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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-03-08 · 10 (8.3.1901) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
10 (8.3.1901)
Date
1901-03-08
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Str. 10 Dr. Vloch's Wochenschrifr. Seite 6<7 Einiges aus den Memoiren der Glücke! von Hameln. Von 8. Usaye. Diese Memoiren sind keine Photographie, sie sind ein Gemälde. In ihrem schönsten Staate, in ihren kostbarsten Gewändern kommt die alte Judenfrau zu uns und sie möchte gar zu gerne, daß wir ihr glauben, wenn sie versichert, dies sei ihre Alltagskleidung. Aber beim besten Willen vermögen wir das nicht; sie verräth sich selbst zu oft. Manchmal ist es ein Blick nach dem Spiegel, manchmal eine ungeschickte Bewegung in dem Prachtgewande, die uns stutzig und mißtrauisch machen und zuletzt lächeln wir ein bischen über die gute, geschwätzige Glücket, die vor uns posirt. Die Memoiren sind von dem verstorbenen Prof. Dr. David Kaufmann herausgegeben; sie umfassen die Jahre 1645—1719, die Zeit nach dem großen Kriege, eine Zeit der Sittenlosigkeit und der allgemeinen Berderbniß, eine Zeit, in der Hexen verbrannt und Gold gemacht wurde, eine Zeit, in der die vornehmsten Frauen die verfänglichsten Dinge schrieben, und nicht blos schrieben, eine Zeit, in der die frechsten französischen Madrigals gesungen wurden und in der man im tollen Durcheinander lachte und folterte, tanzte und verbrannte; eine Zeit, in der sich alle Flammen der erdenklichsten Leidenschaften zu einem hellen Brande vereinigten, eine Zeit, die noch heute Schrecken und Bewunderung erregt und aus der man wohl mit Recht interessante Berichte erwarten dürfte. Aber in den Memoiren der Glücket von Hameln wird man vergeblich nach einem Spiegelbilde dieser tollen, erregten genußfrohen Zeit suchen, es geht recht ernsthaft in den sieben Büchern der Denkwürdigkeiten zu, recht verständig, recht belehrend und Frau Glücket trägt ihre Tugend wie ein schönes Erbkleinod oft und gerne zur Schau. Wer darüber staunt, der bedenke, daß sie Jüdin und als solche vom Geschicke selbst außerhalb des glänzenden und lasterhaften Kreises ihrer Geschlechtsgenossinnen gestellt war. Also ist nicht eigentlich der Inhalt das Wunderbare an diesen Memoiren, die Glücke! hat — so bedeutungsvoll und wichtig ihr Schicksal für sie selbst war — doch nicht mehr erlebt und es auch nicht anders erlebt als Tausende von jüdischen Frauen, aber sie ist die einzige, die uns Aufzeichnungen über ihr Leben hinterlassen hat, und daß sie solche überhaupt geschrieben, das ist das Erstaunliche und Seltsame. Sie mag das Ungewöhnliche ihres Beginnens wohl selbst gefühlt haben, denn sie versucht es, einen inneren Grund, ein zwingendes Muß für ihr Unternehmen zu finden. Sie erzählt (Seite 3): „Wenn mir die malkulischi (melancholische) Gidankin seinen gikumin ... alsu ich manichi Nacht schlaf los zu gibracht .... also ich uf auf gestandin und die schlos lusi Nacht damit zugibracht". Nämlich mit Schreiben. Mit sicherem Fraueninstinct hat sie ciuen Beweggrund hrrausgesucht. der am meisten auf das Gemüth ihrer Kinder — die sich sie vor Allem als ihre Leser dachte — wirken mußte und sie wiederholt diese rührende Klage bei jeder paffenden und nicht passenden Gelegenheit. Seltsamerweise hat sie auch bei ihrem Entdecker und Manager Pros. Dr. David Kaufmann mit dem melancholischen Gedanken Glauben gefunden, ein unbefangener Leser wird aber doch an dem fortwährenden Trübsinn und den ewig schlaflosen Nächten der armen Glücke! ein wenig zweifeln. Ueberhaupt entwirft Kaufmann in der Einleitung zu dem Buche ein Bild von seiner Heldin, das zwar glänzend gemalt aber theilweise falsch gezeichnet ist und im Grunde genommen nur die knappste Familienähnlichkeit mit der wirklichen Glücke! besitzt. Schon was er über die große Bildung Glückel's sagt, erweist sich bei näherer Prüfung als unzutreffend und ihre That ist uns um so wunderbarer,. je mehr wir einsehen, wie wenig ihr Geist von Erziehung und Borbild beeinflußt wurde. Sie war nichts als eine einfache Judenfrau, aber ein gewaltiges Streben, eine ungewöhnliche Energie und eine köstliche Schaffenslust beseelten sie und daher kommt es auch, daß wir die alte Glücke! als so modern, so lebendig, so liebenswerth empfinden. Sie war nicht gelehrt und nicht so unendlich vortrefflich, aber sie dachte, daß es nothwendig sei, gelehrt und vortrefflich zusein, weil das die einzigen Eigenschaften waren, die sie ihr Leben lang rühmen hörte. In Wahrheit war sie keine Moralistin, sondern eine Künstlerin, die einen schöpferischen Geist und den Blick eines Malers besaß, gepaart mit der Unsicherheit der Eitelkeit, den kleinen Verstellungen und Comödien und der Plauderlust des echten Weibes. Sie muß reizend gewesen sein, die liebe Glücke!, viel, viel