Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 11 (15.3.1901)
- Date
- 1901-03-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 1*2 Dr. Bloch's Wochenschrifl. Nr. II abstatten zu können, als indem wir Euer bischöfl. Gnaden bitten, sich auch der angegriffenen Ehre des Ihnen unterstehenden Pater Blczek anzunehmen und diesen anzuweisen, daß auch er für seine Person gegen die Frankfurter „Kleine Presse" und den Wiesbadener „Freidenker" Strafantrag stelle. Wien, am 13. März 1901. Die Redaction der „Oesterreichischen Wochenschrift". Die Juden in Rumänien. Herr Saniel'M a r c u s, Oberinspector der türkischen Tabakregie in Smyrna, hat im Pariser Journal „Siöclc" eine Reihe von Aufsätzen über „Die Juden in Rumänien" publicirt, um durch dieselben die «ffentliche Meinung über die wahren Zustände in diesem barbarischen Laude aufzukläreu und insbesondere um jenen Versuchen entgegenzutreten, durch welche die rumänische Regierung mit schönfärberischen Behauptungen den berechtigten, ungünstigen Urtheilen über das Verhalten Rumäniens den Boden entziehen möchte. Zu den falschen Argumenten, deren sich die Rumänen bedienen, gehört auch jenes, daß die jüdische Bevölkerung erst seit etwa zwei Generationen durch Masseneinwanderung zu ihrer heutigen Menge gelaugt sei; daß die Juden demnach Fremde wären, die unassimilirt und unassimilirbar seieu, weshalb gegen sie die „Fremdengesetze" mit Recht zur Anwendung gelangen. Gerade diesen faustdicken Lügen tritt Saniel Marcus mit einem riesigen Aufwaude acteumäßigen historischen Materials entgegen, das ein umso größeres Interesse beansprucht, als Saniel Marcus an den Verhandlungen zu Gunsten der Juden in Rumänien vor, während und nach dem Berliner Congresse den regsten Antheil genommen hat, und als er in der Lage ist, manches bisher noch unbekannte Detail der Oeffeutlichkeit zu übergeben Es waren die rumänischen Diplomaten Ghika — ein Bruder des Gesandten in Wien — und Djuvara, welche versucht hatteu, den Franzosen ihre — wir dürfen sagen — falsche Darstellung der Verhältnisse der Juden in Rmnänien zu suggeriren, und Saniel Marcus tritt ihnen mit so wuchtigen Argumenten entgegen, daß er das ganze Lügengebäude zerstört. Wir sehen uns umsomehr verpflichtet, die vortreffliche Studie des Herrn Saniel Marcus in getreuer Ueberseoung unseren Lesern mitzutheilen, als in Rumänien der „Europäer" C a r p — ganz so, wie wir es ihm proguosticirt haben — von der conservativen Partei in Stich gelassen, demiffiouiren mußte und Herrn Demeter Sturdza zum Nachfolger erhält, bei dem die europäischen Studien nickt im Stande gewesen sind, den Barbaren umzumodelu. Unter Sturdza waren die Juden in Rumänien den allerpeiulichsteu Verfolgungen ausgesetzt, Sturdza war es, der um seiner politischen Zw-cke willen die L idenschaften der Menge aufstachelte; Sturdza ließ die Battauscheu gegen die Juden los, oder duldete, daß ihre Brutalitäten an den Juden verübt wurden; unter Sturdza durften sich die Verwaltungs- und Gerichtsbehörden die zügellosesten Uebergriffe gegen die Juden erlauben; unter Sturdza wurden neue fremdenfeindliche Gesetze erlassen und die bestehenden im ungünstigsten Sinne gegen die Juden ausgelegt und angewendet. Die Wiederkehr Sturdza's ist die eclatauteste Verhöhnung der im öffentlichen Rechte Europas durch den Berliner Congreß statuirten Gleichberechtigung aller Bewohner Rumäniens; Sturdza's Ministerpräsidentschaft birgt neue Gefahren für die Juden in Rumänien in sich, und es ist nur wenig Trost für diese Unglücklichen, daß nicht nur sie, daß Rumänien selbst von den größten Gefahr-n bedroht erscheint, indem mit Sturdza die sogenannte liberale Partei — eine ebenso ausbeuterische und corrupte, wie chauvinistische und verwaltungsuufähige — wied.r ans Ruder gelangt. Daß Sturdza jetzt zum Dreibund