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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-03-01 · 9 (1.3.1901) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
9 (1.3.1901)
Date
1901-03-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Nette 158 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. y »Es hat keine Eile", entgegnete Rudolf. »Was ist über Dich gekommen?" rief Nathan; »Du pflegtest pflichteifriger zu sein". »Laß' mich bis nach den Feiertagen bleiben!" sagte Rudolf bittend. »Die Feiertage! Was hast Du mit unfern Feiertagen zu thun?* sagte Nathan achselzuckend. Der junge Mann wurde bis in die Lippen bleich. »Ich liebe sie!" murmelte er innig. Aber Nathan hörte es nicht, er war an der Thür und rief seiner Frau zu, sie möge Rudolf's Koffer packen. Einige Wochen später fuhr Reb Nathan nach Prag, um den berühmten Rabbi Gerson zu hören, der aus Krakau gekommen war, um zu predigen und für die verfolgten polnischen Juden zu sammeln. Die Altneuschul war gedrängt voll, und ein feierliches Schweigen herrschte in der Versammlung, wie am Versöhnungstag. »Sie haben sie aus ihren Wohnungen vertrieben, aus jenen armseligen Heimstätten, die sie sich im Schweiße ihres Angesichtes gegründet, mit ihrem Lebensblute. Sie haben sie geschlagen, mit Hunden gehetzt, ausgeplündert; sie haben die Kinder gesteinigt, die Jungfrauen verhöhnt, die Söhne gemordet," sagte der Rabbi. Eine bekannte alte, immer neue Geschichte, ult wie Menschengedenken. Doch weinte das Volk. Vor Reb Nathan stand ein junger Mann, der nicht mit dem ergebenen Schmerze alles ertragender Geduld sich härmte und litt. Er streckte die Arme gegen die Mauer empor, nächst der er stand, vergrub sein Gesicht in dieselbe und zitterte an allen Gliedern in einem Ausbruch von Schmerz. Bei dem Schlußgebet, mit dem der Gottesdienst endete, verhüllte er sein Gesicht in seinen Gebetmantel und schluchzte laut. »Es mag ein Fremder sein, vielleicht einer von jenen, die so gelitten haben." dachte Nathan. »Vielleicht bedarf er tröstenden Zuspruchs." Reb Nathan wartete bis die Synagoge leer war, und noch blieb der Fremde in traurigen Brüten versunken. »Verzeihen Sie" sagte Reb Nathan, indem er sich näherte und die Hand auf die Schulter des jungen Mannes legte. Der Fremde lüftete seinen Gebetmantel und wandte den Kopf. . , Ein Schrei zerriß die Stille. »Rudolf!" Das schlummernde Echo sprang aus den dunkeln Ecken hervor und wiederholte den Namen schrecklich zwischen den allen schwarzen Pfeilern. »Bist Du wahnsinnig geworden? Du ein Katholik?" rief Nathan entsetzt und der junge Mann hörte zum erstenmal die Geschichte seiner Geburt. Wohl auf manches eigenthümliche Schauspiel mögen die altersschwarzen Mauern der alten Synagoge in der Zeit ihres langen uud ereiguißvollen Bestehens herabgesehen haben, aber nie auf ein eigenthümlicheres als jenes, das sich ihnen an diesem Tage bot. Ein Katholik rief zum Gott Israels, ein ftommer Jude brat für Jesus Christus ein. »Meine Zunge soll nicht sprechen, was * nicht in meinem Herzen wiederhallt", rief Rudolf; bei der Messe stimmt der Priester das Paternoster an, aber mein Herz schwingt noch von der Hymne zur Begrüßung des Sabbaths, wenn der Chor »Ave Maria singt, klingt in meiner Seele das mächtige: »Höre Israel!" »Schweig Heiligthumsschänder!" schrie Nathan. »Dein Vater war der Pfarrer von Prag und Du mußt den Gekreuzigten anbeten. Es steht geschrieben: »Du sollst Vater und Mutter ehren"/ Hast Du in meinem Hause nicht gelernt, was das bedeutet? Du mußt den Wunsch Deines sterbenden Vaters befolgen. »Ich kann nicht! Ich kann nicht!" schrie Rudolf. -Ich sage Dir, Du mußt!" »Mich in eine Mönchskutte stecken! Mein Leben zu einer Lüge machen", brach es aus dem jungen Mann hervor. »Du kannst mein Herz nicht ändern, ich bin ein Jude. i- Nathan wurde leichenbleich und wich zurück, als hätte er < einen Streich erhalten. »Abtrünniger!" Er zischte das Wort förmlich zwischen seinen bleichen^ Lippen hervor. »Ich bin immer ein Jude gewesen!" rief dann Rudolf. & »Du lügst, beim Himmel, Du lügst!" »Habe ich Dich! nicht gelehrt, den