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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-24 · 34 (24.8.1900) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
34 (24.8.1900)
Date
1900-08-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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«rite 616 Dr. Bloch's Wochenschrift' Nr. 84 als ei» rettendes Wunder segnen, dann werden wir unsere unglücklichen rumänischen Brüder, deren Elend uns den Schlaf der Nächte raubt, als heilige Sühnopfer preisen, die ausersehen sind, durch ihre Leiden das Heil des ganzen Volkes vorzubereiten. (Stürmischer, sich immer wieder erneuernder Beifall und Händeklatschen. Den Reigen der Referate eröffnete Mr. G. L. Greenberg-London mit einem Referate über die Situation der Juden in England. Der Bericht stützt sich hauptsächlich auf Rapporte, die dem Ober- und Unterhaus und dem Handelsministerium von der Specialcommission in der Aliens-Bill eiugereicht wurden und — mag es sofort gesagt sein — die alle sich in sehr freundlichjüdischem Sinne über die russisch-jüdischen Einwanderer geäußert hccken. „England," so behauptet Mr. G r e e n b e r g, „ist das einzige Land unter der Sonne, wo der Jude vollständige Freiheit genicht. Wenn überhaupt irgend welche Unterschiede existiren, so ist es nur das letzte Flimmern der sterbenden Flamme von religiösem Fanatismus. Großbritanniens Principien des Freihandels mußten natürlich dazu beitragen, die Immigration zu fördern. Ferner, wenn doch irgend welche Attaken gegen Juden gerichtet sind, so handelt es sich nicht um die Juden als Religionsgesellschaft, sondern um einzelne Individuen, die Unwissenheit mit Diamanten vereinigen." Der Redner macht hierbei einen heftigen Ausfall, ohne indessen Namen zu nennen, gegen gewisse jüdische Parlamentarier und Zeituugsbesitzer, die der zionistischen Bewegung fernstehen. „Unsere Glaubensgenossen im vereinigten Königreiche bilden nur eine kleine Proportion zur allgemeinen Bevölkerung — 150.000 und 40 Millionen. Bon diesen kommen etwa 110.000 auf London und 40.000 aus die Provinzen, auf Schottland und Irland. Ein richtiger Census existirt ja bekanntlich in England nicht, man muß sich auf Dedietion von den Todesstatistiken stützen. In den letzten zwei Jahrzehnten läßt sich ein Zuwachs aufweisen. In 1881 belief sich die jüdische Bevölkerung des United Kingdon auf Kaeen über 70.000. Von 1881 bis 1891 vermehrte sich die allgemeine Bevölkerung von 108 per Tausend. Dasselbe Verhallen würde für die jüdische Bevölkerung einen Zuwachs von 70.000 auf 77.560 für 1891 ergeben haben. Zwischen 1891 und 1899 belief sich der Zuwachs der allgemeinen Bevölkerung auf 109 per Tausend. Auf die jüdische Bevölkerung angewendet, sollte sich die letztere auf 65.953 belaufen. Juden zeigen jedoch ei» höheres Geburts- und ein geringeres Sterbeverhältniß als die allgemeine Landesbevölkerung, und diese Erwägung würde die jüdische Bevölkerung des United Kingdon durch natürlichen Zuwachs auf etwa 90.000 bringen. Was die Erziehung der Kinder betrifft, so wurden von den 21.503 Kindern 8808 in Freiwilligenschulen, d. h. specifisch jüdischen Schulen, und 12.695 in Simullanschulen untergebracht, die meistens von Juden besucht werden, jüdische Lehrer haben und am Samstag geschloffen sind. Eine traurigere Ziffer liefert die Statistik der Gefängnisse, wo 1899 sich 613 jüdische Gefangene befanden, gegen 228 im Jahre 1899. Erfreulich hingegen ist der Wohlthätigkeitssinn der englischen Juden. Wenn man in Betracht zieht, daß unter den 150.000 Juden höchstens 30.000 erwachsene Männer sind, so läßt sich berechnen, daß jeder Jude in England über sieben Pfund pro Jcchr für wohlthätige Zwecke gibt. Aus guter Quelle wird versichert, daß das Haus Rothschild in England im vorigen Jahre über 100.000 Pfund für öffentliche und private Wohlthätigkeit ausgegeben hat. In der dritten Sitzung des Zionisten-Congresses hielt Professor Dr. Mandelstamm aus Kiew einen Vortrag über die Lage der Iuden in Rußland. Er schilderte sehr anschaulich, wie sie zusammengedrängt wohnen in einstöckigen Hütten in einem Zimmer, das als Wohnstube, Werkstatt und Schlafzimmer zugleich dient, worin nicht eine, sondern drei bis vier Familien zugleich leben müssen, und wo so wenig Raum ist, daß die Kmderwiegen an der Decke hängen müssen. Die große Masse der russischen Juden bestehe aus Handwerkern, Taglöhnern und Kleinhändlern. Juden übernehmen in Rußland gern die härteste körperliche Arbeit, aber es sei ihnen fast unmöglich gemacht, außerhalb ihres eigenen Kreises Arbeit