die reine Wiege eines Braminen übertragen hätte, — diesem Umstande die Möglichkeit verdanken sollte, tatsächlich ein Bramine zu werden. Trotz Kampf und Zaudern habe ich einige Erinnerungen aus der noch frischen, kaum vernarbten Vergangenheit berührt. Wahrscheinlich werde ich die bittersten, an Bedeutung wichtigsten Erfahrungen unerwähnt lassen, aber solch' eine Narbe systematisch und gründlich aufzureißen, ist mir nicht möglich. Schon das Aufheben des Randes ist ein großes Opfer ... Da mich dieses Zaudern der Ruhe beraubt hat, an die ich bereits gewöhnt bin, wie ein in einem Käfig geborener Vogel an einen unermeßlichen Wald, wollte ich ihm so rasch als möglich ein Ende machen. Mit dem Fatalismus eines echten Orientalen setzte ich einen Tag fest, an welchem ich, je nach meiner Stimmung, mich endgiltig zum Absenden oder Nichtabsenden meines Manuscripts entschließen sollte . . . Der Wunsch, es zu thun, trug den Sieg davon. So möge es denn in die weite Welt gehen. . . Ein Blick in diese Papiere wird Ihnen erklären, warum ich mich an Sie, verehrter Herr, wende. Warum ich mich durch keinen Laut, nicht mal durch eine Miene verrieth, als ich vor einigen Jahren in H. Ihren Vorlesungen beiwohnte. Warum? Waren Sie doch damals für mich die einzige Quelle, die wenigstens theilweise den Durst Jsmael's löschte? . . . Warum also? Weil für mich, einen vor Schmerz fast wahnsinnig gewordenen Jsmael diese Quelle zu kärglich floß und ich sie fast nicht bemerkte. Krank und verblend?t ging ich an ihr vorüber, meine flammenden Pupillen bohrten sich in den unermeßlichen Wüstenraum. Ich war damals so machtlos, jeder Gedanke und jeder Nerv in mir so fieberhaft erregt, daß ich an der Kraft und Aufrichtigkeit der selbst von Ihnen verkündeten Grundsätze zweifelte. Ich dachte, dies seien schöne Theorien, welche die Feuerprobe der Wirklichkeit nicht bestehen würden; ein freudiges Sichunterwerfen unter das Gesetz der edlen, aber beschwerlichen Pflicht der Gerechtigkeit, das durch Vernunft erzwungen, nicht jedoch vom Gefühl dictirt war. Es schien mir, daß dieser scheinbar so aufrichtige Mangel an Racenhaß, an jeglicher Verdächtigung, an. . . ererbtem Widerwillen einem Samenkorn zu vergleichen sei, das'unter einer dickeren Erdrinde vegetire. Wenn ein böser Wind die Erdrinde aufreißt, wird die befreite Pflanze mit Stengeln und Blättern in die Höhe schießen . . . Erst nachdem ich mit meinem neuen Dasein und meiner Erlösung mich vertraut gemacht, nachdem mein unerwartetes Entzücken in das Stadium stiller Verklärung übergegangen, da erst begann ich über jedes Wort nachzudenken, das ich von Ihnen, dessen Lehre so christlich und menschlich, gehört hatte. Ich vertiefte mich in Ihre Werke, die zu dem Wenigen zählten, was ich aus dem „spanischen Europa" mit hierhergebracht. Und stufenweise begann ich meine Borurtheile zu bewältigen, die nicht minder fanatisch waren, als manche Borurtheile dieser Vorläuferin der sogenannt christlichen Civilisation. Und ich mußte schließlich einsehen, daß in unseren echt goldenen Gefilden mänchmal, aber höchst selten nur, auch Spreu zu finden ist. II. Mir scheint, daß jeder denkende und fühlende Mensch hauptsächlich darum so unglücklich ist, weil er von dem Wunsche getrieben wird, den Platz zu finden, der ihm auf Erden bestimmt, die Rolle auszufüllen, die ihm in dem Trauer- oder Lustspiel des Lebens zugedacht wurde. Die Unruhe, ob er sie finden, ob er sie fühlen und verstehen wird, verzehrt ihn, gleichviel, ob er fick dessen bewußt oder nicht bewußt ist; je älter er wird, mit desto größerer Kraft bemächtigt sie sich seiner. Wird er sie finden, diese Rolle, wird er sie rechtzeitig finden? . Manchmal findet er sie wirklich, manchmal scheint ihm nur, daß er sie gefunden hat, und erreicht er dann die ersehnte Ruhe und Zufriedenheit. Manchmal jedoch, und das geschieht am häufigsten, kann er das Ziel nicht erreichen, oder es scheint ihm, daß dies nicht möglich, und er sucht, sucht vergeblich. Dieses Suchen eben zieht die schwersten Geisteszerrüttungen nach sich.... Was mich anbetrifft, so erfreute ich mich in dieser Beziehung eines doppelten Reichthums. Meine geistige Entgleisung ging freundschaftlich Hand in Hand mit Entgleisungen von solcher Kraft und Stärke, daß sie den widerstandsfähigsten Organismus hätten brechen können. Heute scheint es mir fast ein Wunder, daß ich, einem atavistischen Zuge, der nur unbedeutend mit Reflexion und Analyse vereint war, Folge leistend, meinen Platz auf Erden fand.... Ich fand sogar.... das ganze gelobte Land und faßte Wurzel in seinem gebenedeitem Boden, — rechtzeitig genug, um die Vergangenheit noch heilen zu können! Diese Vergangenheit glich mehrere Jahre hindurch der Flucht eines verwundeten Thieres vor den Pfeilen der Jäger und den geöffneten Rachen der Spürhunde; plötzlich jedoch