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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-02-15 · 7 (15.2.1901) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
7 (15.2.1901)
Date
1901-02-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 118 3*r<> BlEs WockrnsriE Nr. 7 Marburg, 4. Februar. Die „Hessische Landeszeitung" hat dem Reichstagsabgeordneten des hiesigen Wahlkreises, Dr. Böckel, einen bösen Streich gespielt. In einer ihrer jüngsten Sonntagsnummern bringt sie einen Artikel, in dem sie Dr. Böckel vorhält, daß er als antisemitischer Abgeordneter mit dem jüdischen Parlamentsjournalisten Dr. Hamburger (der einige Zeit den Reichstag nicht besuchen durfte) in geschäftlicher Verbindung stehe, indem er gegen Entgelt dem genannten Journalisten Berichte aus den Commifsionssttzungen geliefert habe. Die „Hessische Landeszeitung" bezeichnet dieses Verfahren, angewandt von einem antisemitischen Abgeordneten, als politisch charakterlos und fordert Böckel auf, da er unmöglich im Sinne seiner Wähler gehandelt haben könne, sein Mandat niederzulegen. Daß das genannte Blatt seiner Sache sicher ist, beweist wohl der Umstand, daß es Böckel seine Spalten zur Ausnahme einer Rechtfertigung überlasten will. Bis jetzt ist eine solche noch nicht erfolgt. Paris. Der französische Deputirte Lasies, Führer der bonapartistisch-nationalifiisch-antisemitischen Mischmaschpartei, hat die Debatten der Deputirtenkammer über die Congregation zu einem heftigen Angriff auf die Juden benutzt. Er verglich die katholischen Conqregationen mit der israelitischen Alliance nnd log der Kammer vor, daß die Alliance 80 Milliarden — nicht etwa 80 Millionen — besitze; gleichzeitig las er der Kammer einen von ihm selbst erfundenen Aufruf der Alliance an die Juden Galiziens vor. in welchem es u. A. heißt: „Brüder und Glaubensgenossen! Es ist hohe Zeit, daß dieses Land (Galizien) unser eigenes Königreich werde. ..." Ferner heißt es in dem von Lasies verfaßten Auftuf: „Dos Eigenthum der Christen soll dann Euch gehören. Die Alliance israelite wird auch schon die zum Kampfe nöthigen Mittel liefern." Der antisemitische Fälscher hatte noch die Stirn, der in jüdischen Angelegenheiten unwissenden Kammer gegenüber die Worte zu gebrauchen: „Ich weiß wohl, daß alle unter Beweis zu stellenden Anklagen nichts nützen, sobald es sich um Juden handelt." Um das Maß voll zu machen, las der freche Antisemit der Kammer dreist einen nirgends existirenden talmudischen Text vor, in dem die wildesten Sachen Vorkommen. Als der Berichterstatter den schüchternen Einwurf wagte: „Ich weiß nicht, ob das Buch, aus dem Sie vorlesen, authentisch ist", warf sich der große Talmudist Lasies in die Brust und erwiderte stolz: „Herr Berichterstatter, das Buch steht Ihnen zur Verfügung." Man sieht, die Antisemiten in Frankreich sind womöglich noch frecher als die in Deutschland. Leider fand sich in der französischen Kammer kein Jude, der fähig und willig wäre, den dreisten Antisemiten das Wort „Lügner!" und „Fälscher!" ins Gesicht zu schleudern. Drei Tage später sandte Herr Bigart im Namen der Alliance einen offenen Brief an Lasies. Gleichzeitig aber richtete der Orand Üahbin de Brance Zadoc Kahn an den Kammerpräsidenten Paul Deschanel ein Schreiben, in welchem es u. A. heißt: In der Sitzung der Kammer vom 24. Jänner hat der Deputirte Lasies die I iden verletzende Aeußerungen gethan, die ich nicht unwidersprochen lassen darf. Ich