hiuneigt, ist nicht sein Verdienst, nothgedrungen kann er, kann Rumänien keine andere Politik verfolgen. Diesem Lande deshalb Vertrauen zu schenken, weil es nicht russische Politik treibt, die sein Verderben wäre, geht doch wohl nicht an. Vielmehr ist schärfstes Mißtrauen gegen Rumänien — in politischem und finanziellem Sinne — mehr als je geboten. Diese Bemerkungen mußten wir dem Aufsatze Saniel Marcus' vorangehen lassen, dessen Beginn wir im Nachstehenden veröffentlichen und dessen vollständige Reproduction in den nächsten Nummern der „Oesterreichischen Wochenschrift" erscheinen wird: I. „Getreu seinem Programme, das im Wesentlichen die Vertheidignng der Freiheit und Gerechtigkeit zum Gegenstände hat, war das „Siöcle" das erste unter den so seltenen Journalen, die sich der unglücklichen rumänischen Juden aunahmen. Dieses Journal hat auch mehr als jedes andere den Beruf, seine Stimnie zu erheben und gegen die barbarischen Handlungen der Rumänen zu protestireu, denn in seinen Spalten hat der Philorumäne Ubicini in den Jahren 1857—1858 muthig gekämpft, um den Meldo-Walacheu die Unabhängigkeit zu gewinnen, von der sie heutzutage einen so traurigen Gebrauch machen. Die rumänische Regierung hat auf der Suche nach einer neuen Anleihe, durch welche die von zahlreichen Staatsgelderfresfern geleerten Cassen gefüllt werden sollen, ihre Vertreter beauftragt, die Meldungen des „Siöcle" zu dementiren und dessen nur zu wohlbegrüudete Anklagen zu widerlegen, eine Aufgabe, der sich der Gesandte Rumäniens in Paris, Herr Ghika und sein College Djuvara zu unterziehen versucht haben; um nun die zahlreichen Leser des „Siecle" in die Lage zu versetzen, daß sie selbst den Werth der Mittheiluugen beurtheilen, denen die rumänischen Diplomaten ihren Widerspruch entgegensetzen, muß man ihnen die Verpflichtungen in Erinnerung rufen, welche die rumänische Regierung' gegenüber ganz Europa in der Judenfrage eiugegaugen ist, und ihnen die unerträgliche Lage vor Augen führen, welche die Rumänen seit ihrer nationalen Erhebung den Juden bereitet haben. Da ich einen thätigeu Antheil an den Bestrebungen vor und nach dem Berliner Congresse genommen habe, welchem Rumänien seine Existenz als freier und unabhängiger Staat verdankt, bin ich in der Lage, Ihnen Mittheilungen von unbestreitbarer Echtheit und großem Werthe zukommen zu lassen. Ich bitte Sie daher im Interesse der Wahrheit, meinen Aufsatz, welcher Schritt auf Schritt den rumänischen Ableugnuugen folgen wird, in ihren Spalten zu veröffentlichen. Herr Ghika hat in seinem am 8. August im Siöcle veröffentlichten Briese in Abrede gestellt, daß den Juden die Gerechtigkeit versagt wurde, und den erhobenen Anklagen die vorzügliche Organisation der neuen Gerichtspflege, die nach seiner Angabe in den Händen ausgezeichneter Juristen ruhe, entgegeugestellt. Ich will mich mit diesen Beschwerden nicht befassen. Es sind dies im Allgemeinen Einzelacte, welche den Richtern zuzuschreiben sind, deren Rechtskenntnisse sie nicht hindere, ungerecht, ja grausam gegen die Juden zu sein. Ich werde mich vielmehr mit den anderen Ableugnuugen des Herrn Ghika befassen und es wird mir ein Leichtes sein, festzustellen, daß sowohl seine als des Herrn Djuvara im „Temps" veröffentlichten Aufklärungen nur die wohlbegründete Anklage über das barbarische Vorgehen der Rumänen bestätigen. Da diese beiden Diplomaten unleugbare Thatsachen nicht in Abrede stellen können, müssen sie zngeben, daß die Juden in Rumänien vexatorischen Maßregeln preisgegeben sind, aber sie behaupten, daß diese Maßregeln weder willkürlich noch ungesetzlich angewendet werden, da sie auf Grund von Gesetzen, welche für Fremde int Allgemeinen gelten, auf die eingeborenen Juden zur Anwendung gelangen; in den Augen der Rumänen sind nämlich alle Juden ohne Ausnahme, Fremde.