Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 7 (15.2.1901)
- Date
- 1901-02-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 7 Dr. Bloch’s Jahrgang X VIII. Centrslorgan für die gefsmmten Interessen des Iudenthums. Tk. ft. p ost l parcassen-Umt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Led.irtion und Administration: Wien IX/I, Verjigaffe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. -—*“ M= Wien, 15. Februar 1901. 4»» — Erscheint jeden Freit ag. —-- Brief-Adresse: Wien» IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift» Wien. Vrrngsprri» für Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt. Seit.artif ei: Die Lage in Rumänien und die Ursachen der letzten Massenemigration. — Die Formel Schönstedt Nordau. — Zur Lage der Juden in Rußland. — Ein Bischof als Talmudkritiker. — Correspondenzen: Bürgermeister Dr. Lueger und die jüdischen Pferdehändler. Wien. Woran die Juden schuld sind. Brody, Bielitz, Gewitsch, Jglau, Tyrnau, Berlin, Marburg, Paris, London. Zum Kampfe um die Sabbathruhe. London. — Vermischtes: Sorget für Euer Heimatsrecht. Wien, Wien-Ottakring Olmütz, Warasdin, Leipnik, Lemberg, Essegg, Budapest, Fürth i. B., Paris, Jassy, New-Uork. —Feuilleton: Ein Idyll aus der Judengasse. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die Lage in Rumänien und die Ursachen der letzten Massenemigration. (Bericht des nordamerikanifchen Specialcommissärs an die Regierung der Vereinigten Staaten.) Das Einwanderungsdepartement in Washington publicirt nachstehenden Bericht seines nach Rumänien entsendeten Specialbevollmächtigten Mr. W a t ch o r n: „Ich habe die Ehre, in Befolgung der im Departementbriefe 22.703 vom 28. Juli 1900 ertheilten Instructionen, folgende eingehende Auskünfte zu ertheilen, „über die Ursachen, die zur Auswanderung der rumänischen Juden führten, über Zahl und Charakter jener, die sich vermuthlich nach den Bereinigten Staaten wenden würden, und über die traurigen Verhältnisse, in welchen die Bevölkerungsgruppen dort im Allgemeinen leben und welche dazu beitragen, daß sie ihre Heimat verlassen." Ein historischer Abriß oder eine Geschichtsskizze von Rumänien würde das Verständniß und das Begreifen der Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in diesem Lande ungemein erleichtern, und wir könnten im Lichte vergangener Erfahrungen dazu geführt werden, was wir vom Standpunkte des Einwanderungsamtes aus zu erwarten haben. Das Königreich Rumänien besteht aus den moldau-walachischen Provinzen, die ehemals zur Türkei gehörten uitb Jroft des Berliner Vertrages vom 13. Juli 1878 als ein unabhängiger Staat anerkannt wurden, dem man die Dobrudscha angliederte. Am 13. März 1881 wurde er zum Königreiche erhoben. Dessen ganzer Flächenraum beträgt 16.314 Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von sechs Millionen Seelen, darunter 400.000 Juden. Es gibt kein besseres Erdreich in ganz Europa, seine Fruchtbarkeit und Zeugungskraft ist außer in trockenen Jahren ganz unvergleichlich. Die Petroleumindustrie strebt den ersten Platz nach der Landwirthschaft an, und nach der Meinung internationaler Sachverständiger hat die rumänische Oelproduction sicherlich eine sebr bedeutende Zukunft, da die sichersten und stärksten Anzeichen darauf Hinweisen, daß die Borräthe nicht nur weit verbreitet, sondern in solchem Ueberfluffe vorhanden find, daß man die Lager „unerschöpfliche Quellen" nennen darf. Es gibt dort weniger als 2000 Meilen Eisenbahnen in wirklichem Betriebe, während die Telegraphenlinien 10.000 Mellen nicht übersteigen. Alle Verkehrsmittel sind Eigenthum und in Verwaltung der Regierung einschließlich der Eisenbahn- und Dampferlinien. Das Klima ist nicht unähnlich jenem, welches unsere Präriestaaten charakterisirt, da es, wie diese, ziemlich großer Hitze und heftiger Kälte unterworfen ist. Die Armee besteht aus 48.000 Mann — im Friedensstande — in Kriegszeiten kann sie bis auf 160.000 Mann erhöht werden. Die Recrutirung wird genau und streng durchgeführt. Ein Schutzzoll ist manchen Erzeugnissen der Manufacturbranche auferlegt, aber alle Erzeugnisse und Hilfsgeräthe der Landwirthschaft sind von jeder Art Verbot oder Zoll befreit. Geographisch könnte man Rumänien als das Belgien Osteuropas bezeichnen, da es ein Pufferstaat von höchster Wichtigkeit ist. Ein Krieg zwischen Rußland, Oesterreich und der Türkei oder zwischen zwei dieser Mächte würde beinahe mit Sicherheit die Neutralität Rumäniens ausschließen, und die Armee, die seine heißbegehrte Mitwirkung erlangen würde, könnte schon im Vorhinein des Sieges in diesem Kriege gewiß sein. Rumänische Tapferkeit war es, welche Rußland im Jahre 1877 vor einer gewaltigen Niederlage durch die Türken bewahrte. Dieses Schwergewicht in den strategischen Angelegenheiten der Balkanländer und das Ansehen bei den mächtigen Nachbarstaaten hat einen direkten Einfluß auf den Gegenstand, mit dem wir uns beschäftigen, indem es Rumänien gleichglltig gegen die Anklage macht, daß es den ihm von dem Berliner Congreß ertheilten Auftrag nicht vollständig ausgeführt hat und daß es durch diesen eine hohe Stellung einnimmt, die eines souveränen Königreiches, zu welcher es nicht berechtigt ist, da es unterlassen hat, die Bedingungen zu erfüllen, unter welchen es selbstständig gemacht wurde. Rumänien hat nicht die geringste Absicht, die jüdische Bevölkerung innerhalb seiner Marken laut den Bedingungen des Berliner Vertrages zu behandeln. Wären nicht die vorerwähnten ganz einzigen geographischen Vorzüge, wäre es der jüdischen Race möglich, eine „machtvolle" Aufmerksamkeit auf Rumänien zu lenken, auf seine Unterlassung, allen Claffen religiöse und politische Freiheit zu gewähren. Internationale Eifersucht gewährt Rumänien fast eine straflose Freiheit für alle Folgen seiner großen Gleichgiltigkell gegenüber den Bedingungen des Berliner Vertrages. Die größten europäischen Regierungen — Mitunterzeichner des berühmten Vertrages — haben ernstliche und kräftige Vorstellungen bei der rumänischen Regierung erhoben, aber diese