bedauere lebhaft, daß der verehrte Deputirte, statt sich aus zweiter Hand einige unzusammenhängende Sätze aus dem Talmud zu verschaffen, sich nicht gleich an die richtige Quelle gewendet hat. Er hätte das ruhig thun können, ohne sich der Todesgefahr auszusetzen. Nebenbei existiren lateinische, französische und englische Talmudübersetzungen, die es selbst dem Laien möglich machen, sich in die Geheimnisse desselben zu vertiefen. Hätte Mr. Lasies sich die Mühe genommen, einige Tractate des Talmuds durchzugehen, er würde bald herausfinden, daß dieses immense Werk, welches wie ein klarer Spiegel das jüdische Leben während mehrerer Jahrhunderte getreu wiedergibt, nicht so schwarz ist, wie er es sich ausmal>e; daß aber das talmudische Recht e>n Denkmal ist. auf das jedes civilisirte Volk stolz sein könnte; daß die talmudische Sittenlehre die reinste, erhabenste und zugleich strengste ist, welche jemals gelehrt worden ist. Ich behaupte zwar nicht, raß in den umfangreichen Folianten, welche Alles, selbst bis auf den Aberglauben des Volkes, enthalten, nicht irgend welche individuellen Ansichten, welche unsere moderne Auffassung verletzen oder daß mehr oder weniger harte Vorschriften in Bezug auf die Heiden Vorkommen. Allein das, was ich mit Bestimmtheit versichern kann, ist, daß die Worte „Gojim",' „Akkum" u. a. zur Bezeichnung von Nichtjuden vom Talmud angewandte Ausdrücke sich niemals auf die Christen beziehen. Diese übrigens ziemlich milden gegen die Heiden erlaffenen Vorschriften sind nichts weiter als Vertheidigungsmaßregeln gegen unbarmherzige Verfolger. Uebrigens kann Herr Lasies wegen der Gefahr, welche der modernen Gesellschaft von den juridischen Vorschriften des Talmuds angeblich droht, sich völlig beruhigen. Diese Gesetze sind in den Landern, in denen die Juden unter dem gemeinen Recht leben, nach dem großen talmudischen Satze „Dina dimalchusse dma“ (Das Gesetz das Staates gilt) außer Kraft gesetzt. Es ist daher überflüssig, sich über einige mißverstandene talmudische Vorschriften zu erhitzen welche seit Jahrhunderten eine antijüdische Polemik unterhalten und deren wirklicher Sinn von Kennern immer wieder und wieder ins richtige Licht gesetzt wird. Viel wichtiger ist es, sich mit näher liegenden Dingen zu befassen. Herr Lasies hat eine von mir über die Alliance gehaltene Rede erwähnt und aus derselben den Satz citirt: „Die Allianoe israelite ist kerne reine Wohlthätigkeitsgesellschast." Er ließ dabei durchblicken, daß gefährliche Geheimnisse dahinterstecken. Ich stelle meine betreffenden Ausführungen Herrn Lasies zur Verfügung. Er würde erkennen, daß der verdächtige Satz überaus harmlos ist. Die Alliance israelite hat die Aufgabe, die materielle und moralische Lage der Juden im Orient und in Afrika zu heben. Sie gründet zu diesem Zwecke nach Maßgabe ihrer Mittel Primär-, Handwerker- und Ackerbauschulen. Aber sie vertheilt mit seltenen Ausnahmen keine Almosen.. Das ist der Sinn des incriminirten Satzes. Gegenwärtig unterhält die Alliance über 100 Knaben- und Mädchenschulen, für welche das Lehrerpersonal in Paris ausgebildet wird. Die Zahl der Schüler übersteigt 30.000. Es gibt in Frankreich keinen Minister des Auswärtigen, welcher das seit 40 Jahren von der Alliance geleitete Culturwerk nicht anerkennt. Nicht umsonst ist die orientalische Normalschule der Alliance als eine öffentliche nützliche Einrichtung anerkannt worden. Wie steht es aber mit dem Aufrufe der