reizender, als Kaufmann es ahnte, und ihre Passion war das Erleben und das Schildern. Ihre Lebensfreudigkeit und Lebenslust waren unverwüstlich, das Morgen ein goldener Schimmer für sie und sie hoffte und liebte mit der ganzen Kraft ihres immer jungen, immer thörichten Herzens. Was erzählte nun diese interessanteste aller Frauen? Sie beginnt mit moralischen Betrachtungen und belehrenden Erzählungen. Sprichwörter wechseln mit eigenen Sentenzen ab, Ermahnungen au ihre Kinder mit den Schilderungen von der Nichtigkeit und Werthlosigkeit des menschlichen Lebens, den Lobpreisungen Gottes und der himmlischen Seligkeit. Niemals erfährt man Genaues, woher sie die citirten Geschichten kennt, sie scheint sie aber theilweise abgeschrieben zu haben, zur Unterstützung der von ibr vorgetragenen Ansichten über unser irdisches Dasein und seine Qualen, den Lohn, der den Gerechten endlich zutheil wird, der Strafe, die den Bösen sicherlich ereilt. So wenig war sie selbst von der Wahrheit dieser Meinungen überzeugt, so dringend schienen ihr diese der Belege zu bedürfen, daß sie fast wahllos eine Fülle von Aussprüchen der Gelehrten, Erzählungen und Sprichwörter um ihre Thesen grnppirt. Die ewigen Gesetze von der Schönheit und von der Güte, der Einfachheit und dem Verstehen, die heute die schweigende Voraussetzung überall da bilden, wo ein Mensch von seinem innern Leben zu einem andern Menschen spricht, diese ewigen Gesetze, die auch in ihr lebten, werden übertönt von den ererbten Werthurtheilen über gut und böse, gerecht und ungerecht, gottlos und gottesfürchtig. Das ganze erste Buch ist in dem hochtrabenden moralischen Style gehalten, Frau Glücke! geht mit tragischen Schritten in dem starren Glanz dieser erborgten Ansichten einher und forscht in unseren Augen nach unserer Bewunderung. Die wird ihr aber erst viel, viel später zutheil, vorläufig begnügen wir uns zu höreu und zu staunen. Aber selbst in diesem weniger fesselnden ersten Buche wirkt sie zuweilen packender als manch' ein moderner Erzähler. So trägt sie einmal folgende Geschichte vor: Ein Mann fiel ins Meer. Sicherlich wäre er ertrunken, wenn ihm nicht der Schiffer einen Strick zugemorfen hätte, an dem er sich festhielt und der ihm zur Rettung wurde. — Nun beginnt eine Paraphrase: Wie jener Mann, sind wir in das Meer des Lebens hinausgeworfen und wir wären hilflos verloren, wenn uns nicht in der Lehre Gottes ein rettendes Seil gegeben wäre, an das wir uns klammer» können in unserer Angst und Noth. — Ein Hauch von Größe, von Erhabenheit, von Musik liegt in dieser Darstellung, wir fühlen darin das ewige Meer und das ewige Leben und die Angst und das Zittern der Kreatur. Manchmal aber ermüdet und langweilt sie durch Wiederholungen und langathmige Betrachtungen wie in der merkwürdigen Geschichte vom Vogel und seinen Jungen oder vom Leibarzt des Königs. Schön ist wieder die letzte Erzählung in diesem ersten Buche, wie ein Philosoph mit seinem Freunde eine Höhe ersteigt und ihm alle Häuser der Stadt zeigt: „Siehe, ein jedes Haus verbirgt ein Leid \a Wir alle, wenn wir erst eine gewisse Höhe erstiegen haben und die Wohnungen der Menschen zu unseren Füßen liegen sehen, — wir alle wissen, daß jedes Haus sein Leid verbirgt, und wenn wir auch nicht, wie der Freund des Philosophen in Glückels Geschichte, unser Leid n'cht vertauschen wollen, weil es am Ende noch das leichteste ist, sondern weil es uns am theuersten und keinem andern zu vergleichen, so fesselt uns doch das Bild der schweigenden Häuser mit dem verborgenen Leide unter den verstehenden Blicken der beiden Männer auf der Höhe. Rührend ist es, wie sich die Glücke! mit den vielen unbegreiflichen Dingen im Leben, dem seltsamen Walten des Schicksals abzufinden sucht. Sie ahnt, daß da ein Geheimniß verborgen ist, daß da unbekannte Gesetze wirken müssen nach einer höheren Gerechtigkeit als die der Menschen; aber all das kommt ihr nicht klar zum Bewußtsein und so sagt sie nur: Wir können es nicht begreifen, aber es wird schon Alles gut sein, der Böse wird bestraft, der Gute belohnt werden, wenn nicht hier, so doch in jener Welt. Sie hat den primitiven vertrauensseligen Glauben eines Kindes, sie übt keine Kritik, und wenn das Leben und das Geschick diesen ererbten Lehren widersprechen» so flüchtet sie sich hinter die ewige Vergeltung und ist beruhigt. Gottes Walten ist überall ersichtlich, sagt sie, und sie fordert ihre Kinder zum Glauben und Vertrauen auf. Sie ist wirklich glücklich; sie hat niemals vor dem großen Nichts den leisesten Schauer empfunden, sie hat niemals dem Leben in die leeren Augen geblickt, sie weiß nicht, aber sie glaubt und wir beneiden sie darum, wir, die wir im Wissen fast nicht weiter gekommen find und im Glauben so vieles verlernt haben. (Fortsetzung folgt.)

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