Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 35 (31.8.1900)
- Date
- 1900-08-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 85 Dr. Bloch's Wochenschrifl^ Seite 637 Sohn schriftlich bezeuge, daß es nicht seine, des Vaters, Schuld gewesen sei, daß der Sohn nicht ein Handwerk erlernt habe. Dieses Schriftstück sollte ihm in's Grab mitgegeben werden. Nach Erledigung dieser Gewissenssache überließ der arme Drechsler den Sohn seinen Studien und hatte daran seine große Freude. Einen Theil des Ruhmes, den der junge Luzzatto sich nachher erworben, hat auch der biedere Mann miterlebt. Samuel David Luzzatto, der von einer außerordentlichen Schüchternheit war, wurde zuerst öffentlich genannt, als er im August 1819 im Auftrag der jüdischen Gemeinde ein hübsches italienisches Gedicht zur Begrüßung des Kronprinzen Ferdinand (des nachmaligen Kaisers), der Triest besuchte, versaßt hatte. Sein Gedicht fand großen Beifall, und die Zeitungen beschäftigten sich mit dem vielversprechenden Jüngling. Nach und nach errang er sich den Namen eines hoffnungsvollen Gelehrten. Namentlich auf dem Gebiete der Bibelsorschung veröffentlichte er einige Abhandlungen, welche die Aufmerksamkeit der Fachkreise auf ihn lenkten. Der berühmte deutsche Hebräist und Bibelforscher Wilhelm Gesenius hat Luzzatto alsbald als den besten Orientalisten Italiens bezeichnet. Später feierte ihn Franz Delitzsch in seiner epochemachenden Schrift „Zur Geschichte der jüdischen Poesie", wodurch Luzzatto's Name in weiteren Kreisen bekannt wurde. Er galt bald als einer der gründlichsten Bibelforscher und Hebräisten, und im Jahre 1829 wurde er, trotzdem er niemals eine wissenschaftliche Prüfung bestanden hatte, zum Professor an dem Collegium Rabbinicum in Padua ernannt, das Kaiser Franz I. von Oesterreich ins Leben gerufen hatte. Es war dies das erste moderne Rabbinerseminar der Judenheit, das sich in der Folge durch Luzzatto's Lehrtätigkeit als Musteranstalt erwies. Seit seiner Berufung an diese Anstalt bis zu seinem Tode (29. September 1865) entwickelte Luzzatto eine wissenschaftliche Thätigkeit, die geradezu staunenswerth war. In Padua widmete er sich in erster Reihe der Erforschung des jüdischen Alterthums und der hebräischen Poesie. Auf letzterem Gebiete hat er Unsterbliches geleistet. Ihm verdankt die Welt die Erschließung der hebräischen Poesie aus dem goldenen Zeitalter der spanisch-arabischen Epoche. Diese herrlichen Poesien, die jetzt durch zahlreiche Uebersetzungen und Nachbildungen auch solchen bekannt sind, welche die hebräische Sprache nicht beherrschen, lagen damals handschriftlich verschollen, „werthlose Maculatur", wie sich Abr. Geiger ausdrückte. Luzzatto hat zuerst den Diwän Jehudab Ha-Levi's endeckt, den Heinrich Heine, nachdem ihn Michael Sachs auf Luzzatto's Anregung zum Theil deutsch wiedergegeben hatte, so enthusiastisch besang. Es ist unbeschreiblich, welche mühevolle Arbeit und Sorgfalt Luzzatto bei der Herstellung des ursprünglichen Textes dieser Poesien verwenden mußte, die Jahrhunderte hindurch jeder Unbill des Zufalls ausgesetzt war. Er that dies auf Kosten seines Augenlichts. Im Alter war er fast völlig erblindet. Nichtsdestoweniger schrieb er einst an den berühmten Arabisten Munk, der bekanntlich frühzeitig gänzlich erblindet ist, er möchte ihm recht gerne den Rest seines Augenlichtes schenken, wenn er nur die Gewißheit hätte, daß außer ihm sich noch Jemand mit solcher Akribie der Veröffentlichung der hebräischen Dichtungen widmen würde. Die Zahl von Luzzatto's Schriften und wissenschaftlichen Abhandlungen, die in verschiedenen Sprachen abgefaßt und in unzähligen Zeitschriften zerstreut sind, ist erstaunlich, wobei noch Vieles in seinem literarischen Nachlaß der Veröffentlichung harrt. Am größten ist aber unstreitig Luzzatto's Verdienst um die Bibelforschung, das man erst nach und nach zu würdigen beginnt. Er griff mit großer Vorsicht und mit seltenem Berständniß in die Textkritik ein. Vom Genius der hebräischen Sprache sicher geleitet ,schlug er einige Emanationen vor, die man als die Wahrheit selbst bezeichnen darf. In der Regel wundert man sich, wenn man diese Conjecturen gelesen hat, daß man selbst nicht darauf gekommen ist, so einleuchtend und selbstverständlich erscheint Alles. In der biblischen Textkritik nahm Luzzatto eine vermittelnde Stellung ein; er gab wohl zu, daß eine Verstümmelung r>es biblischen Textes nicht ausgeschlossen sei, mahnte aber stets zu großer Vorsicht