Alliance an die galizischen Juden? Nun darüber nur e i n Wort. Der Aufruf ist eine Fälschung, deren Urheber leicht zu errathen sind. Es gehört zu den Gewohnheiten der Antisemiten, ganze, die Juden bloßstellende Actenstücke zu fälschen, um dann entsetzt über eine jüdische Verschwörung zu schreien. Noch ein Wort, Herr Präsident, über die 80 Milliarden, welche das französische Judenthum besitzen soll. Da Herr Lasies einmal die Spendirhosen anhatte, hätte er die Ziffer schon verdoppeln oder gar verdreifachen können. Solche Ausführungen schlagen sich selbst. Es ist sehr leicht, etwas zu behaupten und das Weitere der Leichtgläubigkeit des Publicums zu überlaffen. Ich hoffe, Herr Präsident, daß Sie diesen Brief, den ich. um Ihre Zeit nicht zu mißbrauchen, möglichst kurz zu fassen suchte, günstig aufnehmen werden. Empfangen Sie die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. London. Die Londoner Wochenschrift „Black and White“ (ein streng royalistisches Blatt) bringt in der jüngsten, den großen Ereignissen in der Königsfamilie gewidmeten Nummer folgende sensationelle Notiz: „Der „Jewish Chronicle“ commentirt dieser Tage die Thatsache (die Regierungsübernahme des Königs Eduard VII.) mit der Bemerkung, daß die gegenwärtige Gelegenheit die erste ist, in welcher die Proklamation eines Souveräns von Inden mitgezeichnet wurde." Daran fügt das genannte Blatt „Black and White“: „Man kann noch weiter gehen und Nachweisen, daß seit der Eroberung Judäas durch die Römer die verstorbene Königin der erste Souverän von jüdischer Abstammung war, welcher je auf einem Throne saß. Ihre Mutter, die Herzogin von Kent, war th a t sä ch l i ch halb jüdischer Herkunft durch die S a a l f e l d's, eine rein israelitische Famrlie und eine der ältesten in Deutschland. Was nun den König betrifft, so sind in seinem Gesichte die charakteristischen Züge der auserwählten Race noch nicht ganz verwischt, und die Vorliebe und ausgezeichnete Eignung für die schönen Künste, welche bei vielen Mitgliedern der königlichen Familie hervortritt. ist durchaus judaistisch, sowie es auch wohl bekannt ist, daß jüdische Frauen eine diesbezüglich größere Fähigkeit besitzen als die der anderen Racen." Vielleicht erblicken Specialforscher in der angeführten Thatsache die Anregung, derselben ernster nachzugehen. Zum Kampfe um die Sabbathruhe. Am 15. d. M. fand in den St. Pauls-Halls in London eine von der jüdisch-nationalen Schneidervereinigung einberufene große jüdische Arbeiterversammlung statt. Der Saal war schon um 8 Uhr so überfüllt, daß man die Eingänge schließen mußte. Aber die nachdrängende, einlaßbegehrende Menge sprengte mit Gewalt die Thüren und verschaffte sich so Zutritt. Auf der Tagesordnung stand: Vernichtung der Ueberstunden, Heilighaltung des Sabbath nach Act der Väter. Vorsitzender Parlamentsmitglied Stuart M. Samuel hielt eine Ansprache, in welcher er erklärte, die jüdischen Arbeiter seien sehr wohl im Stande, ihr Ziel zu erreichen, wenn sie nur den festen Willen dazu hätten und untereinander einig blieben. Als ihr Vertreter im Parlament hielt er es für seine Pflicht, in der Mitte einer jüdischen Arbeiterversammlung zu erscheinen. Die Heilighaltnng des Sabbath sei von enormer Tragweite für sie und ihre Kinder. Mögen daher die jüdischen Schneider fest Zusammenhalten, umso mehr als das Gesetz es ihnen gestattet, am Sabbath zu ruhen und am Sonn-

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