Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 38 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 690 Nr. 38 Vr. Bloch's Wvchrnfchrrfl. Welch coloffalen Nutzen der Jude den russischen Volksmafsen bringt, dafür nur ein Beispiel: Im Gouvernement Pensa gab es vor 20 Jahren noch keine Juden und der ganze Handel lag in Händen russischer Händler und Kaufleute. Diese haben das Publicum tyrannisirt, es auf jede Weise übervortheilt und für schlechte Waare unverhältnißmäßig hohe Preise gefordert und erhalte». Sie selbst zahlten aber den Bauern und Gutsbesitzern für ihre Erzeugnisse die niedrigsten Preise, die sie überdies nicht sofort entrichteten, sondern erst später, wenn sie selbst für das nach dem Auslande exportirte Getreide das Geld bekommen haben. Durch die Einwanderung von Juden hat der Handel im Gouvernement Pensa sehr bald eine andere Gestalt angenommen. Die Juden zahlen für Getreide den durch Börsennorizen festgesetzten Marktpreis und der Gutsbesitzer erhält das Geld schon aus der Berladungsstation baar ausgezahlt. Die Juden haben de» Landwirth in Pensa gelehrt, Linsen und andere bis dahin in Pensa unbekannte Früchte anzupflanzen und 2 Juden — die Brüder Jesajas und Michael Korobkow — waren es auch, die den russischen Spiritus zuerst auf dem deutschen Markt gebracht haben. Wichtig für den Getreidehandel ist folgende Ausführung des fürstlichen Artikelschreibers. Die russischen Antisemiten behaupten, die Juden hätten durch Verfälschung den guten Ruf des russischen Getreides untergraben. In Wirklichkeit sind es nicht die Juden, die das Getreide verfälschen. Diese sind viel zu geriebene Kaufleute, um eines augenblicklichen Vortheils wegen den guten Ruf eines von ihnen geführten Hauptartikels auf's Spiel zu setzen. Das Getreide wird von den russischen Gutsbesitzern selbst gefälscht, die. ihre jüdischen Abnehmer betrügend, ihr Getreide mit Sand, Gras und anderem Zeug verfälschen. Ich kenne zahlreiche Gutsbesitzer in Pensa, die das regelmäßig machen, und auch ich selbst muß bekennen, im Jahre 1899 meinen mißratheneu Hafer, die Ernte von 625 Hectaren, als Hafer bester Sorte verkauft zu haben, um nicht durch Annahme eines niedrigen Preises den guten Ruf meiner Producte zu gefährden. Zum Schlüsse fordert Fürst Drutskoi-Sakalinski für die russischen Juden die volle Gleichberechtigung. Die Juden bringen Rußland großen Segen, sie sind treue Bürger des Staates, sie zahlen pünktlich ihre Steuern und Abgaben, stellen jährlich dem Heere ein Contingent von 15- bis 20.000 Soldaten und tragen alle Lasten, welche der Staat seinen Unterthanen auferlegt. Es sei daher Unrecht von dem russischen Staate, den Juden Rechte vorzuenthalten, die er selbst den Ausländern in Rußland gewährt. Petersburg. (Die Juden als Soldaten) läßt sich die russische Regierung sehr gern gefallen. Bei der theilweisen Mobilmachung gegen China sind, wie wir an dieser Stelle oft zu berichten Gelegenheit hatten, auch zahlreiche Juden aus Odessa, Wilna, Suwalki, Witebsk Charkow und Tiraspol nach dem Kriegsschauplätze im „Fernen Osten" abgegangen. Aber auch in ftiedlichen Zeiten dient in den Garnisonen von Irkutsk, Wladimostok sowie in den zum Schutze des Baues der chinesischen Ostbahn bestiuimte» russischen Detachements in der Mandschurei eine ganz erhebliche Anzahl Juden. In Port Arthur ist die Zahl der jüdischen Soldaten so groß, daß die russische Regierung sich sogar veranlaßt sah, für sie extra eine Synagoge einzurichten. Bei den stattgehabten Kämpfen in der Mandschurei, bei der Erstürmung der Takuforts, bei der Eroberung von Tientsin, sowie auf dem Marsche nach Peking ist auch jüdisches Blut reichlich geflossen. Dieses werden zweifellos die Listen der Gefallenen und Verwundeten ergeben, mit deren Veröffentlichung die ruffische Regierung eben begonnen hat. Schon die erste Liste, enthaltend das Berzeichniß der bei der Erstürmung der Takuforts gefallenen und verwundeten Soldaten, weist zwei jüdische Namen — Benjamin Londo (gefallen) und Hersch Schumirski (verwundet) auf. Außerdem ist schon im Juni der Ingenieur Jsaac Bernstein als erstes Opfer der chinesischen Wirren gefallen. Auch die Vorsitzende der Frauenabtheilung des Rothen Kreuzes in Wilna, Frau Fürstin Grusinski, hebt in einem Schreiben an die jüdische Gemeinde von Wilna, in welchem die Juden zur Betheiligung bei den Sammlungen aufgefordert werden, hervor, daß unter den in China Verwundeten, zu deren Gunsten gesammelt. werden soll, nicht wenig Juden sich befinden. Bei dieser