zu finden. In Folge der schlechten Lebensbedingungen und mangelhaften Ernährung blieben die russischen Juden auch körperlich zurück, ihr Brustumfang sei bedeutend geringer, als der durchschnittliche Brustumfang in Rußland, 170 Centimeter, betrage. Juden mtt geringeren Körpermaßen würden in die russische Armee ausgenommen, während man orthodoxe Russen mit den gleichen Körpermaßen freilasse. Nur durch besondere Umstände sei es zu erklären, daß die russischen Juden nicht nur weiter existirten, sondern sich sogar vermehrten. Der eine Umstand sei die Vorsorge, mit der die Mütter ihre Kinder vor Krankheiten schützten, der zweite Umstand sei die Mäßigkeit und Nüchternheit der Juden. Immerhin sei auf diese Umstände kein dauernder Verlaß. Redner machte dann verschiedene Vorschläge, auf welche Weise die Lage der russischen Juden gebessert werden könnte, und hauptsächlich führte er an, daß die russische Regierung die den Juden auferlegten Beschränkungen aufheben sollte. Aber der Redner bemerkte, er glaube nicht, daß je in Rußland eine gründliche Besserung stattfinden könnte, die einzige Hoffnung der russischen Juden sei Palästina. * * * Architekt Oscar Marmorek berichtet über die Fortschritte der zionistischen Bewegung: Das Comits hat beschlossen, der zionistischen Presse in der ganzen Welt eine größere Ausdehnung zu geben. Was die praktischen Erfolge oder Voraussichten der allgemeinen Bewegung anbeträfe, so wollte er (Redner) keinesfalls eine Mittheilung machen, die verfrüht sein könnte, aber was er bestätigen könne, sei, daß dem Comits von mehreren Großmächten das freundlichste Entgegenkommen gezeigt worden sei. Es hätte viel mehr ausgeführt werden können, wenn dem Comitö mehr Geld zur Verfügung gestanden hätte. In Rußland gibt es jetzt 1034 Vereine gegen 877 im Vorjahre, und 393 in 1898. England zählt 38 Vereine gegen 16 in 1899. Amerika hat deren 135 gegen 102 in 1899, davon sind ungefähr 40 Frauenvereine. Der Redner sprach dann von der Bewegung in Frankreich, Algerien, Belgien, Holland, Deutschland, Italien und der Schweiz. Südafrika hat, trotz des Krieges, seine Schekelgelder eingesandt. Ueberdies läßt sich aus den gesammelten Schekelgeldern berechnen, daß sich der Zionismus mindestens 100,000 Anhänger erfreut. In Galizien bilden die Zionisten die Majorität der Juden. In Rumänien schwächte allerdings die Emigration die zionistische Bewegung, indessen sind auch da noch viele Anhänger zu finden. In Bulgarien verhinderten selbst die elenden Zustände der Juden nicht die Gründung und das Gedeihen von 42 Verbindungen. Aus allen diesen Beispielen könne man ohne Zögern die jüchlutzfolgerung ziehen, daß am heutigen Tage die Mehrheit der Sdischen Nation zionistisch sei. Im Widerspruch zu dieser optimistisch gefärbten Darstellnug stand der Finanzbericht des Herrn Dr. K o k e s ch, welcher alles eher denn einen Fortschritt constatiren konnte. Die finanziellen Ergebnisse wurden zwar einigermaßen verschleiert, weil die Bilanz diesmal blos für 9'/» Monate vorpelegt worden ist. Indessen konnte man aus den vorgelegten Ziffeni entnehmen, daß der Stand keineswegs rosig ist. Beide Berichte fanden denn auch vielfache Einwendungen und heftige Opposition, und es bedurfte eines energischen Eingreifens der beiden hervorragenden. Zionistenführer, um die Genehmigung der Vorlagen durch den Congreß schließlich zu erzielen. * -i- * Dr. Bodenheimer aus Köln sprach über „Organisation und Agitation". Er stellte die Begründung von Sparkassen, Krankenkassen und Unterstützungsvereinen in Aussicht, befürwortete ferner die Anstellung von umherreisenden Rednern und die Gründung einer zionistischen Tageszeitung. Wenn der Congreß an verschiedenen Orten gehalten würde, so könne das auch der Propaganda nützen, doch da der Zionismus in London eine so gute Aufnahme gefunden habe, so könne man wohl versucht sein, den Congreß so lange dauernd in London abzuhalten, bis es möglich sein werde, ihn in die Hauptstadt von Palästina zu verlegen. Ueber die verschiedenen Mittel der Agitation wurde ziemlich eingehend debattirt. Noch eingehender und erregter -wurde über die Frage discutirt, ob der Congreß, wie bisher, jedes Jahr abgehalten werden solle. Ein Antrag, daß man die Anberaumung weiterer Congresse dem ausführenden Comito überlassen solle, fand energischen Widerspruch und wurde abgelehnt. Die Culturfrage, die intellectuelle Hebung des jüdischen Stammes in allen Ländern entfesselte eine heftige Discussivn und offenbarte einen scharfen Gegensatz zwischen

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