Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mr. 44 Dr. Bloch’s Jahrgang XVII. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. -M A. k. Pofisparcaffen-Arnk Clearing-Verkehr Nr. 810.876. Ledsrtion und Administrstton-. Wir» IX/1, Verggalsr Nr. 38. Telephon Nr. 14.847. *= Wien, 2. Nommtcr 1900. -H- W” Crsch eint jeden Freitag. ->». - Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggafse 38. Telegramm-Adreffe: Bloch's Wochenschrift» Wien. Sezugspreis für Sesterrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller, Für'» Ausland- Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 20 » Anzeige«: Die4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. M- =* Inhalt. Leitartikel: Zum Proceß in Pisek. — Zur Lage in Rumänien. — Pia desideria. — Zu Pia desideria. — Kinderraub in Galizien, Ein arisch-christlicher Musterstaat. — Die Minder des Talmud und das Gebet gegen die Minder. — Correivondenzen: Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom 28. Oktober 1900. Wien, Prag, Oderberg, Lemberg, Bukarest, Nürnberg, Petersburg. — B e rs mischtes: Wien, Krakau, Triest, Austerlitz, Breslau, Insterburg, Paris — Feuilleton: Jankiel der Makler. — Briefkasten. — Inserate. Zum Proretz in Pisek. Der zweite Hilsner-Proceß vor dem Piseker Schwurgerichte bietet ein ganz eigenartiges Interesse. Langsam, Schritt für Schritt müssen sich die Richter, der Staatsanwalt, die Vertheidiger durch ein schier unentwirrbares Gestrüpp von falschen Ausstreuungen, ödem Dorfklatsch und unerweislichen Gerüchten den Weg zu den Thatsachen bahnen. Die „öffentliche Meinung" von Polna und Umgebung hat diese Affaire mit einer so üppig wuchernden Hecke von phantastischen Combinationen umgeben, daß Dichtung und Wahrheit kaum noch von einander zu sondern sind. Es ist charakteristisch, wie die Angaben vieler Zeugen über den Zeitpunkt, in dem sie ihre Beobachtungen gemacht haben wollen, wechseln, wie sich bei eindringlichem Befragen herausstellt, daß die künstlich erregte Einbildungskraft an diesen Beobachtungen einen größeren Antheil hat, als Auge und Ohr. Es zeigt sich mit erschreckender Deutlichkeit, wie weit die Polnaer Affaire im Laufe von eineinhalb Jahren über den Rahmen der reinen Strafgerichtsbarkeit, den sie niemals hätte verlassen dürfen, hinausgewachsen ist. Aus der theoretischen Möglichkeit, daß der Jude Leopold Hilsner aus Sinnenlust, Eifersucht oder sonst einem rein subjektiven Motive einen gemeinen Mord begangen haben könne, hat eine fanatische Agitation schon wenige Tage nach der Verhaftung Hilsner's einen Ritualmord gemacht und damit die christliche Bevölkerung von Polna und Umgebung in eine so wahnsinnige Aufregung versetzt, daß sie jeder Suggestion zugänglich war. Wir erinnern heute an eine halbvergessene Thatsache. Bei den gegenwärtigen Verhandlungen in Pisek hat der Herausgeber eines Prager Antisemitenblättchens, Herr H u s e k, sich mehrfach energische Zurechtweisungen des Präsidenten geholt, weil er vom Zuschauerraume aus in den Gang des Processes eingegriffen und die Geschwornenbank durch Zwischenrufe zu haranguiren versucht hatte. Dieser selbe HuZek war es, der n enige Tage nach der Verhaftung Hilsner's von Polna aus einen Brief an den Abgeordneten Schneider gerichtet hatte, in welchem er diesen aufforderte, sich unverzüglich zum damaligen Justizminister Dr. v. R u b e r zu begeben und die Entsendung einer unparteiischen Gerichtscommisjion zu fordern, weil der angeblich „jüdische" Bezirksrichter Reicheubach nicht verläßlich sei. Die Amtsehre eines österreichischen Richters wurde in diesem Briefe in der unerhörtesten Weise beleidigt. Das Zeitungsblatt, das diesen Brief veröffentlichte, blieb unbeanständet, obwohl Herr v. Ruber sehr eindringlich darauf aufmerksam gemacht worden war. Das war der Anfang der gräulichen Ritualmordhetze, die der Entdeckung des Polnaer Mordes folgte. Derselbe .v u Z ek machte sich daran, das Verbrechen zu einem schwunghaften Geschäfte auszubeuten. Er gab eine Serie aufreizender Ansichtskarten heraus, die zu Hunderttausenden in ganz Böhmen Absatz fanden Und da ihm auch dies ganz anstandslos durchging, setzte die Agitation bald mit kräftigeren Mitteln ein. Nach kurzer Zeit regnete es eine Fluth von Broschüren, Flugblättern, Gedichten und Abbildungen, in denen nicht mehr ein einzelner Jude, sondern die Juden des Mordes aus rituellen Motiven beschuldigt wurden; die haltlosesten Gerüchte, wie jene, daß der Rabbiner von Polna und der Schächter von Goltsch-Jenikau an dem Morde betheiligt waren, wurden in Umlauf gesetzt. Die Untersuchung ergab die vollständige Grundlosigkeit dieser Verleumdungen, die Verleumder aber gingen straflos aus und die in ihrer Ehre so tief Gekränkten konnten ihr Recht nur vor ausländischen Gerichten, in München und Magdeburg, suchen. Ja, an der Fundstelle der Leiche konnte sogar ein blutrünstiges Schächtbild angebracht werden, welches drei Juden darstellte, wie sie ihr Opfer abschlachteten, während eine neben ihnen stehende weibliche Gestalt das fließende Blut in einem Becken auffing, und es bedurfte erst energischester Remonstration beim damaligen Ministerpräsidenten Grafen Thun, damit die Polnaer Gendarmerie beauftragt wurde, das Bild, zu dem die Landbevölkerung zu Tausenden wallfahrtete, zu entfernen. Das war der giftige Sumpfboden, aus welchem die erste Verhandlung in Kuttenberg hervorwuchs. Seit es eine