bei den sogenannten Verbesserungen. Erfreulicherweise bricht sich diese Methode, insbesondere in Deutschland, immer mehr Bahn, freilich fehlt es an Männern, die wie Luzzatto so tief in den Geist der hebräischen Sprache eingedrungen sind. Fast erblindet und von der Arbeit erschöpft, starb Luzzatto am 29. September 1865. In wiffenschaftlichen Kreisen erregte der frühzeitige Tod dieses vielseitigen Gelehrten große Theilnahme. Abraham Geiger, der in religiösen Fragen sein Antipode war, schrieb ihm einen Nekrolog, in welchem er den Heimgegangenen Forscher, damit aber auch sich selbst, ein ehrendes Denkmal errichtet. S. B. Correspondenzen. Wien (K a i s e r f e i e r.) Wie in allen jüdischen Gotteshäusern der Residenz fand auch im Bethause des Israelitischen Tempelvereines für Wieden und Margarethen am 18. August in Anwesenheit des gesammten Vorstandes ein besonders feierlicher Gottesdienst statt. Herr Rabbiner Dr. Reich hielt eine Festrede, welche die Zuhörer tief ergriffen hat. Am Schluffe derselben wurde die Bundeslade durch den Obmann Herrn Adolf H o f m a n n und dem Schriftführer Herrn Fra n k.l geöffnet und L>e. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Reich recitirte ein eigens für diesen Tag verfaßtes Gebet. — Im israelitischen Bethause der Unteren Viaductgasse 13 fand in gleicher Weise ein Festgottesdienst statt. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. A b e l e s hielt eine gediegene, in das Herz greiftnde Festpredigt und sprach ein besonderes Gebet für das Leben Sr. Majestät des Kaisers und für das Heil der allerhöchsten Dynastie. Mit dem Absingen der Bolkshymne wurde in beiden Gotteshäusern die Feier geschloffen. Wien. Die „Statistische Monatsschrift", das Organ des österreichischen statistischen Amtes, bringt eine Statistik über den Schulbesuch, der anscheinend ein sehr ungünstiges Resultat für die israelitische Jugend aufweist. Die Tabelle weist folgende Ziffern auf: Confession Bevölkerung Percentsatz Zahl der Percentsatz Schüler Römisch-katholisch 18,935.7-13 70-24 2,510.769 87-42 Griechisch-katholisch 2,814.200 11-87 177-331 6 17 Augsburger Confession 315.823 1-J 2 42.670 1-48 Helvetische Confession 120,524 0*54 16-630 0-57 Griechisch-orientalisch 544.739 2-32 27.341 0-95 Israeliten 1,141 615 4*77 96-797 3*37 Andere 22.764 0 04 1 191 0*04 23,895-413 100 00 2,872-629 100-00 Nach dieser Tabelle stellen die Juden, die in der Bevölkerung 4'77 Percent bilden, nur 3 37 der Schülerzahl, eine Erscheinung, die umso auffallender ist, als doch sonst die Juden jede Gelegenheit wahrnehmen, ihren Kindern Bildung und Wissen zugängig zu machen. Die merkwürdige Thatsache findet aber eine sehr einfache Erklärung. Die Mehrzahl der österreichischen Juden wohat bekanntlich in Galizien und in diesem Kronlande fehlen, wie dieselbe Statistik nachweist, noch immer die Schulen für rund 40 Percent der Bevölkerung. Da ist es denn nicht zu verwundern, wenn auch die galizischen Juden unter diesem Mangel leiden und so viele jüdische Kinder auf den Schulbesuch verzichten müssen. Diese Thatsache aber wirft auch ein intereffantes Streiflicht auf die Verhältniffe unserer galizischen Brüder und erklärt den Mangel jeder weltlichen Bildung, der uns oft bei ihnen so unangenehm auffällt. Amstelten. Anläßlich des 70. Geburtsfestes Sr. Majestät unseres allergnädigsten Kaisers wurde auch im hiesigen Tempel ein Festgottesdienst abgehalten. Der Vortrag des Königspsalms von Herrn A. Deutsch, sowie die der Feier angemeffene patriotische Festrede von Sr. Ehrwürden Herrn A. L ö w y, dem Bezirksrabbiner, wurden von den zahlreich anwesenden Festgästen, unter denen auch der hiesige k. k. Bezirkshauptmann und Statthaltereirath Baron Alfred v. Lederer Stadtbürgermeister Herr A. Schmied! und Gemeindeausschuß Herr Hofbuchdrucker A. G n e i s e r, sowie Herr Cultusvorsteher Emanuel Schulz aus Purgstall u.A.m. erschienen waren, beifällig ausgenommen. Mit der Absinguug der Bolkshymne schloß die Feier. Marienbad. Wie überall, wo österreichische Herzen schlagen, herrschte auch in der hiesigen israelitischen Gemeinde am Jubeltage Sr. Majestät unseres allergnädigsten Kaisers allgemeine freudige Begeisterung. Diese gab sich auch durch einen solennen Festgottesdienst kund, der in allen hiesigen Gotteshäusern zur selben Stunde stattfand. Der festlich erleuchtete jüdische Tempel war in allen seinen Räumen mit Andächtigen und Gästen anderer Confesfionen dicht gefüllt. Mit dem vom Cantor Golden-