Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 31 Dr. Bioefl’s |aißg«K» XVII. Centralorgan «— .- - --f | A. ft. Pnfisparcsgrn-Amr "Clraringvrrkrhr Ar. 810.976. Ledsrtion und Udministrstion: Wien H., Mutete MuaaxtenTbc. la. Telephon -Nr. 14.847 k a für die gefammten Interessen des Iudenthmns. Men, 3. August 19OO Erscheint jeSen Freitag. -«f- Brief-Adresse: Wien» II.. Untere Augartenstraße In» Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. X - - » VrMg»prriN stv- SrSrrrrich: Halbjährig S Kronen. ' Einzelexemplare SO Heller jSiz*9 Jbxaionb: i Halbjährig 10 Kronen. j ganzjährig 20 Anzeigen: Die 4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. & — . ■=» Inhalt. Leitartikel: Das Verbrechen von Monza. — Die Statutenreform der Wiener israelitischen Cultusgemeinde. — Die armen rumänischen Juden. — Das Elend der rumänischen Auswanderer. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Jüdische Officiere im russischen Operations-Corps gegen China. Charakterbilder rumänischer Richter. Die Boxer und die Antisemiten. 'Der Aberglaube der Chinesen. — Baron Hirsch-Stiftung für Galizien. — Correspondenzen: Die rumänischen Auswanderer. Wien, Budapest, Prag, Berlin, Constantinopel, London, China. — Vermischtes: Wien, Baden, Proßnitz, Reichenberg, Jägerndorf, Boskowitz, Wottitz, Strakonitz, Warasdin, Kojetein, Budapest, Ung.-Brod, Wag-Neustadtl, Breslau, Briefen in Westpreußen, Constantinopel. London, New-Iork. — Feuilleton: „Jdiotenclub." Michael. — Literatur. — Brieflasten. — Inserate. Das Verbrechen von Monza. Der Menschenhaß und die Grausamkeit, in welchen die heutige Generation erzogen worden, haben wiederum einmal ein Opfer gefordert, eines der edelsten Opfer. Mitten in seinem Volke, das ihn liebte und verehrte, haben den König Humbert die Schüsse eines Mörders niedergestreckt, der auf diese Weise sein anarchistisches Bekenntniß und, wie er sich ausdrückte, seinen Haß gegen die monarchischen Institutionen bekunden wollte. Der Mörder, den man vor der Wuth des Volkes nur mit Mühe schützen konnte, scheint stolz auf seine That zu sein. Die Grausamkeit, die in der heutigen Zeit überall ihre Orgien feiert, bedarf, wie wir leider wissen, keiner Ursachen oder Vorwände, sie heischt blos Befriedigung. So hat denn ein Verbrecher den Italienern ihren guten und tapferen König entrissen, ihren König, der ein Ideal des constitutionellen Monarchen war, wie Carnot, der gleichfalls unter.den Händen eines Anarchisten Gefallene, das Ideal eines constitutionellen Präsidenten gewesen war. Vom Anfänge seiner Regentenlaufbahn bis ans Ende war König Humbert stets darauf bedacht, nicht nur für das Volk zu wirken, sondern so zu wirken, wie das Volk, wie seine Vertretung es wünschte. Es schien, als hätte er von seiner hohen Stellung nur die Lasten für sich behalten. Niemals schonte er sich, und jeder Gefahr stellte er sich bloß; wo immer er es für nöthig fand, setzte er seine Person aufs Spiel. Die Popularität kam ihm entgegen, ohne daß er sie suchte, einfach, weil er sich so gab wie er war, weil das Volk seinen Muth und seine glühende Vaterlandsliebe kannte. Mit diesem Schatz von Beliebtheit, der sich ansammelte, hat er nicht gegeizt, und jedes Ministerium, das aus den Bewegungen der in der Kammer gesetzlich vertretenen Volksmeinung hervorging, konnte daraus schöpfen. Er war der Wächter der Verfassung und der Repräsentant der Einheit Italiens. Wo er war, dort war Italien. Sein Vater hatte das Königreich geschaffen, er aber stärkte und verbreitete die monarchische Gesinnnung, und obwohl ein Mörder, der sich rühmt, daß er die Monarchie habe treffen wollen, ihn getödtet hat, so bleibt es doch richtig, daß König Humbert ganze Landstriche der Monarchie gewonnen hat, indem er sie für seine Person gewann, die durch ihre schlichte Vornehmheit die Gemüther bezwang. Man ist entsetzt darüber, wie viel Haß hinter einem menschlichen Antlitz sich bergen kann, welche Ruchlosigkeit in einem menschlichen Herzen Platz habe, welcher Gedankengang in einem menschlichen Geiste möglich ist. König Humbert hat keinem Menschen ein Leid zugefügt, so wenig, wie unsere edle, unvergeßliche Kaiserin Elisabeth. Konnte man jemals von einem Fürsten glauben, daß er sein Haupt ruhig in den Schoß jedes seiner Unterthanen legen dürfe, so sicherlich von diesem Könige, der voll Herzensgute und Seelenadel, taoellos in feiner constitutionellen Gesinnung wie in seiner Lebensführung, gleich verehrungswürdig als Herrscher wie als Mensch, in der Erfüllung seiner königlichen Pflichten und in der Sorge um das Wohl und Gedeihen seines Landes sich erschöpfte, überall Segen zu verbreiten, das Unglück zu lindern und — soweit dies in seiner Sphäre möglich war -- selbst die Härten der politischen Kämpfe zu mildern suchte. Dennoch hat der Haß dieses edle Fürstenhaupt zu seinem Opfer erkoren, der Menschenhaß und die Grausamkeit, zu welchen die heutige Generation unter stiller Duldung aller Factoren planmäßig erzogen worden. Alle Regungen des Mitleids und der Humanität werden verspottet und verhöhnt, die Herzenshärte und Mitleidslosigkeit wird als Heldenthum gepriesen, die sociale Mißgunst und der brutale Neid wurden in allen Schichten entfessett, wurden Vorwand und Rechtfertigung für alle Grausamkeit, welche man gegen einen Nebenmenschen verüben konnte. Unbeschadet einer kirchlichen Reaction, welche in allen Ländern die Vorherrschaft gewinnt, steigen die Wellen des blutdürstigen Menfchenhasses aus den Tiefen in die Höhe empor und erreichen nunmehr die höchsten Gipfel. In das Zeitalter des Antisemitismus mit all seinen Grausamkeiten und Brutalitäten, seiner Freude am Leid und Elend unschuldiger Menschen, gehören solche Verbrechen, wie der gräßliche Mord zu Monza. Dem blutigen Zeitalter drücken Blutthaten den verbrecherischen Stempel auf.