Gelegenheit darf wohl hervorgehoben werden, daß die Zahl der im russischen Heere dienenden Juden überhaupt unverhältnißmäßig groß ist. Nimmt man das Verhältniß der der Mischen Bevölkerung zu der nichtjüdischen mit 472°/o an, so überstieg die Zahl der stellungspflichtigen Juden im verflossenen Jahr mit 5'90% (912.999 Christen und 53.686 Juden) um 1*4% und die Zahl der eingezogenen Recruten mit 615% um 1*65% (274.275 Christen und 16.825 Juden) bir Norm! So erweisen sich die russischen Juden als treue Bürger, welche alle Pflichten, die der Staat seinen Bürgern auferlegt, gewissenhaft erfüllen. Die Blutsteuer entrichten sie sogar in noch höherem Maße, als selbst die vom Staate verhätschelten christlich-orthodoxen Russen. „Mütterchen Rußland" aber erweist sich ihnen gegenüber dennoch als böse Stiefmutter, in deren Hause selbst die Fremden besser behandelt werden als ihre eigenen, treuen jüdischen Söhne. Shitomir. (In den Großfürsten Wladimir Alexandrowitsch), dem Sohne des Czaren Alexander II. und Onkel des jetzt regierenden Kaisers von Rußland, haben die russischen Juden von jeher einen ehrlichen Freund und edlen Fürsprecher besessen. Als 1882 großes Leid über sie hereinbrach, empfing Großfürst Wladimir eine jüdische Deputation, um ihr sein inniges Mitgefühl über ihr Unglück, sowie sein tiefstes Bedauern darüber auszüdrücken, unter den obwaltenden Umständen für sie nichts thun zu können. Kürzlich besuchte der Großfürst unsere Stadt, um einer Feier seines dort garnisonirenden Regimentes beizuwohnen. Die jüdischen Soldaten, mit dem Rabbiner an der Spitze, zogen ihm unter Vorantragen von Thorarollen entgegen, die jüdische Gemeinde brachte Brod und Salz auf einem kunstvoll gearbeiteten Präsentirteller, der von einem hiesigen jüdischen Goldarbeiter hergestellt worden war. Der Großfürst drückte dem Rabbiner seine Freude über den herzlichen Empfang, sowie seine Bewunderung der kunstvollen Arbeit des jüdischen Goldarbeiters aus. Großfürst Wladimir Alexandrowitsch hat seiner judensreundlichen Gesinnung, wenn es ihm nothwendig schien, unzweideutigen Ausdruck verliehen. Dieses bewies er 1882 gelegentlich der Kaiserzusammenkunft in Danzig, wo im Gespräch beim großen Diner ein hochgestellter deutscher Diplomat laut einige judenfeindliche Bemerkungen fallen ließ. Der sehr hochstehende Herr meinte, die Juden seien eine Plage für alle Völker Europas. Die Anwesenden schwiegen aus Ueberzeugung oder weil sie es nicht wagten, dem allmächtigen Diplomaten zu widersprechen. Da überraschte Großfürst Wladimir die Anwesenden mit der Erklärung, daß er die Juden stets als nützliche, sehr fähige und gute Staatsbürger gefunden habe. Der große Diplomat erschrack sehr, an so hoher Stelle angestoßen zu haben, tröstete sich aber bald damit, daß an einer noch höheren Stelle, beim Kaiser Alexander UI., seine antisemitische Bemerkung gewiß beifällig ausgenommen wurde. London. (Die Juden in Panama.) Aus Colon, Republik Columbia, wird der „Jewish Chronicle" geschrieben, daß die Nachricht, laut welcher während der jüngsten politischen Wirren in Central-Amerika 12 Juden verhaftet und 2 von diesen hingerichtet wurden, völlig aus der Luft gegriffen sei. Die in Panama und in Colon ansäßigen Juden stammen größtentheils aus Auracva (Holländisch Columbien), aus dem dänischen St. Thomas, sowie aus Jamaica. Einige sind auch aus Europa oder aus den Bereinigten Staaten in Panama eingewandert. Es geht ihnen in ihrem weiten Wohnort gut, da sie daselbst große Geschäftshäuser besitzen und von Niemand verfolgt werden. Trotz ihrer erheblichen Anzahl und ihrer Wohlhabenheit haben sich von Panama die Juden bis dato noch nicht zu einer Gemeinde organisirt und besitzen weder einen Rabbiner noch eine Synagoge. Vermischtes. Wien. In der am 19. d. M. unter dem Vorsitze des Präsidenten kaiserlichen Rath K l i n g e r stattgefundenen Vorstandssitzung berichtete der Präsident über die am 10. d. M. im Stadttempel in Anwesenheit des Vorstandes und zahlreicher Andächtiger abgehaltene Trauerandacht nach weiland Ihrer Majestät der Kaiserin Elisabeth. Der Präsident brachte mehrere in der letzten Woche durch das Vertretercollegium erfolgte Erledigungen zur Kenntniß. Wir behalten uns vor, über die verschiedenen Berathungsgegenstände dieser Sitzung in unserer nächsten Nummer noch ausführlichen Bericht zu bringen. Wien. (Diamantene Hochzeit.) Am 8. d. M. beging im israelitischen Tempel zu Pilsen das greise Ehepaar, Herr David Abel es mit seiner Gemalin Frau Sophie geb. Löwy,