Gekreuzigten anbeten, selldem Deine Lippen zus lallen begonnen?" »Du Hast mich gelehrt, den Gott Israels lieben", war die rasche Antwort. Nathan starrte ihn mit entsetzten Augen an. »Ich, ich habe das gethan? stieß er hervor. »Gott, mein Gott, ich bin ein Verräther, Ferdinand, vergib!" Niedergeschmettert von seiner Qual, sank er hilflos auf eine Bank. Der junge Mann fiel vor Nathan auf die Kniee. »Ich gehöre zu Dir und den Deinen!" rief er aus, »mit Leib und Seele zu Dir und den Deinen!" »Hör' auf! hör' auf!" schrie Nathan, »jedes Wort, das Du aussprichst, ist Berrath gegen Deinen Vater." »Nein für Dich, nur für Dich" flüsterte Rudolf. »Du liebst mich mein Sohn, nicht wahr? Du möchtest meine grauen Haare nicht in Kummer und Scham ins Grab bringen? Du wirst treu sein, schwöre, daß Du treu sein wirst", bat Nathan. »Habe Mitleid mit mir!" schluchzte der junge Mann. »Es ist zum Heile Deines Vaters;!" sagte Nathan sanftmüthig. »Nein für Dich, nur für Dich!" flüsterte Rudolf.. »Um seinetwillen wirst Du stark und tapfer und treu sein. Du wirst schwören, treu zu sein". »So helfe mir Gott, ich schwöre!" stöhnte Rudolf erschöpft. Das Licht der ewigen Lampe blickte mit ruhigem, unbeweglichem Auge auf dieses namenlose Weh, aber das Echo in den schwarzen Pfeilern schluchzte mit dem alten Juden, der seinen Schmerz auf der Schulter des jungen Mannes ausweinte. »Wir werden leiden, mein Sohn, Du und ich und Rachel mein Weib und die Kinder", sagte Nathan feierlich. »Was liegt daran? — Und eine fremdartige, verzückte Freude leuchtete in seinen Augen — es ist für die Ruhe seiner Seele — Ferdinands, meines Freundes". — Zwei Jahre später drängte sich eines Tages eine große Versammlung im Prager Dom, um der Aufnahme von fünf jungen Leuten in den Orden des heiligen Franciscus beizuwohnen. Zwischen den Leuten war auch ein alter Jude und sein Weib. Mit schüchternen, bleichen Gesichtern, standen sie ruhig ergeben an die Wand gedrückt da. Niemand beachtete sie, bis man nach der Ceremonie den Juden sein weinendes, halbohnmächtiges Weib hinaustragen sah. »Die Unverschämten!" »Sie sind überall!" »Selbst in der Kirche entgeht man ihnen nicht!" Das waren die Segenssprüche, die ihrem Abgänge folgten. Aber in dem Hause des Juden saßen an diesem Tage Reb Nathan und sein Weib Rachel mit gesenktem Haupte und trauerten wie solche, die ihr geliebtestes Kind begraben haben. Jahre sind vergangen und die Freiheit hat einen Trmmpheinzug in Maritz gehalten und in ihrem Gefolge war eine neue Synagoge gekommen mit einem Gräuel, Cantor genannt, und eigenthümlichen, gottlosen Arten, den Sabbath zu brechen. Nur wenige Leute im Orte erinnern sich an Reb Nathan und seine Familie. Lah und Hanna haben bereits vor Jahren nach fernen Ortschaften geheiratet. Ein einzelner Stein in dem kleinen Judenfriedhof kennzeichnet die Stelle, wo Reb Nathan und sein Weib, Seite an Seite, ruhen. Einmal im Jahre wird die Erinnerung an sie aufgeftischt und ein paar alte Leute erzählen die eigenthümliche Geschichte von ihrem Pflegesohne, der ein Mönch wurde. Das ist am Allerseelentage,, wenn das letzte verschrumpfte Laub noch trauernd an den Zweigen haftet, die Sonne mild und lieblich und die Erde noch von der Ernte aufgelockert ist und träge unter der weichen Decke von trockenem Laub gähnt. Dann erscheint ein bleicher Mönch im Ort. Er schließt sich den Leuten bei der Messe an und folgt dann ihrer Pilgerfahrt zum Friedhof. Er trägt eine brennende Kerze in der Hand und ein Kranz hängt an seinem Arme. Neben dem hohen Marmorkreuz, welches das Grab Ferdinand Ulm's, des Pfarrers von Prag, ziert, legt er Kranz und Kerze nieder, dann knieet er und betet lange und inbrünstig. Am Abend wenn die rasch hereinbrechende Dämmerung ihre ^Schatten auf Wege und Straßen senll, geht er durch das Judenviertel. . Die alten, frommen Juden sind auf ihrem Wege zum Abendgottesdienst. »Es ist Reb Nathans Rudolf!" flüstern sie einander zu. IJene, welche ihm mit den Blicken folgen, sehen ihn die ganze Waffe entlang gehen, auf dem »guten Ort" eintreten und neben

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